Maxeiner und Miersch 19.06.2011 12:33 +Feedback
Wofür eigentlich?
Mancher stellt sich die Frage erst auf dem Sterbebett, andere schon früher. Wenn die Kinder das Haus verlassen, in der Midlifecrisis, oder im herbstlichen Lebensabschnitt, den einige Trendforscher neuerdings als „zweite Pubertät“ bezeichnen. Wozu steht man morgens auf? Weshalb geht man arbeiten? Und warum strengt man sich an, ein halbwegs nützlicher Vertreter der menschlichen Gemeinschaft zu werden? Pfarrer und Philosophen kennen jede Menge Antworten darauf. Wir wollen es mal mit einer rein quantitativen Erhebung versuchen. Stehen die Mühen des Lebens in einem ausgewogenen Verhältnis zum Vergnügen?
Im deutschen Durchschnitt arbeitet ein Mensch mit Vollzeitstelle 41 Stunden und 12 Minuten pro Woche. Diese Zeit gehört für die meisten wohl eher nicht zum Vergnügen. Laut einer Gallup-Umfrage aus dem Jahr 2010 haben über 80 Prozent der Arbeitnehmer keine oder eine geringe emotionale Bindung an ihren Arbeitsplatz. Blicken wir also auf die Freizeit. 113 Minuten am Tag starren die Deutschen ins Fernsehgerät. Da dies der Durchschnitt ist, müssen viele unter uns sein, die wesentlich länger fernsehen. Ein Vergnügen? Schwer zu sagen. Für manche wohl schon, für andere ist es eine Art freiwilliges Wachkoma.
Sechs Monate unseres Lebens stehen wir mit dem Auto im Stau, neun Monate verbringt der Durchschnittbürger auf dem Weg zu Arbeit. 16 Monate lang putzen wir unsere Wohnung, neun Monate Zeit kostet das Waschen und Bügeln. Alles zumeist nicht sonderlich vergnüglich.
Demgegenüber steht eine Reihe von Tätigkeiten, die vielen Freude bereiten, Essen zum Beispiel: Fünf Jahre. In Kneipen sitzen: Drei Monate. Ein Durchschnittswert, der uns sehr nachdenklich machte, denn er beutet, dass offenbar sehr viele bedauernswerte Menschen nie ein Bier in Gesellschaft trinken gehen.
Bei manchen Tätigkeiten kommt es ganz auf uns selber an, ob wir sie zu den Mühen oder den Freuden des Lebens rechnen. Etwa das Kochen, das zwei Jahre und zwei Monate einnimmt.
Erschütternd kurz ist laut Statistik das erotische Vergnügen. Alle sexuellen Höhepunkte eines Lebens summieren sich auf 16 Stunden. Das klingt ziemlich ernüchternd. Besonders wenn man an die vielen Jahre denkt, die der Mensch mit Sehnsüchten, Liebesdramen, Enttäuschungen und zwischenmenschlichen Missverständnissen jeglicher Art verbringt. Ob sich die Sache quantitativ lohnt ist fraglich. Man sollte doch besser einen Pfarrer oder einen Philosophen fragen.
Erschienen in DIE WELT am 17.06.2011
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Kategorie(n): Bunte Welt


