25.08.2012   09:53   +Feedback

Wo steht die Vorhut der Vorhaut?

Frühkindliches Trauma oder kulturelle Identität? Religiöse Archaik oder säkulares Recht? Wahrscheinlich glauben Sie, liebe Leser, in der Sommerloch-Debatte um Knabenbeschneidung sei schon alles von allen gesagt und geschrieben worden. Irrtum, wir haben noch einen Aspekt gefunden, den keiner entdeckt hat. Niemand hat sich bislang damit beschäftigt, was eigentlich mit den abgeschnittenen Vorhäuten geschieht. Außer uns.

Die Häutchen landen nämlich nicht, oder zumindest nicht immer, in den Verbrennungsöfen der Krankenhäuser, wo zusammen mit Blinddarmwurmfortsätzen unbrauchbaren Gallenblasen eingeäschert werden. Nein, Babyvorhäute sind ein wertvoller pharmazeutischer Rohstoff zur Gewinnung von Hautzellen, die man zu Heilmitteln verarbeitet.

Ganz besonders hat uns eine Studie fasziniert, die kürzlich an mehreren Krankenhäusern in Kanada und den Vereinigten Staaten durchgeführt wurde. Dabei ging es um ein schmerzhaftes Leiden namens Ulcus cruris, dass umgangssprachlich „offene Beine“ genannt wird. Betroffen sind hauptsächlich alte Menschen mit Durchblutungsproblemen in den Wanden. Meist sind diese schwer heilenden Wunden eine Folge von Diabetes.

Normalerweise behandelt man Ulcus cruris mit Salben und Verbänden, oder indem man Haut von gesunden Körperpartien des Patienten transplantiert. Die amerikanischen Mediziner besprühten stattdessen die offenen Stellen mit einem Spray aus Hautzellen. Mit gutem Erfolg. Nach zwölf Wochen waren 70 Prozent der Wunden verheilt, bei herkömmlicher Behandlung lediglich 45 Prozent. Die Zellen hatte man aus abgeschnittenen Vorhäuten Neugeborener gewonnen und im Labor kultiviert. Nach dem Aufsprühen sterben die mikroskopischen Hautpartikel zwar ab, setzen aber offenbar Proteine frei, die den Heilungsprozess anregen.

Die Verletzung des Enkels führt zur Heilung des Opas: Ein ziemlich vertracktes moralisches Dilemma. Sollte man dies mit einem neunen Generationenvertrag regeln? Sind Vorhäute demnächst das Lebenselixier einer alternden Gesellschaft, und werden bestechliche Ärzte reichen Greisen frische Hauszellen beschaffen? Lassen muslimische Patienten ihre offenen Beine mit jüdischen Vorhäuten kurieren und umgekehrt? Wer ist in dieser Debatte eigentlich der Reaktionär und wer gehört zur progressiven Vorhaut-Vorhut? Wir finden, der deutsche Beschneidungsdisput muss von neuem geführt werden. Zumindest solange, bis wir ein neues Thema gefunden haben, bei dem sich wieder jeder als Experte aufspielen darf.

Erschienen in DIE WELT am 24.08.2012

(Maxeiner und Miersch)


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Kategorie(n): Kultur 

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