09.05.2008 07:36 +Feedback
Wir boykottieren die Ochrana
Gestern wurde die Turiner Buchmesse eröffnet, und zwar unter erheblichem Polizeischutz. Wegen Israel. Israel, dem Gastland der diesjährigen Messe. Wegen Israel? Wegen der Palästinenser. Palästinenser? Wegen des Boykottaufrufs, wegen der Teilnahme Israels. Boykottaufruf der Palästinenser? Immerhin nennt sich die Boykottinitiative „Free Palestina“. Sind auch Palästinenser dabei? „Free Palestina“ tritt für die Sache der Palästinenser ein. In wessen Auftrag?
Falsche Frage. Alles falsche Fragen. Schließlich ist es legitim, Israel zu kritisieren. Aber warum machen so viele von ihrem Recht auf Israelkritik Gebrauch? Nehmen wir Tariq Ramadan, wahlweise als Ägypter, Schweizer oder gar islamischer Intellektueller eingestuft. Was ist eigentlich ein islamischer Intellektueller? Ein aufgeklärter Stalinist, ein Roger Willemsen als Muslimbruder?
Ramadan hat sich bekanntlich für den Boykott der Turiner Messe ausgesprochen. Er betonte, er habe nicht zum Boykott aufgerufen, er habe diesen nur unterstützt. Für so feinsinnige Unterscheidungen wird der Mann geschätzt. Sie trugen ihm den Ruf eines Hoffnungsträgers des Euroislam ein. Euroislam? Ist das nicht die politisch korrekte Bezeichnung für die schleichende Islamisierung Europas?
Auch Gianni Vattimo war für den Boykott. Vattimo, hauptamtlich postmoderner Heidegger-Kommentator, hat es uns in einem Artikel in der „La stampa“ erklärt. Er könne keine Beschneidung von Meinungsfreiheit erkennen, wenn auf einer Buchmesse ein Staat boykottiert werde. Sind die israelischen Schriftsteller vielleicht der israelische Staat? Wenn das so wäre, wäre mit Israel wohl ein alter Intellektuellentraum, die große Utopie, praktisch verwirklicht. Greift in Jerusalem etwa Platon persönlich zum Regierungstelefon?
Vattimo findet es im übrigen auch richtig, dass im Januar die Vorlesung von Papst Benedikt in der Römischen Universität verhindert wurde. Auch in diesem Fall sei es nicht um Meinungsfreiheit gegangen. Schließlich ist auch der Vatikan ein Staat. Und Vattimo? Wer ist Vattimo? Ist er vielleicht der Zensor Europas? Immerhin saß er bereits für eine Legislaturperiode im Europaparlament. Das ist der Ort, an dem unsere intellektuelle Prominenz die Rente verdient.
Wie auch immer, die Messe ist eröffnet, das Buchgeschäft läuft. Und falls etliche arabische Verlage nicht da sein sollten, hat das auch sein Gutes. Zumindest ist damit gesichert, dass Produkte wie die „Protokolle der Weisen von Zion“, die wichtigste Hinterlassenschaft der Ochrana, nicht auf den Messetischen liegen.

