27.02.2009   11:07

Schröder macht Sinn

Erschienen in DIE WELTWOCHE vom 26.2.2009

Gerhard Schröder war erst kurze Zeit Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, als er in einer Talkshow gefragt wurde, was er von dem damals noch in der Planung befindlichen „Holocaust-Mahnmal“ halten würde. „Ich wünsche mir“, antwortete Schröder, „ein Mahnmal, zu dem die Menschen gerne hingehen“.
Das ist jetzt zehn Jahre her. Nicht nur Schröder ist älter geworden, auch die Berliner Republik ist gereift. Das Mahnmal wurde „angenommen“, es gehört neben dem Brandenburger Tor und dem umgebauten Reichstag zu den wichtigsten Touristenattraktionen der Hauptstadt. Allein im ersten Jahr nach der Eröffnung im Mai 2005 wurde es von 3.5 Millionen Menschen besucht. Besonders im Sommer wird es gerne von jungen Paaren frequentiert, die ungestört knutschen möchten.So ist Schröders Wunsch Wirklichkeit geworden, wobei man ihm zugute halten muss, dass er es so nicht gemeint hat. Wahrscheinlich wollte er nur sagen: Die Menschen sollen hingehen, ohne sich dazu verpflichtet zu fühlen, freiwillig, wie auf eine Kirmes; und sie sollen den Ort verlassen, ohne sich schuldig zu fühlen, aber um eine emotionale Erfahrung reicher. Die Frage ist nur: Wenn er es so gemeint hat, warum hat er es nicht so gesagt?

Jetzt war der Alt-Kanzler in Teheran, hat dort vor der iranischen Industrie- und Handelskammer eine Rede gehalten und dabei wieder einen Satz gesagt, den man sehr beliebig interpretieren kann. „Der Holocaust ist eine historische Tatsache. Es macht keinen Sinn, dieses einmalige Verbrechen, für das Hitler-Deutschland verantwortlich ist, zu leugnen.“ Was wollte Schröder damit sagen? Dass der Holocaust eine historische Tatsache ist? Dass Hitler-Deutschland für dieses einmalige Verbrechen verantwortlich ist? Das sind alles Binsen wie „Ich war mal Kanzler“ oder „Mit der SPD geht es bergab“. Die Aussage, auf die es ankommt, sind die Worte: „Es macht keinen Sinn...“ Das ist eine völlig unideologische, praxisorientierte Feststellung. Wäre er in seinem SPD-Unterbezirk gewesen, hätte Schröder gesagt: „Leute, hört auf mit dem Quatsch, ihr macht euch nur lächerlich.“

Entscheidend ist nicht, dass Ahmadinejad antisemitische Ressentiments benutzt und bedient, es kommt nur darauf an, dass dies „keinen Sinn“ macht, also kontraproduktiv ist. Denn historische Tatsachen zu leugnen, kann durchaus „Sinn machen“, also von Vorteil sein. Die alten SED-Kader leugnen, dass es einen Schiessbefehl an der Grenze zur BRD gegeben hat, die Türken bestehen auch 94 Jahre nach dem Völkermord an den Armeniern darauf, dass nur Kollaborateure und Verräter bei Kampfhandlungen ums Leben gekommen sind. Es geht also nicht um Fakten und Fiktionen, sondern um deren Gebrauchs-wert. So betrachtet, macht es in der Tat keinen Sinn, den Holocaust zu leugnen. Es setzt die iranische Führung in ein schlechtes Licht, kostet die Wirtschaft Ansehen und Aufträge.

Der Subtext, den man bei diesen Worten mitlesen muss, lautet: „Gerade wir als Deutsche können es uns nicht leisten, Geschäfte mit einem Land zu machen, dessen Präsident den Holocaust leugnet. Macht es uns doch nicht so schwer...“Denn: den letzten Holocaust zu leugnen, das ist schlimmer, als den nächsten vorzubereiten. Es gehört zum Wesen historischer Tatsachen, dass sie in der Vergangenheit liegen, während über die Zukunft nur gemutmaßt werden kann. Und so lange Ahmadinejad nicht unter notarieller Aufsicht zu Protokoll gibt, dass er den Befehl zur Vernichtung Israels geben wird, gilt für ihn die Unschuldsvermutung. Er wünscht sich nur „A world without Zionism“, erklärt Israel zu einem „Krebsgeschwür“ und sagt dem „zionistischen Gebilde“ ein baldiges Ende voraus. Aus alldem zu schließen, er bereite die zweite Endlösung der Judenfrage vor, wäre unfair und voreilig. Und deswegen hat Altkanzler Schröder den iranischen Präsidenten nicht aufgefordert, seine Drohungen aufzugeben und sein atomares Programm einzustellen, er hat ihn nur darauf hingewiesen, dass es „keinen Sinn“ macht, den Holocaust zu leugnen.

Und wenn der iranische Präsident mit seiner Doppelstrategie nicht aufhört und Israel tatsächlich eines Tages von der Landkarte bzw. aus den Seiten der Geschichte verschwinden sollte, könnte in Berlin ein weiteres Mahnmal gebaut werden. Ein Ort, zu dem die Menschen wirklich gerne hingehen.


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Kategorie(n): Inland