Gastautor 21.12.2011 21:43 +Feedback
Woher kommt das Gutmenschentum?
Von Alexander Schertz
In zwei früheren Beiträgen für die Achse des Guten habe ich mich damit beschäftigt, wie man das “Gutmenschentum” definieren kann(http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/eine_kleine_theorie_des_gutmenschentums/) und wie es das Geschichtsverständnis behindert(http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/gutmenschentum/). Diesmal versuche ich zu erklären, woher es kommt.
“Gleichheit” ist der gemeinsame Nenner der meisten Gutmenschen-Ziele: Gleichberechtigung der Geschlechter, der sexuellen Orientierungen, der Kulturen (auch innerhalb eines Landes), weitgehende materielle Gleichheit etc. Das betrifft auch den Umweltschutz. Die Parole “Wir haben die Welt von unseren Kindern nur geliehen” fordert, die Gleichberechtigung zukünftiger Generationen zu beachten. Sogar die Natur oder die ganze Erde wird gerne als gleichberechtigtes Wesen dargestellt, dem die Menschen etwas “schuldig” sein sollen.
Freiheit gehört zwar auch zu den Zielen der Gutmenschen. Im Zweifelsfall ist ihnen aber die Gleichheit wichtiger. Ein Beispiel dafür ist die die weit verbreitete Sympathie für den kubanischen Sozialismus.
Neben dem Bevorzugung der Gleichheit vor der Freiheit ist eine zweite Vorliebe für Gutmenschen charakteristisch: ihre Empörung ist ungleich größer, wenn die Benachteiligung und Unterdrückung oder Sünden wider den Planeten “unserer” Seite (dem Westen, den Amerikanern oder Israelis oder gar dem Papst) angelastet werden können. Man muss ihnen zugute halten, dass “wir” ja auch leichter etwas gegen solche Missstände tun können, wenn “wir” selber die Urheber sind. Die Empörung sollte aber bei fremden Urhebern ebenso groß sein, wenn es nur um die Sache geht. Und das Engagement sollte so weit gehen, wie es praktisch möglich ist. Es ist verräterisch, wenn etwa Menschenrechtsverletzungen oder Umweltsünden Gutmenschen ziemlich kalt lassen, solange die Schuld eindeutig nicht bei “uns” liegt.
Ähnlich, wie man aus optischen Täuschungen viele Informationen über das visuelle System des Menschen ableiten kann, sagt die Einseitigkeit der Gutmenschen einiges über ihre Motivation aus. Warum setzen sich überhaupt Menschen für Werte ein oder empören sich zumindest über Verstöße gegen Werte? Die Fähigkeit dazu ist angeboren, denn jeder tut es. Es gibt auch nicht erst seit der Entstehung des Gutmenschentums einen Wettbewerb darum, wer für moralische Werte am konsequentesten eintritt. Menschen wollten schon immer von ihren Zeitgenossen nicht nur als stärker, schöner und klüger als der Durchschnitt der eigenen Gesellschaft angesehen werden, sondern auch als “besser” als die anderen, was immer das in der jeweiligen Epoche war. Das gilt auch für heutige Gutmenschen. Unter diesem Aspekt wird der “Sehfehler” der Gutmenschen verständlich: man kann seine moralische Überlegenheit innerhalb der eigenen Gesellschaft zwar auch zeigen, indem man sich gegen Verstöße gegen das eigene Wertesystem außerhalb der eigenen Gesellschaft engagiert, aber viel effektvoller ist es doch, wenn man sich “mutig” wirklichen oder vermeintlichen Übeltätern im eigenen Lager entgegenstellt und sich von den passiven “Mitläufern” abhebt. Das gilt besonders für ein rein verbales Engagement. Über Menschenrechtsverstöße in Russland oder in China zu schimpfen, ist keine Leistung, mit der man Eindruck machen könnte. Wer aber über die vermeintliche Benachteiligung armer Länder im internationalen Handel durch unsere reichen Länder herzieht, platziert sich damit moralisch über den Mitgliedern der eigenen Gesellschaft, die angeblich an dem Übel schuld sind, und über denen, die nichts dagegen tun, obwohl man doch Möglichkeiten dazu hätte, etwa durch die Wahl einer stärker linksorientierten Regierung.
Besonders klar wird der Effekt, wenn es um Missetaten geht, bei denen sich die Opfer im “eigenen” Lager befinden und die Täter außerhalb. Beispielsweise eignet sich ein Engagement für stark benachteiligte Christen in muslimischen Ländern nicht gut fürs Punktesammeln im gutmenschlichen Moral-Wettbewerb. Wer für die eigene Seite eintritt, gerät leicht in Verdacht, dass es ihm nur um eigene (gar “imperialistische") Interessen geht, nicht um Moral. Moralische Überlegenheit lässt sich darum mit mit einem solchen Einsatz kaum demonstrieren.
