01.02.2013   07:55   Leserkommentare (0)*

Wie Sexismus entsteht - und warum es dafür keine Entschuldigung gibt

Auf ‚Cicero Online’ steht ein herausragender Text von Alexander Grau unter dem Titel „Sind wir nicht alle ein bisschen Brüderle?“ Herausragend ist er, weil er zum harten Kern der Sache vordringt und damit so manchen anderen Artikel als bedeutungsloses Geschwätz erscheinen lässt. Ich fürchte jedoch, dass der Autor das selber gar nicht gemerkt hat. Nach einem gefälligen Vorspiel, in dem uns erklärt wird, dass es bei dem ganzen Wirbel nicht etwa um Fragen des guten Geschmacks und des schlechten Stils geht (erstaunlicherweise weiß aber fast jeder, der nicht dabei war, dass es sich mindestens um einen Stilbruch handelte), kommt Alexander Grau auf den Punkt:

„Nein, es geht um etwas ganz anderes, es geht um – Sexismus.“

Das ist gut zu wissen. Es geht also um mehr als nur um etwas, über das man nicht streiten kann – um etwas Wichtiges. Weiter:

„Der Begriff „Sexismus“ gewinnt seine anklagende Schlagkraft dadurch, dass er analog zum Begriff des Rassismus gebildet wurde und ähnlich funktioniert.“

Gut gesagt. Die Parallelen zwischen Sexismus und Rassismus sind auch schon von anderen – wie etwa vom tunesischen Soziologen Albert Memmi – bemerkt worden. Ich stimme ausdrücklich zu und werde noch darauf zurückkommen: Beide Ismen funktionieren, wenn ich es mal locker sagen darf, nach demselben „Strickmuster“. Deswegen sollten auch alle, die so stolz darauf sind, gegen Rassismus zu sein, den Sexismus gut im Auge behalten. Alexander Grau schreibt weiter dazu:

„So wie Rassisten Menschen anderer Hautfarbe oder anderer ethnischer und kultureller Herkunft diskriminieren und ihnen im schlimmsten Fall das Menschsein absprechen, so setzen Sexisten Menschen aufgrund ihres Geschlechtes herab.“

Alexander Grau macht es richtig: Er versucht erstmal zu klären, worüber wir überhaupt reden und was wir unter „Sexismus“ verstehen. Auch hier stimme ich ausdrücklich zu: Es geht nicht um eine bloße „Unterscheidung“ (die gar nicht zu vermeiden ist), sondern – viel wichtiger – um eine „Herabsetzung“. Das heißt in unserem Fall: Wenn Rainer Brüderle einen Busen bemerkt, ist das noch keine Herabsetzung (die könnte aber noch kommen). An dem Punkt ist es jedenfalls noch kein Sexismus. Noch nicht.

Doch bevor ich mich mit zustimmendem Lob für Alexander Grau überschlage, will ich gestehen, dass sich ab jetzt unsere Wege trennen und wir in verschiedene Richtungen abbiegen. Säßen jeder von uns in einem Auto mit Navi, dann müsste sich ab jetzt bei einem von uns die freundliche Stimme melden und sagen: „Bei der nächsten Gelegenheit bitte wenden!“

Wer von uns beiden fährt falsch? Ich sage: Der Sexismus, wie wir ihn heute erleben, geht von Frauen aus und richtet sich gegen den Mann. Sexismus ist weiblich. Das überrascht womöglich viele Leserinnen und bestimmt auch manchen Leser. Wie wir schon ahnten, ist es nicht das, was uns Alexander Grau sagen will. Ich drängele mich jetzt vor und begründe meine Richtungswahl mit einem Zitat:

„Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“

Ein überzeugendes Beispiel, wie ich finde. Hier haben wir alles, was ein Sexist braucht: Es wird aufgrund des Geschlechtes (etwas anderes ist nicht in Sicht) unterschieden, dem Männlichen wird das „Menschliche“ abgesprochen, weshalb es nicht nur „herabgesetzt“ wird, sondern obendrein noch „überwunden“ werden soll. Also, liebe Freunde von der antirassistischen und antisexistischen Front: Hierhin solltet ihr mal eure Blicke wandern lassen.

Alexander Grau fährt – wie schon angekündigt – in die entgegensetzte Richtung. Er ist anderer Meinung. Doch bevor ich seine Begründung zitiere, möchte ich darauf hinweisen, dass mein Beispiel keineswegs aus der Luft gegriffen oder eine bloße Vermutung ist, sondern so im Parteiprogramm der SPD geschrieben steht – in Marmor gemeißelt. Die Parole stammt aus dem Jahre 2008. Noch ein Hinweis: Wir schreiben inzwischen das Jahr 2013 und wir leben in der Bundesrepublik Deutschland (nicht etwa in Saudi Arabien). Doch nun weiter mit dem O-Ton von Alexander Grau:

„Und in der Tat: Sexismus ist keine Einbildung wild gewordener Feministinnen. Wenn Frauen aufgrund ihres Geschlechtes Schuldbildung verweigert wird, wenn sie kein Auto fahren und nur die hintere Hälfte eines öffentlichen Verkehrsmittels nutzen dürfen, wenn ihnen der Zugang zu Berufen versperrt ist, die sie genau so gut ausüben könnten wie Männer, dann handelt es sich schlicht um Sexismus: um Diskriminierung aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit, fast immer verteidigt im Namen der Kultur und der Tradition.“

