24.02.2010   10:38

Bagatellen

In der Erlebnisgesellschaft kommt es auf das Detail an. Wenn Margot Käßmann bisher als die erste Bischöfin in der Geschichte der evangelischen Kirche Deutschlands galt, so ist sie seit gestern die erste Promille-Bischöfin in der Geschichte dieser Kirche. Der Vorteil: Sie kann jetzt auch von Stefan Raab eingeladen werden. Und noch etwas: Falls sie ihr Amt verlieren sollte, so wird sie es wegen der Promille verlieren, und nicht wegen ihrer öffentlichen Aussagen der letzten Monate, in denen sie nicht müde wurde, das allgemeine Appeasement zu rühmen.

Betrachten wir es so, wie es ist: Auch wenn die Bauvorschriften nicht mehr gelten, wie uns der U-Bahn-Bau zu Köln gezeigt hat, und das Urheberrecht, angesichts eines zum Bestseller gewordenen Debüts, zur literarischen Gestaltungsfrage erklärt werden kann, gilt immerhin noch die Promillegrenze. Ihre Macht ist für den Stand der Dinge entlarvend und gleichzeitig Ausdruck der letzten Hoffnung.

Auch die gravierende Veränderung, die sich abzeichnet, besteht in einer Kleinigkeit. Bisher orientierten wir uns in der Praxis unserer Öffentlichkeit am Maximum. Wir wähnten uns nicht auf der Höhe der Zeit. Sich am Maximum orientieren, bedeutet, das Gesetz zum Maßstab aller Dinge zu machen. Es handelt sich dabei um die Form, die der Erfahrungsausgleich historisch und kulturell angenommen hat. Aus der Gesetzeslage spricht nichts Geringeres als die Zivilisation.

Nun aber sieht es so aus, als wollten wir uns von diesem Prinzip verabschieden. Als gelte es, das Minimum zum Maßstab zu erheben. Apropos: Wie konnte eigentlich Griechenland in die Eurozone gelangen? Wo das Minimum regiert, ist viel Platz für das Missverständnis. Das Missverständnis aber gehört zur Materialbasis des öffentlichen Klatsches, der die Agora belebt. Kann, so gesehen, in unserer Gesellschaft das Überschreiten der Promillegrenze mehr sein als ein Kavaliersdelikt? Wer von uns saß noch nie, nach ein paar Bieren, hinterm Steuer?

Zum Grundmissverständnis dieser Zeit gehört, dass alles Menschliche zu verstehen wäre. Das führt dazu, dass die Lüge zwar weiterhin als Lüge begriffen wird, aber nicht weniger interessant erscheint als die Wahrheit. Die Steigerung der Lüge aber, die Selbstdarstellung, wird längst als Strategie geschätzt. Unter solchen Umständen kommt es nicht mehr darauf an, was man will, sondern wie man es darstellt. Das Anliegen ist Teil der Selbstdarstellung. Das macht die öffentliche Debatte schon im Ansatz fragwürdig.

Wenn das Leistungs-Problem von einem Westerwelle angesprochen wird, so wird man öffentlich zunächst einmal nicht das Leistungs- Problem wahrnehmen, sondern den Westerwelle. Das weiß er genauso gut wie seine Gegner. Er denkt das Thema Leistung würde ihm parteipolitisch nützen, und sie werden nicht müde darauf hinzuweisen, dass das tatsächlich so ist. Im Ergebnis ist der Begriff Leistung verloren.

Eines der großen Probleme der Erlebnisgesellschaft entsteht dadurch, dass sie mit allem spielt, mehr noch, dass sie den Eindruck vermittelt, es lasse sich alles spielend regeln. Wir leben in einer Zeit, in der selbst das Spiel mit dem Feuer als Spiel wahrgenommen wird, und damit die Spielregeln in den Vordergrund rücken, und nicht das Problem des Feuers.

Dieses Verhalten hat sich in allen Bereichen durchgesetzt. Es führt nicht nur dazu, dass in der Literatur geklaut, und das Klauen zur literarischen Methode erklärt wird, also zur Spielregel, es hat auch zur Folge, dass Banker Luftnummern in Form von Fonds verkaufen und Anlageformen empfehlen, die sie selbst für unseriös halten. Darauf angesprochen, sagen sie letzten Endes achselzuckend, dass der Gang an die Börse für den Kunden durchaus als das bekannt ist, was er ist, ein Spiel. Sie sagen einem recht offenherzig: Geld sollte man anlegen, wenn man zu viel davon hat. Ist die Bank zur Spielbank geworden? Was aber, wenn man auf die Scheine angewiesen ist?  Zumindest aber mit dem Ernst der Lage zu rechnen hat?

Bei dieser Frage hat unsere Öffentlichkeit immer weniger Antworten parat. Wer eine siebzehnjährige Debütantin zur Jahrhundertautorin erklärt, kann nicht ernsthaft den Anspruch haben, etwas von Literatur zu verstehen. Die Debatte über „Axolotl“ füllt mittlerweile wahrscheinlich mehr Seiten als das, was über den Roman „Atemschaukel“ der diesjährigen Nobelpreisträgerin geschrieben wurde.

Wundert uns das? Nein, das wundert uns nicht. Man kann heutzutage ja nicht bloß Helene Hegemann mit Franz Kafka vergleichen, man kann auch Franz Kafka mit Helene Hegemann vergleichen. Wie gravierend der Zustand ist, zeigt sich darin, dass dieses nicht einmal unser Dilemma darstellt, sondern bloß die Opportunität, in deren Spielraum wir uns befinden, anschaulich macht. Denn darauf kommt es uns an. Auf die Opportunität dessen, was wir tun und lassen. Wir scheinen zu vergessen, dass hinter den Namen der Dinge, nicht bloß die Dinge sind, sondern auch der Wert dieser Dinge. Dieser Wert ist ihnen eingeschrieben. Von der Geschichte, von der Kultur. Er ist gesetzt, aber nicht Teil des Spiels. Die Spielregel ergibt sich aus der Gebrauchsanweisung. Sie folgt nicht dem Gesetz, sie bewegt sich bloß im gesetzlichen Rahmen.

Was nützt es, Geld zu verdienen, wenn es nichts mehr wert ist? Was macht die Promillegrenze aus, sobald die (Selbst)Verantwortung keine Rolle mehr spielt? Bei Griechenland denken die meisten ja immer noch an die Antike. Auch wenn sie bloß hinfahren, um am Strand zu liegen, denken sie, sie liegen am Strand der Antike. In Wirklichkeit aber haben sie, um an diese Strände zu kommen, die Fähre nach Byzanz genommen. Mit dieser Fähre kam Griechenland fälschlicherweise in die Eurozone. Das wissen alle, und es wird gelegentlich auch öffentlich gesagt, und auch das ist Teil des Spiels, und so geht das Spiel munter weiter. Das Spiel geht so weit, bis der Euro nichts mehr wert ist. Und was dann? Kriegen wir die Krise? Haben wir sie nicht schon?


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Kategorie(n): Inland  Kultur