03.02.2013   15:59   Leserkommentare (0)*

Wie unabhängig sind eigentlich die Kritiker der grünen Gentechnik?

Hans-Jörg Jacobsen

In regelmässigen Abständen wird die Öffentlichkeit kampagnenmässig mit Studien konfrontiert, mit denen eine angebliche Gefährdung von Verbrauchern und Umwelt durch grüne Gentechnik belegen sollen. Diese Studien werden von so illustren „Experten“ wie dem abgehalfterten Greenpeace-Gentechnikexperten Christoph Then oder dem notorischen Herrn Seralini aus Frankreich angefertigt. Auftraggeber sind in aller Regel grüne Politiker aus Bund, Ländern oder dem EU-Parlament oder aber Firmen wie eine französische Supermarktkette, die mit ihrer Behauptung, keine Gentechnik zu verwenden, Geschäfte machen will. Die Interessenlagen sind klar: politische Karrieren wurden aus der ablehnenden Haltung gegen die Gentechnik aufgebaut oder Marketingstrategien entwickelt, die viel Geld gekostet haben. Beides will man durch Anerkennung von Realitäten nicht aufgeben, also wird weiter manipuliert, was das Zeug hält.

Diese Konstellationen muss man sich mal genauer anschauen: Herr Then, ein gelernter Tierarzt, lebt als Geschäftsführer eines Vereins also davon, daß er Studien anfertigt. Seine Auftraggeber erwarten, daß er in ihrem Sinne liefert. Also liefert er. Es ist keine Kunst, aus der Fülle an weltweit vorliegenden Daten etwa zum Pestizideinsatz in GVO-Feldern diejenigen herauszusuchen, die einen erhöhten Einsatz an Pflanzenschutzmitteln nahelegen und dies dann einfach zu extrapolieren. Fakten, die nicht passen, werden passend gemacht oder erst gar nicht erwähnt. Auch nicht erwähnt werden die Ergebnisse seriöser Studien, denn die passen halt nicht ins Bild. Ihre Erwähnung oder gar ihre Verwendung hätte ja wohl auch negative Auswirkungen auf die Auftragslage. Ist Herr Then also „unabhängig“?

Um von seiner zugegeben unschönen Zwangslage abzulenken, führen Then und seine Mitstreiter in anderen NGOs, den Parlamenten oder dem eigentlich zur Neutralität verpflichteten Bundesamt für Naturschutz oder auch seine sonstigen Auftraggeber dann Kampagnen, in denen die Unabhängigkeit von Behörden oder Wissenschaftlern an Universitäten oder öffentlichen Forschungsinstituten angezweifelt wird. Diese Kampagnen gehen bis zur öffentlichen Rufschädigung und persönlichen Diffamierung. Greift man Herrn Then mal an und stellt seine vorgebliche „Unabhängigkeit“ in Frage, folgen etwas wehleidige Lamentos, in der Regel begleitet von wohl orchestrierten Shitstorms in einschlägigen Foren. Herr Then und Konsorten gerieren sich dann gerne als eine gefährdete Species, die von der geballten Macht der „gekauften“ Wissenschaftler oder der „Industrie“ mundtot gemacht werden sollen. Leider ist es genau andersherum: Ärgerlich wird es nämlich dann, wenn die Then´schen Machwerke von der Presse unkritisch und ohne Gegenrecherche aufgenommen werden. Dann werden aus Fakes schnell Fakten, die dann im Internet durch ewige Wiederholung unsterblich werden und ewig die Gehirne vermüllen. Die wahre Botschaft erscheint dann, wenn überhaupt, im klein gedruckten.