Aus der Einseitigkeit der Wahrnehmung und des Engagements der Gutmenschen lässt sich also ableiten, dass ihre eigentliche Antriebsfeder nicht die Empörung über Ungleichheit und Unterdrückung (wo auch immer) ist, sondern das Bestreben, sich selbst als moralisch höherstehend zu präsentieren. Es ist anzunehmen, dass ihnen das in den seltensten Fällen bewusst ist. Menschen wollen ja ihre Überlegenheit nicht nur anderen zeigen, sondern auch selbst daran glauben. Gutmenschen schimpfen also pflichtgemäß auch über chinesische und russische Machthaber, ihr Blutdruck erreicht aber doch ganz andere Höhen, wenn es um Vergehen westlicher Länder geht.
Warum aber ist das Gutmenschentum etwa seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts in den westlichen Ländern so penetrant geworden? Warum ist es heute in Westeuropa die einflussreichste Grundorientierung und beherrscht auch in den USA das Denken eines großen Teils der Gesellschaft? Warum ist es in anderen Teilen der Welt relativ schwach ausgeprägt oder so gut wie nicht vorhanden?
Spätestens seit der Aufklärung stieg der Stellenwert von Freiheit und Gleichheit in den westlichen Gesellschaften immer weiter an wie in keiner anderen Hochkultur der Geschichte. In den sechziger Jahre begann jedoch eine zuvor ungeahnte Beschleunigung dieses Prozesses. Explosiv wachsender Wohlstand hatte nach dem Zweiten Weltkrieg erstmals in der Menschheitsgeschichte eine Generation hervorgebracht, die sich um ihre materielle Existenz kaum mehr Sorgen machen musste. Der Spielraum für individuelle Gestaltung des Lebens wurde dadurch sehr viel größer. Die Rechtfertigung für Einschränkungen der persönlichen Freiheit entfielen deshalb zunehmend. Traditionelle Werte wie Pflichterfüllung und Disziplin schwanden folglich dahin. Den Achtundsechzigern war der zu dieser Zeit erreichte Stand nicht genug. Sie rissen die Barrieren traditioneller Verhaltensregeln ein großes Stück weiter ein. Gleichzeitig kam es, vor allem in Westeuropa, zu einem dramatischen Verfall der Religiosität. Religion erschien als ein großer Stein in der Mauer der traditionellen Zwänge. Die Freiheit der persönlichen Lebensgestaltung nahm zweifellos sprunghaft zu.
Ohne Religion und traditionelle Werte stellte sich aber die Frage: an welchen moralischen Werten konnten die Achtundsechziger in Zukunft sich und anderen ihre moralische Überlegenheit beweisen? Schließlich gehörten Rudi Dutschke & Co. auch zur Art Homo sapiens, für die der moralische Wettkampf unverzichtbar ist. Eine Lösung war im Handumdrehen gefunden: das Engagement für die vermeintlich unterdrückte “Arbeiterklasse” im eigenen Land und die unter maßgeblicher Beteiligung westlicher Konzerne und der ihnen gehorchenden Regierungen “ausgebeuteten Massen” in den armen Ländern war der Ersatz nicht nur für die Religion, sondern für alle verlorenen traditionellen Werte. Auf diesem Gebiet wollten sie in Zukunft ihre überlegene Moral unter Beweis stellen. Ihre Blindheit für die Brutalitäten der von ihnen verehrten Helden dieses Kampfes wie Mao Zedong, Ho Chi Minh und “Che” Guevara war nicht ihrer geistigen Schwäche geschuldet, sondern war bereits Ausdruck der typischen verräterischen Merkmale des Gutmenschentums. Zum einen waren es keine Verbrechen der “eigenen Seite”, die von diesen Herrschaften begangen wurden, eigneten sich also schlecht zur moralischen Profilierung der Gutmenschen. Zum anderen war Gleichheit ja in ihren Augen wichtiger als Freiheit, und darauf zielten die Revolutionäre scheinbar ab.
