19.04.2007   17:10

Gastbeitrag von Marko Martin: Sushi in Beirut, Falaffel in Tel Aviv

Weshalb Lifestyle nur wenig erklärt: Ein Streifzug durch beide Mittelmeeerstädte

Wenn das Flugzeug den nächtlichen Landeanflug beginnt und jeder Passagier weiß, dass die Bordmonitore über seinem Kopf in den nächsten Minuten eingezogen werden, scheint alles so einfach: Eine leichte Drehung nach links, und man wäre in Beirut, ein wenig nach rechts, und bald würde unterhalb der Fenster das orangene Lichtgefunkel von Tel Aviv sichtbar. Landet man schließlich in einer der beiden Städte, überlagert sich die Wahrnehmung sogar für eine Weile, denn selbstverständlich ist es die gleiche heiße Luftdusche, die einen sogleich umfängt, unvergessliche Mittelmeermischung aus Kerosin, Öl, Eukalyptus und Pinien. Im Flughafengebäude dann exakt das gleiche Gewusel, Zurufe und Freudenschreie in der Ankunftshalle, danach erneut der Hitzeschock und das Zikadengesumm draußen beim Taxistand, die sich mit schmuddligen Taschentüchern über die schweißglänzende Stirn wischenden Fahrer mit ihren breiten Goldkettchen und über dem Bauch spannenden weißen Hemden, die einen ohne Skrupel – und quasi als Ergänzungsprogramm zur üblich pathetischen Ich-bin-ein-ehrlicher-Mann-Rhetorik - zu neppen versuchen auf der Fahrt hinein in die Stadt, vorbei an staubigen Palmen, Laternenfunzeln und Betonquadern, aus deren Flachdächern rostige Eisenstangen ragen, heruntergekommenen grauweißen Kolonialhäusern mit sperrmüllverstellten Balkonen, Plastiksäcken vor graffitibesprühten Rollläden, um die sich räudige Katzen balgen… Das alte Jeminitenquartier im Süden Tel Avivs, die Schiitenviertel in Süd-Beirut - ein auf mediterrane Idyllik geeichter Blick würde hier wohl vor allem staunend das Gemeinsame entdecken, ein auf Harmonie um jeden Preis bedachter Reisender womöglich gar etwas von „gleichem Kulturkreis“ murmeln. (In der Tat raten immer wieder erzieherische Kommentatoren und eifrige Leserbriefschreiber dem Staat Israel, sich doch in Zukunft gefälligst besser in seine Umwelt zu integrieren, sprich zur Konfliktvermeidung seinen feudal-arabischen Nachbarstaaten schlichtweg ähnlicher zu werden.)
Wahrscheinlich griffe es zu kurz, diese konsensualistische Optik lediglich mit dem Fakt zu konfrontieren, dass Beiruts südliche Stadtteile auch weiterhin voller Chomeini-, Chameini- und Scheich Nasrallah-Poster und Transparente hängen, die recht eindeutig die Vernichtung gerade jenes säkular-lebensfrohen Tel Aviv ankündigen, stets abrufbare Chiffre für alle antijüdischen Obsessionen. Ist – oder war - das ebenfalls mondäne Beirut aber nicht ganz anders, heißt es nämlich immer wieder, Perle des Orients, Paris des Nahen Ostens, Ort freundlicher Frivolitäten statt apokalyptischer Endkämpfe? Denn natürlich ließ und lässt sich in Beirut bei wunderbarem Panoramablick ganz hervorragend Sushi essen (und sogar Sake trinken) - auf dem Dachrestaurant des mehrstöckigen Virgin Megastore, der einst die nach Pariser Vorbild erbaute Oper beherbergte. Man kann hier Bücher und Zeitschriften - darunter selbst den in anderen arabischen Ländern verbotenen Playboy - kaufen, dazu die neuesten CD´s:  In der Abteilung „Worldmusic“ kommt jedoch, anders als in Paris, hinter dem Schildchen „Irland“ sogleich Japan – Israel fehlt noch immer. (Im Vergleich dazu scheinen Israelis keinerlei Probleme zu haben, in jenen vor allem in Tel Aviv präsenten „Lebanese Fast Food“-Läden Shawarma zu essen.) Auch findet sich unter all den internationalen Bestsellern kein einziges Buch, das sich mit Anlässen und Folgen des von 1975-1991 dauernden Bürgerkriegs beschäftigen würde, dessen Täter und Opfer eben vor allem Libanesen waren und nicht allein die vielzitierten „Zionisten“. Gern würde man dieses noch dem entspanntesten abendlichen Gläsergeklirr in Cafés und Clubs unterlegte dröhnende Schweigen mit der inneren Fragilität des Landes erklären, wäre das immerhin in seiner puren Existenz permanent bedrohte Nachbarland nicht das entsprechende Gegenbeispiel: Geradezu unsinnig, in Tel Aviver Buchhandlungen, den bis weit nach Mitternacht offenen Falaffelständen oder erotisierenden Stranddiscotheken nach inner-israelischer Selbstkritik wie nach einer raren Kostbarkeit zu forschen. Dort nämlich müsste man keineswegs erst die vielzitierten Intellektuellen oder unentwegten Friedensaktivisten von Peace Now frequentieren, um Zeuge jener schier endlos scheinenden Alltagsdebatten zu werden, die eben nicht nur um die eigene Sicherheit kreisen, sondern gerade von jungen, dem Amüsement keineswegs abgeneigten Leuten, von Soldaten und Zivilisten, in bester Erwachsenen-Manier auf jene Fragen hin zugespitzt werden: Wo liegt unsere Verantwortlichkeit, unsere Schuld, unsere Ignoranz?