Daher stelle ich an dieser Stelle zu meiner Person Folgendes klar: Ich bin als Hochschullehrer finanziell einigermaßen auskömmlich versorgt und bin nicht davon abhängig, meinen Lebensunterhalt durch wohlfeile Gutachten zu sichern. Diese – für manche Mitmenschen sicherlich privilegiert erscheinende - Situation gibt mir eine gewisse und auch gern genutzte Unabhängigkeit. Für meine Forschung wurden bislang ausschließlich öffentliche Mittel eingesetzt, von den großen Firmen wie Monsanto oder Syngenta haben wir bislang keine Forschungsmittel erhalten und auch nicht beantragt. Uns wurden auch keine Projekte angetragen. Allerdings habe ich auf den DLG-Feldtagen im Juni 2012 in Bernburg auf dem Monsanto-Stand ein Bier angeboten bekommen und getrunken. Bislang merke ich noch keinen Einfluss auf meine Unabhängigkeit. Das bedeutet nicht, dass wir nicht mit der Industrie kooperieren würden, wenn die Bedingungen stimmen: Das Projekt müsste wissenschaftlich interessant sein, wir können transparent arbeiten und die Ergebnisse publizieren.

Gegenwärtig analysieren wir beispielsweise zusammen mit einer mittelständischen Züchtungsfirma transgene trockentolerante Pflanzen. Die Mittel werden eingesetzt, um Personal für die Arbeiten sowie Analysekosten zu finanzieren.  Auflagen, welche Ergebnisse wir bringen sollen, haben wir auch nicht, es treibt die Züchter und uns die wissenschaftliche Neugier: Wir wollen verstehen, wie ein Gen aus der Kartoffel dafür sorgt, daß transgene Bohnen drei Wochen ohne Wasser aushalten und dann einfach weiterwachsen, während die Kontrollen tot sind. Ein wirklich spannendes und für eine zukünftige Landwirtschaft in Zeiten des Klimawandels und weltweit drohender Dürren sicherlich wichtiges Projekt.

Interessant ist es in diesem Kontext dann aber auch, einen genaueren Blick auf die Verwendung der Begriffe „kritische Wissenschaftler“ und „unabhängig“ zu werfen, wie sie von den genannten Akteuren für sich selbst gerne eingesetzt werden. Wenn ich den Geschäftsführer von Testbiotech Then richtig verstehe, sind offenbar nur die Wissenschaftler „kritisch“ und „unabhängig“, die stramm gegen die grüne Gentechnik sind und denen alle Mittel und Wege recht sind, dies auch so unters Volk zu streuen. Und die sollen bei ihrer geballten medialen Präsenz in ihrem Bestand gefährdet sein? Kann ich eigentlich nicht sehen.  Besonders infam: Offenbar halten Then und seine ähnlich gestrickten Mitstreiter alle Wissenschaftler, die der grünen Gentechnik positiv oder neutral gegenüber stehen für „nicht kritisch“. Das erinnert nicht nur ein klein wenig an die Verwendung des Begriffs „demokratisch“ in der „Deutschen Demokratischen Republik“, die diesen Begriff einfach okkupiert und durch ihr Agieren nahezu desavouiert hat, man denke an den unseligen Begriff „demokratischer Zentralismus“: Was „demokratisch“ ist, bestimmt das ZK der SED, was ein „kritischer Wissenschaftler“ ist die grüne Räson! Das eine ist zum Glück Geschichte, das andere leider bittere Realität.

Selbstverständlich kann man in der wissenschaftlichen Literatur Kritisches zu Anwendungen der grünen Gentechnik finden, etwa zu kurze Fruchtfolgen oder die Verwendung immer desselben Herbizids. Wenn man aber nur die Ergebnisse zitiert, die einem in den Kram passen (man nennt das „cherry picking“), positive Gesichtspunkte der grünen Gentechnik stets systematisch verschweigt, kann man durchaus zu eindeutigen Aussagen kommen. Die sind dann zwar nicht richtig und schon gar nicht wissenschaftlich seriös, sichern aber weitere Aufträge und damit den Lebensunterhalt der Familie Then. Unabhängig geht anders.

Prof. Dr. Hans-Jörg Jacobsen leitet das Institut für Pflanzengenetik an der Leibniz Universität Hannover

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Kategorie(n): Wissen 

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