Gastautor 07.06.2010 19:19 +Feedback
Wir haben eine Fahne
Von Jost Kaiser
Manchmal gewinnt man den Eindruck, Journalismus sei dazu da, Fragen zu beantworten, die keiner gestellt hat und vor Gefahren zu warnen, die nicht existieren. In der Ankündigung der Sendung “Nachtgespräche” des Deutschlandradios heißt es:
“Fröhlich deutsch oder übertrieben - was halten Sie von nationalen Symbolen bei Großereignissen? Bei der vorigen Fußball-WM hat sich das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Land normalisiert. Unbeschwert standen sie beim “Sommermärchen” zu ihrer Mannschaft und zeigten nationale Symbole - wie Bürger anderer Länder auch. Jetzt, schon vor der WM in Südafrika und nach Lenas Sieg in Oslo fahren wieder Autos mit schwarz-rot-goldenen Flaggen herum, und allenthalben hört man: “Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein”. Wir fragen heute Nacht: Ist eine solche Aussage nicht etwas geschichtsvergessen? Wo hört die verständliche Freude auf, wo fängt unguter Nationalismus an? Was halten Sie von nationalen Symbolen bei Großereignissen?”
Fast möchte man sagen: Der Redakteur, der diesen Text geschrieben hat, hat einen Klassiker der deutschen Psychose erschaffen. Nicht nur die Tatsachenfeststellungen sind alle falsch, sondern logischerweise dann auch die schwerwiegenden und drängenden Fragen, die sich für den Autor daraus ergeben. Die Sendung ist übrigens ein zentraler Abwurfplatz für bedenkenträgerische Anmerkungen des Studienratsmilieus und man muss sie nicht gehört haben, um zu wissen, was dort gesagt wurde: Wir sind jetzt ganz unverkrampft mit unseren Symbolen. Lena. Löw. Locker.
Deutschland. Fahne. Patriotismus. Darf man das? Wer sind wir? Wo gehen wir hin? Kein Tag vergeht in Deutschland, an dem man nicht mit der unwichtigsten aller Fragen belästigt wird. Eine deutsche Obsession.
Nein, das ist ja gerade der Irrtum. Es ist ausschließlich die Obsession eines bestimmten Milieus in deutschen Redaktionen, Universitäten, Politikstuben, die sich unablässig an diesen Themenkomplex abarbeiten. Denn es hätte schon 2006 ein einziger Gang aus den Bürostuben auf die Strasse gereicht, um festzustellen, dass es eine neue deutsche Leichtigkeit im Umgang mit dem eigenen Land nie gegeben hat. Auch nicht geben muss. Diese Behauptung war von Anfang an völlige Überhöhung, wenn nicht gleich eine Erfindung. Ungefähr so absurd, wie der Satz des Journalisten Hajo Schumachers, der behauptete, nach Lenas Sieg hätte ein „Hauch von Bern“ (1954) in der Luft gelegen.
„Die Straße“, nennen wir das mal so, der viel zitierte „kleine Mann“, hatte ja nie dieses unfassbar drängende Problem, das die Barings und Mattuseks und Merzens dieser Republik so umtreibt. Er hatte kein Problem mit „Deutschland“. Er hatte nie das Problem: verdammt noch mal mal darf ich endlich wieder normaler Patriot sein?
Ich habe eine DVD. Sie zeigt das Endspiel Holland-Deutschland 1974. Das gesamte Olympiastadion ist ein einziges schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer.
Und 2006 haben sich die Leute auch auf der Strasse noch ein bisschen mehr gefeiert und dabei noch ein bisschen mehr Fahnen geschwenkt. Die findige chinesische Nippes-Industrie tat ein übriges und erfand diese Autofahnen. Jedenfalls haben die Leute beim Fahnenschwenken wahrscheinlich an alles gedacht, nur nicht an das Hambacher Fest oder an die Frage, ob hier gerade der „DM-Patriotismus“ oder der Habermas’sche „Verfassungspatriotismus“ eine Weiterentwicklung erfährt. Die Fahne war das Symbol für die Mannschaft, so wie die Bayern-Fahne das Symbol für die Van-Gaal-Truppe ist. Der Rest ist Massenpsychologie.
Dass nichts stattgefunden hat als eine Party, die in der deutschen Fahne (in was sonst) ihr Symbol fand, stand schon 2006 im Oktober fest: Der deutsche Nationalfeiertag (3.10.), der ja nach den Vertretern der neuen deutschen Leichtigkeit und der deutschen Selbstversöhnung ein Exzess des Verfassungspatriotismus und neuen lockeren Fahneschwenkens hätte sein müssen – er fiel aus. So wie jedes Jahr.
Längst hatten die Leute ihre Fahnen in der Rumpelkammer oder im Mülleimer entsorgt. Von einem irgendwie neuartigen Zugang der Deutschen zu ihrer Staatsidentität, zu ihren nationalen Symbolen kann keine Rede sein.
Patriotismus der Art, wie man ihn aus Amerika mit dem Satz “Suport our troops” kennt – er existiert nicht.
Und weil das so ist, muss der „Deutschlandradio“-Redakteur, der klassische Trick in dieser unseligen Diskussion, Gefahren erfinden, die nicht existieren. Haben Sie im Zusammenhang mit dem nervigen Hippel-Mädchen aus Hannover “allenthalben” den Satz gehört: „Ich bin stolz ein Deutscher zu sein?“
Ich nicht.
Ein Phänomen, das nicht existiert und das man nicht diskutieren muss, eine Gefahr die es nicht gibt und vor der deshalb auch nicht gewarnt werden muss. Ein Hauch von Schwachsinn liegt in der Luft.
Ein paar Tage vorher wurde in der Studienratssendung übrigens das Thema Israel und die Enterung der “Friedensaktivisten"-Dampfer erörtert. Wie erwartet war es da vorbei mit der neuen deutschen Lockerheit und die Studienräte liessen ordentlich die Sau raus. Denn einen Stolz gibt es wirklich in Deutschland. Den auf die vorbildliche deutsche Vergangenheitsbewältigung. Wir haben unsere Lektion gelernt. Im Gegensatz zu den Juden.
http://jostkaiser.wordpress.com/2010/06/07/wir-haben-eine-fahne/


