14.09.2008   12:50   +Feedback

Zurück aus dem Sommerloch

Eines habe ich in den letzten Wochen gelernt: Wenn man einen großen Umzug vorbereitet, dann sollte man möglichst nicht gleichzeitig eine große Medien-Debatte auslösen. Beides auf einmal ist einfach zu viel. Während ich eigentlich damit beschäftigt war, Formalitäten für unseren bevorstehenden Umzug nach Australien vorzubereiten, tat sich in Großbritannien das Sommerloch auf und zog mich in sich hinein.

Unser Bericht über die gescheiterte Regionalpolitik schlug bekanntlich hohe Wellen. Ich habe wohl noch nie zuvor an einem einzigen Tag 30 Radio- und Fernsehinterviews gegeben. Am Abend nach der Veröffentlichung erhielt ich einen Anruf von meinem guten Bekannten Toby Helm, der für den Observer arbeitet. Ihm hatte ich vor Wochen einen Artikel angeboten, den ich über das hohe britische Preisniveau geschrieben hatte. Leider war er damals nicht erschienen, doch nun wollte Toby ihn unbedingt haben. “Toby,” sagte ich, “ich habe im Moment wirklich andere Probleme. Mach damit, was Du willst.” Und das tat er denn auch. Statt ihn vollständig zu veröffentlichen, druckte ihn der Observer nur auszugsweise und stellte stattdessen mich in den Mittelpunkt seiner Berichterstattung. Ich sei wohl nicht zufrieden damit gewesen, ganz Nordengland gegen mich aufgebracht zu haben. Nun lege ich mich auch mit dem Rest des Landes an, stand da zu lesen. Das war natürlich aus dem Zusammenhang gerissen und übertrieben, aber so ergab es wenigstens eine Story.

Auf den Zug sprangen auch andere Medien auf. Der Londoner Evening Standard rief mich an und wollte von mir ein Statement haben. Ich erklärte den Kollegen, dass ich mich längst nicht so einseitig über Großbritannien geäußert hatte, wie es dem Observer zu entnehmen war. “Kein Problem,” sagte man mir, “wir machen eine ausgewogene Story über Sie” - nur um dann im Interview immer wieder zu versuchen, mich auf die Schiene “Deutscher beschwert sich über England” zu ziehen.

Aber das Spiel wollte ich nun wirklich nicht mitspielen, denn noch mehr Öl ins Feuer wollte ich nicht gießen. So beantwortete ich die Frage der Standard-Reporterin nach meiner Meinung von der Londoner U-Bahn diplomatisch damit, dass sie eine technische Meisterleistung gewesen sei, noch dazu drei Jahrzehnte, bevor U-Bahnen in anderen Großstädten gebaut wurden. Aber das Alter der Londoner Tube sei nun eben auch der Grund, warum sie so schwer zu modernisieren ist. “It’s the curse of the first mover, if you like” sagte ich.

Prompt stand am nächsten Tag im Evening Standard: Erst beschwert sich Hartwich über Nordengland, dann über das Preisniveau, und nun nennt er die Tube auch noch einen Fluch! Danach dann noch ein Zitat von Bürgermeister Boris Johnson: “The Londoners I have met are aware life has got harder in recent years but, rather than jumping on a jumbo and sniping from the Sydney sidelines, they want to crack on with making the improvements that can make Greater London greater still.” Danke, Boris! Erst fordert mich Oppositionschef David Cameron auf, das Land zu verlassen. Dann beschimpft mich George Galloway als “Nazi”, und nun habe ich es mir also auch mit dem Londoner Bürgermeister verdorben - für eine Aussage, die ich so gar nicht gemacht habe!

