22.06.2009   06:25

Doppeltagebuch 1989/2009- 22. Juni

Der Druck des Westens zeigt Wirkung: Martin Notev, der vor einigen Tagen trotz geglückter Flucht vom Westberliner Spreeufer zurück in die DDR geschleift wurde, kann in die Bundesrepublik ausreisen Natürlich hatte sich die DDR zuvor die „Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten“ verbeten, dann aber nachgeben müssen, weil die eklatante Verletzung von Menschenrechten eben keine „innere Angelegenheit“ ist.
Das finden auch die hunderten Demonstranten vor der Chinesischen Botschaft in Ostberlin. Sie protestieren gegen das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens. .Die Volkspolizei geht mit aller Schärfe gegen die Demonstranten vor. Die wehren sich . Es gibt bei den Verhaftungen zahlreiche Verletzte. Später, bei den Vernehmungen, schlagen die Stasileute auf die Verhafteten ein. Außer in Berlin wird auch in Potsdam und Dresden demonstriert.
Während die unteren Chargen auf den Straßen auf den Straßen Prügelorgien veranstalten, werden die Chefs vom Staatschef geehrt: Erich Honecker befördert und ernennt Generale der Volkspolizei.
Walter Kempowski beklagt in seinem Tagebuch die fehlende Diskussionskultur in der BRD:
„Man muß erleben, wie in unseren Talkshows, wie in den Zeitungen nur immer die eine von Schwachköpfen kanonisierte Meinung gilt. Jegliche Differenzierung wird sofort zertrampelt. Abweichend Meinungen werden zu Waffen gegen den, der sie äußert, nicht zu Denkangeboten.“ Daran hat sich bis heute nichts geändert.


Nachdem am Sonnabend eine junge Frau in Teheran vor laufender Kamera erschossen wurde und praktisch vor den Augen der Weltöffentlichkeit starb, hat unsere Kanzlerin endlich ihre Zurückhaltung aufgegeben und auf einer Pressekonferenz deutliche Worte gefunden. Besser spät, als gar nicht, aber die lange Woche des Schweigens ist gerade im zwanzigsten Jahr nach den Wahlfälschungen in der DDR alles andere als ein Ruhmesblatt. Die Linken schweigen noch immer. In linken Internetforen wird gar Stellung für Ahmadinedschad bezogen und die Legende von der amerikanischen Einmischung gestrickt. Die protestierenden iranischen Frauen werden als „Disco-Miezen“ verunglimpft. Selbst wenn das Einzelmeinungen sein sollten, so ist das Schweigen der Kämpfer für das Gute entlarvend.
Es ist schon beklemmend, wie stark die Mauern in den linken Köpfen noch sind. Im Iran passiert heute, was vor zwanzig Jahren im Ostblock geschah: Die Menschen wollen sich nicht mehr vorschreiben lassen, wie sie zu leben haben, sie bewegen sich. Die Politik läuft hinterher. Mussawi hat am Sonnabend erklärt, er sei bereit zum Märtyrertum. Aber die Revolution hat schon eine Märtyrerin: Neda. Es sind vor allem die Frauen im Iran, die Veränderung wollen. Dafür genügt es nicht, die Wahlstimmen neu auszuzählen, womöglich vom Wächterrat, der zu keinem andern Ergebnis kommen wird. Nein, im Iran muss unter strengster internationaler Aufsicht neu gewählt werden. Menschenrechte gehen vor Staatssouveränität!


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Kategorie(n): Inland