Zu Anfang spielte für die Gutmenschen neben der Gleichheit aber auch die Freiheit noch eine wichtige Rolle, solange eben, wie man die Unfreiheit noch dem Westen anlasten konnte, solange es noch Kolonien gab bzw. der antikoloniale Unabhängigkeitskampf noch nicht weit zurücklag oder Länder noch unter neokolonialem Einfluss standen. Je größer der Abstand zur Kolonialzeit wurde und nicht mehr zu leugnen war, dass die Regime ehemaliger Kolonien auch ohne westliche Kumpanei ihre Bevölkerung unterdrückten, um so uninteressanter wurde der Freiheitskampf für die Gutmenschen. Die Gleichheit wurde nun immer mehr zum überragenden Wert der Gutmenschen-Ideologen. Auch wenn “wir” die Menschen in armen Ländern nicht direkt unterdrückten, so beuteten wir sie doch durch “ungleichen Tausch” brutal aus und hielten sie in einem Zustand der Unterentwicklung. Hausgemachte Ursachen der Armut wurden zwar nicht grundsätzlich bestritten, waren aber selten Anlass für ein größeres Engagement, was aus dem genannten Grund ja auch nicht verwunderlich ist.
Schließlich entdeckte die Ökobewegung ein neues Feld, auf dem man sich moralisch hervortun konnte. “Wir” beuteten nicht nur die Armen der Welt aus, wir machten auch gnadenlos der Natur oder gar “dem Planeten” den Garaus. Wie auf allen anderen Schlachtfeldern des Gutmenschentums erwies sich auch auf diesem “grünen” Turnierplatz die chronische Einäugigkeit der Moralisten. Kernkraftwerke im Westen waren das größte Übel, Kernkraftwerken und rücksichtsloser Umweltzerstörung in “sozialistischen” Ländern waren auch bedauerlich, aber letztlich doch nur von geringem Interesse, nicht nur bei Anhängern des “realen Sozialismus”.
Als Dauerbrenner für Gutmenschen hat sich der Protest gegen Militäreinsätze westlicher Länder bewährt, von Vietnam bis zu Afghanistan und Irak. Angeblich (und daran glauben sie wahrscheinlich auch selbst) geht es ihnen dabei um die Vermeidung von Tod und Leid vieler tausend Menschen. Wäre das tatsächlich der Hauptgrund, müssten sie sich über die Kriege nichtwestlicher Länder ebenso empören und das Ihnen Mögliche für ihre Beendigung tun, etwa für die politische und wirtschaftliche Isolierung der Aggressoren eintreten. Tatsächlich haben sie das aber nie getan. Von den Angriffen arabischer Länder auf Israel bis zu den Kriegen der Serben gegen die von ihnen im untergegangenen Jugoslawien beherrschten Völker - nie haben sich westliche Gutmenschen mit merklichen Protesten eingemischt.
Auch die Konflikte um den richtigen Umgang mit muslimischen Minderheiten in westlichen Ländern sind eine Gelegenheit, zu prüfen, worum es den Gutmenschen vorrangig geht. Als Vorreiter der Frauenemanzipation müssten sie eine intensive Einflussnahme auf viele muslimische Familien für dieses Anliegen befürworten. Dummerweise ist aber auch in diesem Fall nicht “unser” Verhalten, sondern die Einstellung muslimischer Männer das Problem. Weil sich dabei keine Gelegenheit ergibt, sich von “unserem” Fehlverhalten positiv abzuheben, raten Gutmenschen in diesem Fall zu großer Zurückhaltung. Viele gehen sogar so weit, die Respektierung der Andersartigkeit der muslimischen Kultur anzuerkennen und sich nicht einzumischen. Das bietet immerhin die Möglichkeit, sich von vermeintlichen “Islamfeinden” im eigenen Lager positiv abzuheben. Für Gutmenschen ist das einfach ein probateres Mittel zur moralischen Abgrenzung von andersdenkenden Deutschen als ein Engagement für entmündigte muslimische Frauen, auch wenn ihnen das kaum bewusst sein dürfte.
Einen Höhepunkt erreichte das Gutmenschentum, als sich eine ganz neue, scheinbar wissenschaftlich begründete Gelegenheit zum Wettstreit um die höchste Moral auftat: der Kampf gegen die “Klimakatastrophe”. Sie hat den Vorteil, dass es eine ganz einfache Regel gibt, was moralisch geboten ist: weniger CO2 produzieren. Daraus ergibt sich eine Fülle von Gelegenheit zum moralischen Heldentum. Man kann die Regierungen wunderbar unter Druck setzen, dem einzigen Weg zur Rettung unserer Erde zu folgen. Und da es auf jeden Kubikzentimeter CO2 ein bisschen ankommt, ist es auch nicht schlimm, wenn viele Länder der Welt nicht mitmachen. Wir zeigen jedenfalls unsere Spitzenmoral, indem wir jedes mögliche Quäntchen des verderblichen Gases einsparen. An der Gleichgültigkeit gegenüber dem exponentiell wachsenden CO2-Ausstoß etwa in China (oder hat schon mal jemand eine große Demo vor der chinesischen Botschaft in Berlin beobachtet?) erweist sich auch in diesem Fall, dass es erst in zweiter Linie um die Sache selbst geht, vorrangig aber um eine Gelegenheit zum Einheimsen von möglichst vielen Moralpunkten.
