Maxeiner und Miersch12.03.2010 11:22
Avanti Dilettanti! (II)
Am vergangenen Samstag erleichterten vier schwere Jungs die Veranstalter eines Poker-Turniers am Potsdamer Platz um eine viertel Million Euro. Die ein wenig suboptimale Ausführung des Verbrechens rief sogleich Experten wie den Vorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, auf den Plan: “Hier waren offensichtlich nicht Profis am Werk, sondern Dilettanten.” Der “spektakuläre Fischzug”, so vermerkten die meisten Medien spürbar enttäuscht, wurde offensichtlich von Amateuren durchgeführt, nicht von gut geschulten Spezialisten.
Wir möchten dies zum Anlass nehmen, eine Lanze für den Dilettantismus zu brechen, dem die Menschheit so manche wertvolle Erkenntnis verdankt. Zunächst einmal ganz unmittelbar: Uns war neu, dass deutsche Vorzeige-Persönlichkeiten wie Boris Becker sich damit die Zeit vertreiben, im edlen Berliner “Hyatt"-Hotel um Millionensummen zu zocken. Hunderte gestochen scharfer Bilder von dem Überfall belehrten uns ferner darüber, dass man am Potsdamer Platz offenbar nicht einmal die Toilette besuchen kann, ohne dabei aus allen Winkeln fotografiert zu werden. Weiter legten die Dilettanten offen, dass man Profis auch nicht vertrauen kann, zumindest wenn es darum geht, auf die Kasse aufzupassen. Eine Erfahrung übrigens, die während der Finanzkrise zahlreiche Menschen mit ihrem hochprofessionellen Bankberater machten.
Das italienische Wort “dilettante” leitet sich ab aus dem lateinischen “delectare”, was soviel heißt wie “sich erfreuen”. In des Wortes ursprünglicher Bedeutung war der Dilettant also ein Liebhaber seines Faches. Solche Amateure haben in der Wissenschaft Großartiges geleistet. Fraunhofer war Glasschleifer, Faraday Buchbinder, Mendel Priester und nicht etwa Biologe, Jane Goodall revolutionierte die Primatenforschung mit einer Ausbildung als Sekretärin. Auch Alexander von Humboldt, Charles Darwin und Alfred Wegener studierten nicht die Fächer, in denen sie später Bahnbrechendes entdeckten.
Das Gegenstück des Dilettanten ist der Experte, neudeutsch auch Profi. Der wissenschaftliche Fortschritt bedingt auf vielen Gebieten eine Spezialisierung, das lässt sich wohl nicht vermeiden. Andererseits ist der geistige Radius von Experten oft viel eingeschränkter als der des Dilettanten. In heutiger Zeit haben wir es mit einer Inflation des Expertentums zu tun, auch dort, wo es überhaupt nicht gebraucht wird. Man denke nur an die vielen Afghanistan-Experten, die zu Beginn des Krieges 2001 plötzlich aus dem Nichts auftauchten. Wir sind immer wieder überrascht, wie schnell man zum Experten erklärt wird, nur weil man einen lesbaren Artikel über irgendein Thema geschrieben hat. Journalismus - und Politik - sind eigentlich das Gegenteil von Expertentum. Dennoch macht auch dort jeder einen auf Experte. So sind wir von Pseudo-Experten umgeben. Dann lieber bekennende Dilettanten.
Erschienen in DIE WELT vom 12.3.2010
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Kategorie(n): Kultur