Dass man weder in Teheran noch in Damaskus auf die Idee käme, sozial- und generationenübergreifend immer wieder genau diese Frage hin und her zu wenden und den zivilen Streit um Antworten zu wagen, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Dass dagegen auch in Beirut die Präsenz eines Hard Rock Cafés („Hard times are gone – Hard Rock is here“ lautete der frohgemute Slogan) noch lange nicht den in skrupulöse Selbstreflexion überführten zivilgesellschaftlichen „beautiful noise“ (Neil Diamond) repräsentiert, scheint im Westen nach wie vor erklärungsbedürftig.
Es ist, als seien hierzulande die Bilder des Bürgerkrieges – zerschossene Nobelhotels, die Swimmingpools voller Sandsäcke und auch Leichen - in der Erinnerung wie weggewischt und die vom ehemaligen Ministerpräsidenten Hariri getätigten Investitionen inklusive aller Marken-Boutiquen von Versace bis Gucci, Banken und neueröffneter In-Cafés noch immer eine Art Maskottchen: Wo Chi-Chi und Talmi herrschen, so die naive Annahme, müsse doch auf Dauer Frieden sein. Ist es der Mut der Verzweiflung, phönizische Händlerklugheit oder eine Art levantinischer laissez faire-Ignoranz, dass die Einheimischen selbst dieses Spiel so beredt mitmachen – bis heute? Und Europa schaute zu, ohne wirklich zu verstehen. Weder Hariris Ermordung im Februar 2005 durch mutmaßlich syrische Geheimdienstler noch die fortgesetzte (und durch den von Demonstranten miterzwungenen syrischen Abzug keineswegs gedämpfte) Anti-Israel-Hetze der Hisbollah schien nachhaltig zu irritieren. Statt dessen pries man die damaskus-kritischen „Zedernrevolutionäre“ und fand es geradezu schick, dass sich die jeunesse dorée der christlichen Maroniten nach angeblich getaner gesellschaftlicher Arbeit wieder voller Freude dem Sonnenbaden in Byblos und dem Club-Hopping in Ashrafieh hingab, orchestriert vom einlullenden Blubbern ihrer Wasserpfeifen. War es nicht tatsächlich ein Fortschritt, dass man inzwischen zusammen mit Sunniten, ja selbst Schiiten vor der ockerfarbenen Fassade von Dunkin´ Donuts saß, den vorbeiflanierenden Beauties beiderlei Geschlechts nachschaute, in Sportwagen die Beiruter Strandpromenade entlangbrauste, Verabredungen per Handy traf (den noch immer kontrollsüchtigen Eltern damit ein modernes Schnippchen schlagend) und ansonsten über die bigotten Golfaraber spottete, von denen jeder wusste, dass sie ihre Haupt- oder Nebenfrauen im Saint Georges parkten, während sie sich selbst mit libanesischen Gespielinnen in ihre Chalets in den Bergen zurückzogen? Vielleicht war es ja ein Fortschritt – auch wenn dieser Art urbaner Lässigkeit immer auch etwas leicht parvenü-artig Vulgäres anhaftete, ein Tänzeln auf weiterhin brodelndem Vulkan und es nie ganz sicher schien, ob eben dies nun mediterranen Pragmatismus darstellte oder nicht eher doch eine geistlose Vergesslichkeit, die irgendwann neue Opfer fordern würde. Ein elegantes Marcel-Proust-Zitat im Gespräch mit libanesischen Schriftstellern, ein Bizet-Abend im Konzertsaal der Saint Joseph-Universität (bei welchem die berühmte „L´Amour est un oisseau rebelle“-Arie gnadenlos mitgeklatscht wird) oder ein Wegzappen fanatischer Scheich-Nasrallah-Reden hin zu anderen Fernsehkanälen, wo man nicht etwa die Vernichtung Israels propagiert, sondern eine unverschleierte Schönheit rhythmisiert schmachtende Habibi, Habibi-Gesänge zum Besten gibt… Bis im Sommer 2006 der herbeiprovozierte Krieg zurückkam.
