Fred Viebahn 20.01.2009 15:06 +Feedback
Zukunftstänze in Amerikas Geschichtsmuseum
Während übers lange Wochenende (gestern war Martin Luther King-Day, ein Bundesfeiertag, an dem vor allem Regierungs- und Postämter blau machen) aus den ganzen USA Millionen Menschen in die Bundeshauptstadt strömten, um die Amtseinführung von Barack Obama mitzuerleben, überquerten wir in umgekehrter Richtung, zurück vom District of Columbia nach Virginia, den Potomac über die Theodore-Roosevelt-Brücke. Wir hatten die Einladung des Presidential Inaugural Committee zu einem reservierten Platz am Capitol in den Wind geschlagen, nicht weil wir nicht gerne hautnah dabei gewesen wären, sondern weil wir uns a) nicht mit der komplizierten Logistik herumschlagen wollten, wie man bei den Straßensperren, Autoverboten und überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln von einem Ort zum anderen kommt, b) keine Lust auf lange Fußmärsche in Kälte und Gedränge hatten, c) Massenansammlungen—ob politische oder Rockkonzerte—generell höchst enervierend finden und d) uns das Spektakel lieber detailliert zuhause auf dem Bildschirm anschauen. (Nur einmal haben wir uns erlaubt, freiwillig in Menschenfluten zu tauchen und zeitweise zu versinken; das passierte Sylvester 1989, bei der spontanen Freudenfeier am Brandenburger Tor, wo meine Frau fast von mir weggeschwemmt wurde, während ich leichtköpfig und -sinnig auf die Mauer kletterte.)
Wir waren am Sonntagabend in die Stadt gefahren, während am Lincoln Monument die Bühne des Nachmittagskonzerts, mit dem die offiziellen Inaugurationsfestlichkeiten angeleiert worden waren, wieder abgebaut wurden. Ganze Schulklassen liefen eingemummelt in dicke Parkas, doch offensichtlich in enthusiastischer Stimmung, die “Mall” zwischen Capitol und Washington Monument entlang, während der Autoverkehr allen Unkenrufen zum Trotz sehr leicht war. Unglaublicherweise fanden wir sogar einen Parkplatz auf der Constitution Avenue, keine hundert Meter vom Eingang des Museum of American History, wo die von der Washington Post betriebene Website TheRoot.com von neun bis eins zum Inauguration Ball geladen hatte; in unseren zahlreichen Gesprächen während der Feier stellte sich dann heraus, daß kaum einer unserer Gesprächspartner es gewagt hatte, ebenfalls mit dem eigenen Auto vorzufahren, so sehr saßen ihnen die Warnungen der Behörden vor Verkehrschaos und Parkplatzmangel im Nacken. Für den Notfall hatte ich meiner besorgten Gattin versprochen, sie mit ihren Stöckelschuhen und Abendkleid vor dem Eingang abzusetzen, mir dann weiter weg einen Platz für unseren SUV zu suchen und entweder, je nach Entfernung, auf behenden Füßen zurückzusprinten oder mir ein Taxi zu suchen, denn ich konnte sie nicht ganz mit meiner Versicherung beruhigen, ich hielte diese Panikmache in der Lokalpresse und im Radio für Sonntagabend um neun unbegründet. Schon einmal, vor dreizehn Jahren, hatte ich mich solchen Warnungen erfolgreich widersetzt, als ich mir im Herbst 1995 mit einem zu Besuch weilenden deutschen Freund den “Million Man March” ansehen wollte; auch bei der Gelegenheit hatte, und das mitten an einem hellichten Werktag, offizielle Panikmache (und eine gut organisierte Kampagne, die Leute mit Bussen ins Regierungsviertel zu bringen) dazu geführt, daß der Verkehr an Privatautos geringer war als sonst und wir ohne geringste Schwierigkeiten in die Höhle des Löwen rollten.
TheRoot.com wurde vor einem Jahr von Harvard-Professor Henry Louis Gates, Jr. gegründet, unter den Auspizien der Washington Post und ihrer Online-Kusine Slate (einstmals von Microsoft als eine der ersten Webzeitungen etabliert), zu einer Zeit also, als der Wahlsieg Barack Obamas noch in weiter Ferne lag und recht fraglich war, und hat sich seitdem als führende Nachrichtenquelle mit afroamerikanischem Schwerpunkt im Web etabliert. “Skip” Gates, wie ihn seine Freunde nennen, ist ein unermüdlicher Initiator und Macher, und so stand er am Eingang des Museums und begrüßte die Legionen an meist afroamerikanischen Gästen (hohe Regierungsbeamte, gewählte Volksvertreter, Film- und Fernsehstars, Schriftsteller, Journalisten, Musiker, Künstler, Ärzte, Rechtsanwälte usw.), die sich durch die Security drängelten; er schien alle zu kennen und zeigte mal wieder sein Talent, so viele miteinander bekannt zu machen wie menschenmöglich.
