06.08.2008   20:16   +Feedback

Willkommen im Klub.

Schon wieder einer. Ulrich Schoeneich, parteiloser Bürgermeister von Templin, ist der nächste in der Reihe von ostdeutschen Kommunalpolitikern, die eine rechtsextreme Szene vor lauter Neonazis nicht sehen. Nach dem Mord oder Totschlag an einem obdachlosen 55-Jährigen, den nach Ansicht der Staatsanwaltschaft einschlägig bekannte und ideologisch vorbelastete Gewalttäter verübten, hat Schoeneich sich kopfüber in den Fettnapf gestürzt, in dem viele seiner Amtskollegen schon sitzen. Seine Stadt habe keine rechtsextreme Szene. Es gebe aber perspektivlose Jugendliche und vor allem zu wenig Polizei, weil die Beamten damit beschäftigt seien, das Ferienhaus von Kanzlerin Angela Merkel zu bewachen.
Diese Kombination aus Ausflüchten, die zugleich auf Einzeltäter verweist und dem Staat die Schuld gibt, ist dumm und dreist. Denn es gibt in Templin sehr wohl eine Neonazi-Szene – darauf hat Brandenburgs Innenminister Schönbohm (CDU) hingewiesen, der gewiss kein Hysteriker in Sachen Rechtsextremismus ist. Darüber hinaus muss man nicht im Auftrag der NPD unterwegs sein, um eine Straftat zu begehen, die mit Rechtsextremismus zu tun hat: Es reicht, dass im Hinterkopf ein Welt- und Menschenbild pocht, nach dem Ausländer, Linke, Juden oder „Penner“ wie das Opfer von Templin so wertlos sind, dass man sie totschlagen kann. Milliarden Menschen sind nach deutschen Maßstäben perspektivlos – aber nur spezielle Menschen kommen auf die Idee, ihren Hass und ihren Wunsch nach einem Gewalterlebnis so in die Tat umzusetzen wie in Templin geschehen.
Über den Reflex des Nichtverstehens hinaus hat Schoeneich eine unzutreffende Attacke gegen Merkel geritten, die dechiffriert nichts anderes ist als das übliche Ressentiment gegen „die da oben“, das sich im Nährboden des provinziellen Extremismus besonders heimisch fühlt. So kommt eins zum anderen.
Brandenburg hat nicht nur eine stabile rechtsextreme Infrastruktur. Es hat auch eine Szene von Bürgermeistern, die das nicht wahrhaben wollen. Willkommen im Klub, Herr Schoeneich.
(Erschienen in der Jüdischen Allgemeinen, 31.7.08)


Permanenter Link | Druckversion

Kategorie(n): Inland