Als Anfang der siebziger Jahre die westeuropäische Welt, damals verzaubert von diversen Dalida-Chansons, noch vom vermeintlich sündig-gelassenen Beirut träumte, prophezeite bereits die später ins Exil geflüchtete Schriftstellerin Gadda Samman in ihrem Roman „Taxi nach Beirut“ der auf familiären Absprachen und Kungeleien anstatt offenem Markt gegründeten noch-prosperierenden Stadt „Blut, viel Blut“. Kurz darauf war es dann soweit.
Inzwischen hat in den Clubs erneut die orientalische Popmusik das Regiment übernommen – klingt sie nicht ähnlich wie das, was man in Tel Aviv im „Vox“ oder in den Coffee-Shops in der Dizengoff- oder Shenkin Street zu hören bekommt? Doch wenn Sarit Hadad in vibrierendem Rhythmus von ihrem geliebten Tel Aviv singt, ist dies weniger zirpende Melancholie als das kraftvolle Plädoyer für eine moderne Metropole, die sich ihrer Verletzlichkeit sehr wohl bewusst ist. Ganz zu schweigen von „Boker Tow, Iran“ („Guten Morgen, Iran“) des israelischen Rockstars Aviv Geffen (der Bruder seiner Großmutter hieß Moshe Dayan), wo der beinahe rührende Versuch unternommen wird, für die Hit-Länge von dreieinhalb Minuten irrationalen Hass zu analysieren und mit klugen Argumenten zu überwinden.
Leben also all die leichthändig konsumierenden Zivilisten, welche bis vor kurzem – und jetzt wieder - in der Beiruter Innenstadt abends auf und ab flanieren, doch in einer anderen, weniger reflexionsgeprägten Welt? Der mehrfache Beirut-Besucher erinnert sich vor diesem Hintergrund vor allem an zwei ein wenig bizarre Vorkriegs-Szenen, die ihm typisch erschienen. Sein Vorhaben, die Flüchtlingslager Sabra und Shatila zu besuchen, löste unter seinen libanesischen Bekannten lediglich nervöses Gelächter aus: Weshalb diese Orte, so die Frage, schließlich hausten dort ja nur schmutzige Palästinenser, obwohl - sekundenlanges Stirnfurchen - Ariel Sharon auf ewig verflucht sei dafür, 1982 Tausende dieser Helden ermordet zu haben. (Der Fakt, dass es der libanesische Christ Elie Hobeika war - nach dem Krieg sinnigerweise Minister für Flüchtlinge und Behinderte – welcher mit seinen Milizen das Morden in die Tat umsetzte, spielte innerhalb dieser krausen Logik keinerlei Rolle.) Andere Tageszeit, anderer Ort: Ein Hamam im von Sympathisanten der Amal-Partei bewohnten Schiitenviertel. Die von Istanbul bis Kairo übliche plätschernde Dampfbadstille, im hinteren Teil des Vapeur jedoch gedämpftes Keuchen und wechselseitiges Fummeln unter leinernen Lendentüchern. Dann plötzlich des hereingeschneiten Fremden gewahr werdend, die reichlich pubertär ausgelebte Homosexualität sofort kaschierend in radebrechendem englisch: „I have so many girl-friends, I have a wife!“ Rein individuelle Überlebensstrategie oder Lebenslügen als gesamtgesellschaftlicher Verdrängungsdefekt? 
Während dessen laufen in Tel Aviv schwule Soldaten Hand in Hand, sind homophobe Äußerungen innerhalb der israelischen Armee Grund für Disziplinarverfahren. Vielleicht lehrt ja der lebensweltlich neugierige Blick auf jene zwei an der Oberfläche so trügerisch ähnliche Städte, dass sich sowohl die hiesige Spaß- und Wellnessfraktion wie auch die Gilde der griesgrämigen Kulturpessimisten entschieden irren könnten: Weder ist der Konsumismus Beiruter Provenienz Garant für eine stabile Gesellschaft, noch bedeutet eine durchaus hedonistisch ausgelebte Daseinsdankbarkeit á la Tel Aviv das logische Ende von Wehrfähigkeit und Selbstreflexion. Zwei Orte, zwei Welten. 


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