Eine interessante Frage ist, warum die Gutmenschen von Anfang an die Freiheit weniger geliebt haben als die Gleichheit. Meiner Ansicht nach liegt das daran, dass zwischen Freiheit und eigennützigem Handeln eine gewisse Affinität besteht, nützen Menschen meistens Freiheit doch vor allem, um ihren eigenen Nutzen zu mehren. Davon profitiert zwar, wie wir spätestens seit Adam Smith und dem grandiosen Aufschwung der Produktivität im Kapitalismus wissen, letztlich vor allem die Masse der Bevölkerung. So nützlich Freiheit und Eigennutz für die Menschen auch sein mögen, für das Anliegen der Gutmenschen, ihre moralische Überlegenheit unter Beweis zu stellen, gibt die Freiheit wegen ihrer unanständigen Liaison mit dem Eigennutz doch nicht viel her. Aus diesem gutem Grund zeigt sich immer wieder, wie gleichgültig die Gutmenschen gegenüber der Freiheit sind. Der letztlich erfolgreiche Abschluss des Irak-Krieges, der einem der schlimmsten Terrorregime des 20. Jahrhunderts beendet hat, macht ihnen deshalb nicht die geringste Freude.
Warum sind die Anhänger des Gutmenschentums oft so fanatisch? Es gibt eine einfache Antwort: Gutmenschen glauben meistens nicht an Gott. Sie wollen ihren Mitmenschen gegenüber moralisch herausragen und müssen darum besonders laut krähen. Wer als Christ daran glaubt, dass der liebe Gott alles sieht, ist auf menschliche Zustimmung nicht so sehr angewiesen und ist darum in der Öffentlichkeit im moralischen Wettstreit zurückhaltender. Warum aber sind heutzutage gerade viele Christen besonders fanatische Gutmenschen? Warum ist Margot Käßmann eine Ikone des Gutmenschentums? Warum sind Kirchentage Orgien des Gutmenschentums geworden? Das Gutmenschentum ist heute der Hauptkonkurrent der christlichen Kirchen und hat das Christentum schon sehr stark zurückgedrängt. Die Kirchen unternehmen deshalb große Anstrengungen, die verlorenen Schäfchen wiederzugewinnen, indem sie sich als gutmenschlicher als die Gutmenschen präsentieren. Weniger gutmenschlich geht es nur noch in den weiter schwindenden Reihen der traditionsgebundenen Christen zu.
Warum ist außerhalb der westlichen Welt das Gutmenschentum so schwach entwickelt? Eine Grundvoraussetzung fehlt noch in den meisten Ländern: reichlich Wohlstand. Erst damit erst können traditionelle Zwänge entfallen, so dass sich die beschriebene Entwicklung vollzieht. Außerdem hat sich gezeigt, dass es in anderen Kulturen (z. B. in China und Japan) selbst bei schnellem Wirtschaftswachstum nicht so schnell wie im Westen zum Verfall der traditionellen Wertesysteme kommt. Wer z. B. vollauf damit beschäftigt ist, sich der älteren Generation und den eigenen Nachwuchs bis zur Selbstaufopferung zu widmen, hat kaum das Bedürfnis, sich in einen gutmenschlichen Moralwettbewerb zu stürzen.
Noch eine allerletzte Frage: warum sind die Kritiker der Gutmenschen, z. B. die Autoren der Achse des Guten, keine Gutmenschen geworden oder sind davon abgekommen? Haben sie nicht wie die Gutmenschen das Bedürfnis, ihre moralische Überlegenheit zu beweisen? Doch, aber sie haben einen anderen Dreh gefunden, dieses Bedürfnis zu befriedigen. In einer Gesellschaft, die so vom Gutmenschentum durchdrungen ist wie die unsere, ist es schon sehr schwer, noch eins draufzulegen und auf dem Feld der Gutmenschen-Werte Überlegenheit unter Beweis zu stellen. Sie probieren also ein neues Moralspiel aus: wer ist der Ehrlichste, vor sich selbst und vor anderen?


