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  02.09.2010   20:32   +Feedback

Wulffs verworfene Sarrazin-Rede

Von Gunnar Heinsohn

“Mitbürgerinnen und Mitbürger! Zwischen Rhein und Oder bereiten wir das größte pädagogische Experiment der Menschheitsgeschichte vor. Wir werden ein Drittel und alsbald sogar die Hälfte des Nachwuchses - 200.000 bis 300.000 Kinder jährlich - im Alter von 18 Monaten viele Stunden pro Tag aus ihren Familien herausholen und in speziellen Hochleistungskrippen so intensiv fördern, dass sie zu den Besten aufschließen. Sie können diese bis zum sechsten Lebensjahr sogar übertreffen, soweit die Kinder unserer Bildungsschichten nicht in den Genuss unserer Ausnahmekrippen kommen.

Wir gehen diesen Schritt, weil schon 2009 ein Viertel unserer Fünfzehnjährigen nicht ausbildungsreif ist. In wenigen Jahren könnte bei diesen jungen Leuten sogar die Hälfte der nächsten Kindergeneration geboren werden. Denn Bildungsferne kommen in der Arbeitswelt kaum unter und finden deshalb viel mehr Zeit für ein Familienleben als die in der Konkurrenz stehenden Bürger, die für sie das Geld verdienen. Allen Vorhaben, diesen Kindersegen zu unterbinden, schiebt unser Grundgesetz einen eisernen Riegel vor. Jeder Mensch, der legal im Lande wohnt und kein Einkommen hat, muss sein Leben lang für eine menschenwürdige Existenz bezahlt werden. Deshalb können wir den immer wieder vorgeschlagenen Weg der Niederlande nicht gehen. Dort liegt die Höchstsumme für eine hilfebedürftige Familie bei 3.000 Euro. Bekommt sie darüber hinaus noch ein Kind, gibt es für dieses kein zusätzliche Geld. Faktisch wirkt das als Kürzung für alle Familienmitglieder und dämpft den Impuls, das Einkommen durch Neugeborene zu vermehren. Bei uns jedoch ist der Hilfeanspruch an die Person gebunden. Seine Übertragung an das Familienkollektiv verletzt das Gleichheitsprinzip und ist deshalb verfassungswidrig. Wir lehnen auch die amerikanische Lösung ab, die seit 1997 nur maximal fünf Jahre Sozialhilfe vorsieht und damit die Geburtenzahl bei bildungsfernen Hilfeempfängern bis 2005 um 70% senkt. Die Amerikaner verletzen zwar nicht das Gleichheitsprinzip, aber aufgrund der fehlenden Lebenslänglichkeit der Versorgung vergehen sie sich an der Menschenwürde. Was Den Haag und Washington machen, wäre in Deutschland strafbar. Bill Clinton, der die amerikanische Reform vollzogen hat, könnte bei uns vor Gericht landen.

Doch auch wir verschließen die Augen vor den Konsequenzen einer zu 25 oder bald womöglich zu 50 Prozent niemals arbeitsfähigen Jugend keineswegs. Ministerin von der Leyen - wie ich aus dem ansonsten nüchternen Niedersachsen - hat ja dramatisch genug geklagt, dass eine Fortschreibung dieser Entwicklung “der sichere Weg in den Staatsbankrott” ist (FAZ, 28-5-10).

Bei unserem Rettungsprogramm geht es in der Tat um das Wohl und Wehe der Republik. Deshalb darf Geld keine Rolle spielen. Für zwei Jahre Spezialkrippe nehmen wir pro Kind rund 35.000 Euro in die Hand. Um wirklich zu helfen, dürfen die Gruppen ja höchstens drei Zöglinge umfassen. Die dafür benötigte Spitzenkraft kostet in zwölf Monaten über 50.000 Euro. In zwei Jahren sind das mehr als 100.000 Euro für drei Kinder. Zu diesen rund 35.000 Euro pro Kopf kommen noch die normalen Sozialgeld- und Kindergartenkosten ab dem 42. Lebensmonat. Wir bringen also für jedes betroffene Kind bis zum sechsten Lebensjahr 50.000 bis 60.000 Euro auf. Bis zum 15. Lebensjahr legen wir als Sozialgeld sowie für Schule und Hort noch einmal denselben Betrag drauf. Keine andere Nation hat so etwas jemals versucht oder auch nur angedacht. Bei unseren knappen Geburtenzahlen sehen wir den Nachwuchs der bildungsfernen Sozialgeldbezieher also keineswegs mit Sorge. Wir freuen uns über alle Kinder und werden Millionen von ihnen an die Weltspitze führen.

Gewiss, Mitbürgerinnen und Mitbürger, unser Vorhaben wird Zigmilliarden kosten. Richtig ist auch, dass wir dieses Geld nicht haben. Wir müssen also noch mehr Schulden aufnehmen. Aber die werden uns die Kinder in Billionenhöhe vergelten.

Wie wollen wir unsere Erfolge messen? Wir werden nicht auf Intelligenz schauen, denn ihre Definition ist strittig und sie hat einen Beigeschmack von Vererbung. Die bestreiten wir keineswegs generell, aber bei geistigen Fähigkeiten lehnen wir sie strikt aus. Also lassen wir unsere Fortschritte an objektiven Kriterien überprüfen. Dafür eignet sich am besten die Mathematik. Bereits für Zehnjährige gibt es Mathematikolympiaden (International Mathematics and Science Study/IMSS). Die Mathematik hat überdies den Vorteil, bloßes Kulturwissen, das Kinder bürgerlicher Eltern in Vorteil bringt, von der Beurteilung auszuschließen.