Doch die Medien hatten immer noch nicht genug von mir. Von der Daily Mail bekam ich einen Anruf: ob ich einen längeren Artikel zu meinen merkwürdigen Ansichten schreiben könnte. Da ich mir dachte, es sei besser, selbst etwas zu schreiben als die Mail über mich schreiben zu lassen, sagte ich zu. Doch dann wurde mir mitgeteilt, dass ich einen Ghostwriter der Mail zur Seite gestellt bekäme “to make sure it’s a Daily Mail piece”. Der rief mich dann auch an und wollte wieder einmal die Geschichte des Deutschen hören, der sich über England beschwert, weil zu Hause alles besser ist. Und wieder habe ich mich schlichtweg geweigert, ihm diesen Gefallen zu tun. “Das ist nicht das, was ich sage”, versuchte ich ihm zu erklären. “But you realise it’s the Daily Mail?” fragte der irritiert zurück. Am Ende musste ich seinen Entwurf des Artikels deutlich abmildern - mit dem schönen Erfolg, dass die Daily Mail ihn schließlich nicht druckte.

Dafür druckte die Daily Mail eine andere Geschichte. Für ein neues Magazin hatte ich einen Artikel über die Grüngürtelpolitik geschrieben. Sie hatten mich um einen Kommentar dazu gebeten, und ich hatte ihn geliefert unter der Bedingung, dass ich etwas Ausgewogenes schreiben dürfte. “Kein Problem, schreiben Sie, was Sie wollen,” sagte man mir damals, und das tat ich auch. Was sie mir nicht sagten: Der Artikel erschien unter der Überschrift “Is the Green Belt still sacred?”. Dagegen: ich. Dafür: ein Dozent der Queen Mary University. Das hätte man mir eigentlich auch vorher einmal mitteilen können, aber vielleicht erwarte ich einfach zu viel. Nicht erwartet hatte ich jedenfalls, dass besagtes Magazin eine PR-Agentur beauftragt hatte, die neue Ausgabe zu vermarkten. Sie sahen meinen Namen und brieften die Medien, dass der “verrückte Deutsche” wieder zugeschlagen hat. Erst beleidigt er Nordengland, den beklagt er sich über die Preise und die U-Bahn, und nun will er den Grüngürtel zubetonieren. Der Daily Mail gefiel die Geschichte nur zu gut, und prompt fand ich mich wieder in dieser Zeitung mit lauter Dingen, die entweder sinnentstellend aus dem Zusammenhang gerissen wurden oder ich so schlichtweg nicht gesagt hatte. Danke, liebe Mail! Das ist Qualitätsjournalismus, wie man sich ihn wünscht.

Die Erfahrungen mit den britischen Medien bestätigten sämtliche Klischees, die man von ihnen hat. Dass es auch anders geht, bewiesen übrigens die deutschen und australischen Medien. Auch dort interessierte man sich offenbar für die Geschichte vom nach Australien auswandernden Deutschen in London. Aber im Gegensatz zu ihren britischen Kollegen haben die deutschen und australischen Journalisten sich die Mühe gemacht, sich tatsächlich einmal mit mir zu unterhalten und sich dann sogar auch noch meine Zitate bestätigen zu lassen. Herausgekommen sind dabei unter anderem ein Artikel im Tagesspiegel, ein Interview im Bonner Generalanzeiger, ein Portrait im Sun Herald in Sydney sowie ein längeres Gespräch mit mir im Inforadio Berlin.

Nun klingt der Medienrummel um mich jedenfalls langsam ab und - ganz ehrlich - das ist auch gut so. Von der Berichterstattung von Mail, Standard, Observer & Co. habe ich nämlich fürs Erste genug. Und außerdem gibt es ja auch noch andere Dinge für uns zu tun, als das britische Sommerloch zu füllen. Zum Beispiel den Umzug vorzubereiten, der in wenigen Wochen ansteht. Außerdem muss ich noch in zwei Wochen auf einigen Veranstaltungen auf dem konservativen Parteitag in Birmingham reden. Meine Kollegen witzeln schon, ob ich da wohl noch ohne Polizeischutz erscheinen kann. Aber ich bin da zuversichtlich: es ist schließlich Birmingham und nicht Liverpool.

Froh bin ich dann doch, dass ich dieses ganze, leicht verrückte Land in ein paar Wochen hinter mir lassen kann. Wahrscheinlich wäre der ganze Wahnsinn der letzten Wochen schlechter zu ertragen gewesen, wenn ich nicht gewusst hätte, dass meine Zeit hier sowieso bald zu Ende geht. Und auch das ist ganz gut so.


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Kategorie(n): Ausland