Wie bei solchen Ereignissen in Washington wohl immer noch üblich, Wirtschaftskrise hin oder her, bogen sich die Tische unter verführerischen Leckereien, Sekt und anderen Alkoholika, und bald bogen sich auch einige der vielleicht tausend Gäste unter der Last der vereinnahmten Prozente. Wir machten small talk mit Bekannten, die wir teilweise seit dem Ende der Clinton-Periode nicht mehr gesehen hatten, wurden von einem der Organisatoren zur VIP-Lounge gezerrt, wo, wie er uns sagte, Oprah Winfrey Hof hielt (der ich in den Neunzigern mal als Dinner Partner zugeteilt worden war—am selben denkwürdigen Wochenende voll afroamerikanischer Prominenz, als ich beim Frühstück am nächsten Morgen neben Angela Davis plaziert wurde; ja, so war’s dazumal mit den Privilegien des einzigen blauäugigen, blonden und noch dazu deutschen Mannes). Nun jedoch, als wir uns endlich zur VIP-Lounge im Obergeschoß des Museums durchgezwängt hatten, die offensichtlich dafür eingerichtet worden war, die vielen frenetischen Starverfolger unter den Gästen davon abzuhalten, berühmten Gesichtern aufdringlich nachzustellen, war Oprah allerdings schon wieder abgedampft, und wir mußten mit dem Schauspieler Samuel L. Jackson vorlieb nehmen, der allerdings von mehreren Kreisen anderer, minderer VIPs umringt war, worauf wir es vorzogen, uns wieder ins viel spaßigere Gewühl außerhalb der Lounge zu stürzen. (Später, um ein Uhr morgens an der Garderobe, tauschte Jackson mit meiner Frau einige Artigkeiten aus.) Das herumzwitschernde Gerücht, Barack und Michelle Obama würden vorbeikommen, bewahrheitete sich nicht, und die Myriade an Fotografen und Kameraleuten, die entlang des roten Teppichs des krönenden Ereignisses harrten, zogen schließlich mit “nur” Oprah und Jackson und Spike Lee und Diane von Fuerstenberg ab; vielleicht hatten sie auch noch Bob Woodward und Carl Bernstein und ein paar andere von der Glotze bekannte Mediavisagen im Kasten.
Nicht üblich ist es bei solchen Ereignissen allerdings, daß sie in einem der beliebtesten Museen Amerikas stattfinden, und dazu noch kurz nach seiner Wiedereröffnung nach zwei Jahren gründlicher Renovierung. Zwar wurden die Gäste gebeten, ihre Styrofoamteller voll Sushi und Krabbenfrikadellen und ihre Whisky- und Sektgläser nicht mit in die eigentlichen Ausstellungsräume zu schleppen, aber offen stand alles; wir warfen einen viertelstündigen Blick in die hochinteressante “American Presidency”-Ausstellung, beschlossen dann jedoch (da wir uns bei den aufgeregten “Vibes” eh kaum auf Einzelheiten konzentrieren konnten), eine gründlichere Besichtigung auf einen anderen Tag zu verschieben, in die Hauptlobby zurückzukehren und vor dem Star-Spangled Banner zu den Hip-Hop-Klängen des Diskjockeys Biz Markie das Tanzbein zu schwingen. Donald Graham, der CEO und Chairman der Washington Post, spannte mir trotz einer Fußverletzung eine Zeitlang meine Frau aus, während ich mit unserer langjährigen Freundin Elizabeth Alexander, die heute mittag, unmittelbar nach Barack Obamas Rede, ihr Inauguration-Gedicht vorträgt, die Hüften kreisen ließ. Als sich nach Mitternacht die Reihen ein wenig lichteten, schafften Rita und ich uns schließlich genügend Platz, um ein wenig Rumba, Cha-cha und Bolero zu improvisieren. Als Rhythmus-Muffel, der zwar eine Menge Tanzschritte kennt, aber auch nach zehn Jahren intensiven Gesellschaftstanzens immer noch seine Schwierigkeiten hat, den Takt zu halten und sich dabei am liebsten an seiner Frau orientiert, hatte ich keinen Schimmer, daß sich hektischer Hip-Hop überhaupt dazu eignet. Seit über dreißig Jahren bin ich immer wieder von der Ingenuität meiner Frau überrascht, und nun hat sie es sogar geschafft, eine Brücke von unseren “altmodischen” Formaltänzen zur Lieblingsmusik des neuen Präsidenten zu schlagen. Und das ausgerechnet im Museum der amerikanischen Geschichte.
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Kategorie(n): Ausland