Wie sie alle wissen, führen bei den Mathematikwettbewerben immer wieder Ostasiaten, also Chinesen, Japaner und Koreaner. Zuletzt - im Jahre 2007 - bilden Hongkong, Singapur, Taiwan und Japan das Führungsquartett. Südkorea war zuletzt 2003 mit dem dritten Platz dabei. Deutschland schafft 2007 den zwölften Platz mit 525 Punkten gegenüber 607 beim Sieger Hongkong.

Die Objektivität der Mathematikleistung zeigt sich zusätzlich daran, dass sie umweltneutral, also messstabil ist. Die Kinder von Ostasiaten, die nach Amerika oder Kanada auswandern, schneiden - ungeachtet womöglich ungünstigerer oder besserer Umweltbedingungen - dort nicht anders ab als in der Heimat. Wenn man ostasiatische US-Amerikaner wie eine eigene Nation betrachtet, dann liegen sie 2007 zwischen dem Zweitplatzierten Singapur und dem Drittplatzierten Taiwan.

Natürlich wissen wir, dass es in den USA bisher nicht gelungen ist, die Kinder europäischer Einwanderer an die Mathematikleistungen der Kinder ostasiatischer Einwanderer heranzuführen. Wir wissen auch, dass aschkenasische Juden, die ebenfalls aus Europa kommen und dennoch auf Höhe der Ostasiaten liegen, keineswegs aufgrund besonderer Förderung so weit oben stehen. Sie erleiden bis 1945 sogar Zulassungsbeschränkungen an vielen Eliteuniversitäten. Wir sehen daran einmal mehr, dass Mathekönnerschaft kaum unterdrückt werden kann. Mit Diskriminierung kann man solche Menschen stumm, aber nicht “dumm” machen. Was wir also ab dem 18. Monat an Mathematik vermitteln, hat die besten Aussichten, ein Leben lang wirksam zu bleiben. Dass gute Mathematiknoten ein bestmögliches Maß für Lebenstüchtigkeit liefern, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass amerikanische Ostasiaten am seltensten Sozialhilfe beantragen. Und genau da wollen wir doch hin.

Warum wird nun bei uns funktionieren, was in Amerika scheitert? Die Antwort ist ganz einfach. Amerika nimmt an unserem Projekt nicht teil und kann deshalb auch nicht davon profitieren. Dabei ist unser Experiment der zeitweiligen Trennung schon der Eineinhalbjährigen von ihren Familien der größte Test aller Zeiten gegen den Vererbungsglauben. Würde Washington - sagen wir - für deutschstämmige Kinder ebenfalls 100.000 Dollar Fördergeld in die Hand nehmen, würden die sehr schnell zu den amerikanischen Ostasiaten aufschließen. Da sind wir uns ganz sicher. Schwarz auf weiß beweisen aber können wir das erst 2025.

Warum dauert das so lange? Erst ab 2015 können jährlich mindestens 100.000 Eineinhalbjährige in Krippen verbracht werden. Das geht nicht schneller, weil wir erst einmal aus unserem ohnehin raren Nachwuchs die Allerbesten dafür gewinnen müssen, in den Krippen zu arbeiten. Denn wie Eltern mit den besten Schulnoten mit hoher Wahrscheinlichkeit auch ihre Kinder zu guten Schulnoten animieren, so können allein Exzellenzstudenten das Anregungsmilieu erzeugen, das unsere bildungsfernen Kinder ganz nach vorne bringt. Dafür müssen wir den Bestand unserer Tüchtigsten, deren Innovationen unseren Wohlstand sichern, geehörig ausdünnen.

Im Jahre 2024 sind die Eineinhalbjährigen von 2015 zehn Jahre alt. Dann schicken wir sie zur Mathematikolympiade. Ein Jahr später haben wir das Ergebnis schriftlich. Theoretisch ist uns der erste Platz sicher. Denn Hongkong, Singapur, Taiwan und Japan ahmen unser Experiment ja nicht nach. Weil ihre Kinder nicht ab dem 18. Monat in den Genuss unseres mathematischen Trainings kommen, müssen sie zurückfallen. Es ist gerade unser Vorteil, den Zusammenhang zwischen Frühförderung und Spitzenmathematik besser zu kennen als irgendjemand sonst auf der Welt.

Dennoch, Mitbürgerinnen und Mitbürger, bitte ich um ein ganz klein wenig Spielraum. Wir werden unsere Maßnahmen die ersten Jahre immer wieder justieren müssen, bis wir das pädagogische Optimum erreichen. Deshalb erwarte ich, dass Thilo Sarrazin auch dann öffentlich widerruft, wenn die Kinder unserer jetzt noch Bildungsfernen zwar hinter Singapur, aber noch vor Taiwan immerhin auf den dritten Platz vorstoßen. Diese Bronzemedaille wollen wir wie Gold gewertet wissen.

Bis 2025 also - das gebieten sein Recht auf Irrtum und unsere Kultur des herrschaftsfreien Dialogs - sollen SPD und Bundesbank den streitbaren Kopf tolerieren. Bis dahin allerdings stehen seine Mitgliedschaften unter Vorbehalt. Doch wenn Deutschland vor dem gesamten Menschengeschlecht den Beweis gegen die Erblichkeit geliefert hat, wird sich ein Mann seiner Logik den Fakten bestimmt nicht verschließen.”

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Kategorie(n): Inland 

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