20.07.2012   15:59   +Feedback

Zombies in Berlin

Wo ist eigentlich Woody Allen, wenn man ihn mal braucht? Demnächst ziehe ich aufs Land, eine Entscheidung, die schon vor längerer Zeit gefallen ist. Heute wurde ich darin bestätigt, dass es eine gute Entscheidung war.

Auf der Suche nach einem Handy ohne Vertragsbindung betrete ich einen Laden in Berlin-Wilmersdorf. Natürlich sind Kunden, die ein Handy ohne Vertragsbindung wollen, keine Goldfische. Sie müssen also so schnell wie möglich wieder Platz machen für zahlungswilligere Kunden. Der Mitarbeiter, der eine Frisur wie ein Comicfigur hat, holt ein Handy für 29,90 Euro. Kurz bevor ich bezahlen will, bemerke ich, dass es keine Originalverpackung hat, sondern schon geöffnet wurde. Ich finde, dass man auch für 29,90 Euro eine Originalverpackung erwarten kann und moniere den kleinen Missstand. Der Verkäufer guckt genervt. Ich tröste ihn: „Ich weiß, Sie müssen es versuchen, zumindest versuchen, aber ich will trotzdem kein geöffnetes Handy.“ Er „Ich muss hier gar nichts versuchen. Das ist eben ein Vorführhandy.“ Aha. Und das soll ich kaufen? Warum eigentlich? Die Comicfigur setzt an zur großen Kundenbelehrung. Ich höre nur noch: „Soll ich Ihnen jetzt rein rechtlich erklären, wie das ist?“ Nein, danke.

Zum Glück gibt’s ja nicht nur diesen Laden. Im Laden gegenüber kostet ein Basic-Handy 70 Euro. Es ist hässlich und teuer. Ich frage in einem anderen Laden. Dort steht ein junger Mann, der den Eindruck erweckt, als störte ich ihn beim Aufbruch zur Tour de France. Er trägt ein grauenhaftes Shirt im Radfahrerstil und dazu eine noch grauenhaftere Frisur. Ich glaube, dass man Handyverkäufer in der Basis-Ausbildung wochenlang mit schrägen Sätzen wie : „Was wäre denn Ihr Traumtarif“ oder „Wenn 15 Cents pro Minute zu teuer sind – wovon träumen Sie?“ beschallt. Ich träume davon, dass man in Handygeschäften halbwegs intelligente Menschen antrifft.

Man wird ja noch träumen dürfen!

Weiter in den „Media-Markt“. Dort lagern Handys für alle Verträge für 19 Euro. Bevor ich es kaufen darf, frage ich das geschulte Fachpersonal, welchen weiteren technischen Mittel ich brauche. Ich versuche, den Herren auszusuchen, der am intelligentesten aussieht. Der Mitarbeiter – haben die alle den selben Friseur? – erkennt natürlich, dass er mir keinen Megavertrag aufschwatzen kann. Er dreht sich lasch zur Seite und sagt: „Dort hinten.“ Für 19 Euro, das lerne ich, macht kein Media-Markt-Verkäufer, der noch bei Trost ist, auch nur einen Schritt, um einem Kunden zu zeigen, wo die Ware liegt. Sie liegt ja immer „dort hinten“. Hätte ich wirklich auch von alleine draufkommen können.

Mein Bedarf an Menschen ist eigentlich gedeckt, aber ich muss ja irgendwie noch nach Hause. In der U-Bahn sitzt eine Frau, die laut und aufgeregt quasselt. Irgendwas ist gründlich schiefgegangen zwischen Tina und ihr und wenn ich Tina wäre, würde ich das machen, was Tina macht: Sie geht nicht mehr ans Telefon. Das muss die U-Bahn-Mitreisende reihum brüllend allen ihren Freunden erzählen. Der Mann, der mir gegenüber sitzt, zischt: „Fresse!“ Ich sage freundlich: „Omm, omm, bitte nicht zuschlagen.“ Wir lächeln beide.

Appell an Tina: Bitte weiterhin nicht rangehen! Appell an Woody Allen: Mach‘ was!

Silvia Meixner ist Journalistin und Herausgeberin von http://www.good-stories.de

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Kategorie(n): Inland 

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