09.09.2012   10:19   +Feedback

Woran wir scheitern

Eran Yardeni

Unter dem Titel „Ideologien und Erziehungsphilosophie“ veröffentlichte 1986 eine kleine und am Rande der wissenschaftlichen Welt liegende israelische Zeitschrift für Psychologie und erzieherische Beratung einen der aufschlussreichsten Beiträge zum Verständnis des Begriffs Ideologie. Der Text stammt aus der Feder des damals schon bekannten Prof. Zvi Lam (Hebräische Universität) und gilt seitdem als Pflichtlektüre in jedem Einführungskurs für Erziehungsphilosophie.

Ideologie, nach Lam, ist ein kognitives System,  welches dem Menschen hilft, die Bedeutung der Welt und seiner Existenz zu entdecken und zu erfinden. Dazu dient sie auch als moralischer Kompass und als ethische Instanz. Die Ideologie weist den Menschen darauf hin, wie er in bestimmten Situationen handeln soll. Lam hinterfragte auch die Beziehung zwischen dem Menschen und seinem kognitiven System und kam zu dem Schluss, dass der Mensch von seiner Ideologie beherrscht wird, anstatt sie zu beherrschen Um die Frage zu beantworten, wie es eigentlich sein kann, dass der Mensch zum Sklaven seiner Idee wird und um die innere Struktur dieses kognitiven Systems zu verstehen und zu veranschaulichen, überprüfte und analysierte Lam sowohl die Bestandteile, aus denen der Begriff besteht, als auch die Beziehungen zwischen ihnen.

Nach Lam besteht jede Ideologie aus vier Grundbestandteilen. Erstens: Analyse des jetzigen Zustandes. Zweitens: Beschreibung des gewünschten Zustandes. Drittens: Gebrauchsanweisungen – d.h. was getan werden soll, damit man den angestrebten Zustand erreicht. Viertens: Für wen und von wem soll die gewünschte Ideologie ein- und durchgeführt werden. Jede Ideologie, egal ob Kommunismus, Liberalismus, Nationalsozialismus oder Pazifismus, besteht aus diesen vier Komponenten.

Man kann aber nicht übersehen, dass nicht nur Ideologien sondern auch jedes medizinische Eingreifen aus genau diesen vier Komponenten besteht. Jeder Arzt, z.B., macht zuerst eine Analyse oder eine Diagnose des Patienten, dann steckt er sein Ziel (Heilung oder Minderung der Schmerzen) und dementsprechend gibt er dem Kranken Anweisungen, was er tun soll um die Heilung zu optimieren. In diesem Fall ist es auch klar, für wen und von wem das medizinische Eingreifen durchgeführt werden soll. Wo liegt dann der Unterschied zwischen Ideologie und ärztlicher Untersuchung?

Nach Lam liegt der Unterschied in den Beziehungen zwischen den vier Komponenten und vor allem in den Beziehungen zwischen den ersten beiden. Im Rahmen der Ideologie wird der gewünschte Zustand nicht aus der Analyse des jetzigen Zustands abgeleitet sondern ganz im Gegenteil: Man analysiert und versteht die jetzige Situation durch seine Vision. Nur um ein Beispiel zu nennen: Wer nach einer klassenlosen Gesellschaft strebt, der analysiert die Realität auch so, dass aus seiner Analyse hervorgeht, dass die jetzigen Probleme der Menschheit von den Klassengegensetzen stammen.

Einen Fehler hat der erfahrene Professor aber doch begangen. Er betrachtete die Religion, neben der Wissenschaft und der Philosophie, als ein separates kognitives System aber ohne überzeugende Begründung warum. Immerhin besteht jede Religion aus diesen vier Bestandteilen und jede Religion neigt auch dazu, die Gegenwart durch ihre Zukunftsvorstellung zu verstehen. Wo liegt denn der Unterschied zwischen Religion und Ideologie?

Benutzt man das Modell von Lam, muss man zu dem Schluss kommen, dass es einen solchen Unterschied überhaupt nicht gibt. Dass Religionen den Begriff Gott benutzen, dass sie diese oder jene Art von Erlösung versprechen, ist im bestenfalls ein kleiner und ziemlich belangloser inhaltlicher Unterschied, aber kein struktureller. Man darf nicht vergessen, dass auch die Ideologie, und zwar jede Ideologie, sich auf metaphysische Instanzen oder auf utopische Visionen beruft. Dementsprechend bietet die Ideologie eine politische, gesellschaftliche, geistige oder biologische Erlösung.

Wendet man Lams Erklärmuster sowie meine bescheidene Ergänzung dazu auf die heutige Situation in Europa an, kann man auch verstehen, woran wir alle scheitern. Weil wir Religionen nicht als potentielle gegnerische politische Ideologien klassifizieren sondern als integrierbare gesellschaftliche Faktoren betrachten, geraten wir immer wieder in Verlegenheit, wenn die Realität über Integration etwas zu erzählen hat, das mit unseren rosigen Einbildungen nicht in Einklang zu bringen ist.

Man mag das akzeptieren oder nicht, aber in den letzten dreißig Jahren betrat ein neuer Akteur, eine neue konkurrierende religiöse und politische Ideologie, die Bühne Europas: der Islam,  Man kann so tun, als wäre dieser neue Darsteller nur eine weitere Requisite. Das ist schließlich genau das, was die Ritter der Toleranz und des Gutmenschentums seit Jahren praktizieren. Sie sitzen auf dem falschen Pferd, halten in der Hand die falsche Landkarte und wundern sich, warum sie ihr Ziel nicht erreichen.

Sie betrachten die Intoleranz von jungen Muslimen den Juden gegenüber als Zeichen der Hoffnungslosigkeit oder als Unfähigkeit, Abstand vom Nahostkonflikt zu halten und nicht als integralen Teil einer Ideologie. Das ist politische Blindheit und intellektuelles Versagen. Die Geschichte hat uns schon mal beigebracht, wie hoch der Preis für ein solches Versagen sein kann. 

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Kategorie(n): Wissen 

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