Maxeiner und Miersch 24.12.2010 12:00 +Feedback
Zeit fürs Vogelhäuschen
Die Produktionsgenossenschaft Maxeiner & Miersch, die diese Kolumne jede Woche publiziert, traf sich Anfang der Woche zu einer kleinen, familiären Weihnachtsfeier. Da es auch in unseren Kreisen ein Grundbedürfnis nach festlicher Stimmung gibt, standen Themen wie Fortschrittsfeindlichkeit und Umwelthysterie, Klimahype und Stuttgart 21 auf der Liste der verbotenen Gesprächsgegenstände. Unsere Ehefrauen hatten uns signalisiert: “Wir können es nicht mehr hören und schon gar nicht an Weihnachten.” Wir sind also in der privilegierten Lage, unseren Nächsten schon dadurch eine Weihnachtsfreude zu bereiten, dass wir einfach mal den Mund halten. Aber worüber sonst sollten wir bloß reden?
Und so begab es sich, dass die Maxeiners vom Besuch eines Waldweihnachtsmarktes berichteten, den ein Hofgut im Bayrischen jedes Jahr ausrichtet. Knirschender Schnee, Pferdeschlitten mit Glöckchen, romantische Feuerstellen und Kerzenschein rührten sie so, dass sie einen riesigen Weihnachtsbaum kauften, der anschließend nicht ins Auto passte, woraufhin er wieder auf Normalmaß gestutzt werden musste. Außerdem wurde in einem Anfall von Sentimentalität ein total kitschiges Vogelhäuschen angeschafft. Nichts macht mehr Spaß, als einmal hemmungslos den Gutmenschen in sich durchkommen zu lassen. Das fanden auch Mierschs, die schon lange ein Vogelhaus auf dem Balkon ihrer Stadtwohnung unterhalten. Würde man das von Leuten erwarten, die ein Buch mit dem Titel “Das Mephisto-Prinzip - warum es besser ist, nicht gut zu sein” geschrieben haben?
Aber es kommt noch besinnlicher: Auf Mierschens Balkon ist sogar ein Meisenkasten mit einer Webcam installiert, die das Familienleben der Meise auf den Bildschirm des häuslichen Fernsehgeräts überträgt. Zur Krönung berichteten sie noch davon, wie sie eine Amsel mit Rosinen anlocken - und zwar stets zur gleichen Stunde: “Amseln haben ein hervorragendes Zeitempfinden, die sitzen pünktlich auf dem Balkongeländer und warten.” Doch offenbar verfügen Mäuse über ähnliche Fähigkeiten, jedenfalls saß nach einigen Tagen ebenfalls pünktlich eine da. Maxeiner ließ sich zu einer Bemerkung über “Trittbrettfahrer” und “Sozialstaat” hinreißen, was von seiner Frau mit einem strengen Tritt unter dem Tisch unterbunden wurde. Frohe Weihnachten wünschen Ihnen, liebe Leser, die Familien Maxeiner & Miersch.
Erschienen in DIE WELT vom 24.12.2010
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Kategorie(n): Kultur Bunte Welt Hausnachrichten