Ich gebe es zu: Beim ersten Lesen fand ich das etwas „schlicht“. Wie sollte ich das verstehen? Mit Frauen, die „kein Auto fahren“, meinte er vermutlich Margot Käßmann. Aber ist das nicht ein Einzelfall? Doch dann blinzelte mir Sigmund Freud nicht nur beinahe unmerklich zu, er fiel mir mit seiner berühmten Vorstellung von einer freundschen Fehlleistung geradezu mit der Tür ins Haus. Ich hatte es beim ersten Lesen gar nicht bemerkt. Es heißt nämlich: „Wenn Frauen aufgrund ihres Geschlechtes ... Achtung, nun kommt es ... Schuldbildung verweigert wird ...“ Richtig. Nur so ergibt es überhaupt einen Sinn; denn „Schulbildung“, wie ich zuerst gelesen hatte, wird Frauen heutzutage keineswegs verweigert, „Schuldbildung“ schon.

Das Schuldprinzip wurde bekanntlich durch die Scheidungsreform aus dem Jahre 1977 abgeschafft, die seinerzeit von der SPD-FDP-Regierung durchgebracht wurde. Herr Brüderle erinnert sich sicher. Doch das Schuldprinzip wurde in Wirklichkeit nicht abgeschafft, vielmehr wurde der Mann aus Prinzip zum Schuldigen. Ein Mann wird heute so geschieden, wie früher nur Männer geschieden wurden, die tatsächlich schuldig waren. Das ist das Neue an der Reform. Sie brachte es mit sich, dass für den Mann eine Scheidung gar keine ist, er muss in jedem Fall weiterhin zahlen, auch wenn die Frau „schuldig“ ist, mit einem neuen Liebhaber durchbrennt.

Aus der Frage „Wer hat die Schuld?“ wurde die Frage „Wer hat das Geld?“. Der Jurist Georg Friedenberger hat die Fehlentwicklung beschrieben und benennt in seinem Buch ‚Die Rechte der Frauen. Narrenfreiheit für das weibliche Geschlecht?’ zwei Bruchstellen, an denen durch Druck von feministischer Seite das Rechtssystem ausgehebelt und Frauen grundsätzlich straffrei gestellt und damit für „unschuldig“ erklärt wurden: nämlich bei der Frage der Abtreibung und der Scheidung. Das Schuldprinzip wurde nur für Frauen abgeschafft.

Nun haben wir schuldige Männer und unschuldige Frauen. Überall. Was stellen wir uns unter einer Alleinerziehenden vor? Eine moderne Kriegerwitwe, die vom Schicksal gezeichnet ist und ohne Mann nicht mehr weiß, wie sie über die Runden kommt? Oder eine, die keine Antwort gibt auf die Frage, von wem sie ihre drei Kinder hat? Es kommt nicht darauf an. Beide werden so gesehen, als wären sie völlig unbeteiligt am Zustandekommen der Situation, in der sie stecken. Wir unterscheiden auch bei einer Vergewaltigung nicht mehr, ob eine Frau „Nein! Nein! Nein!“ gesagt hat oder „Ja! Ja! Nein! Ja!“, obwohl das ein großer Unterschied ist für alle, die sich ernsthaft für die Gefühle von Frauen interessieren und ihnen zuhören. Egal. Opfer sind immer unschuldig. Immer. Doch wenn wir nicht mehr unterscheiden, dann werten wir die echten (die wirklich unschuldigen) Opfer ab und die falschen (die verdeckt schuldigen) auf. Deshalb haben wir auch so inflationär viele Opfer, und niemand wagt es mehr, einem Pseudo-Opfer zu sagen: „Selber schuld!“ Damit sind aber die vielen Opfer nur noch lästig. Wir sollen Mitleid mit ihnen haben, doch die Opfer sind uns in Wirklichkeit „gleichgültig“ geworden, sie sind alle gleichermaßen gültig, wir werden ja auch vom Gesetzgeber angehalten, sie alle gleich zu behandeln.

Die Gleichbehandlung ermöglicht den Sexismusvorwurf. Wenn ich sage, dass „Frauen keinen Zugang zur höheren Bildung haben sollen“, dann ist das in der Tat eine sexistische Bemerkung; denn bei der Menge von „Frauen“ über die ich dabei rede, ist die Geschlechtszugehörigkeit der einzige gemeinsame Nenner, da kann man schon sagen, dass eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechtes vorliegt. Wenn ich dagegen sage, dass „alle, die nicht lesen und schreiben können, keinen Zugang zur höheren Bildung haben sollen“, wird die Sache schwieriger, dann werden nicht mehr alle gleich behandelt, es kommt ein weiteres Kriterium ins Spiel und außerdem werden Männer in die Betrachtung mit einbezogen. Ein Sexismusvorwurf entsteht aber erst dadurch, dass ich die Männerseite unberücksichtigt und alle anderen Bewertungsmaßstäbe unter den Tisch fallen lasse.

Bei einer einzelnen Frau wird die Sache deutlich: Verweigerte ihr jemand den Zugang zum Studium aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit, dann verstieße er damit gegen geltendes Recht, sie könnte einen Studienplatz im Sinne der Gleichberechtigung einfordern. Sollte es jedoch an anderen Faktoren scheitern (etwa an ihrem Zeugnis), dann hätten wir weder einen Fall von Diskriminierung noch von Sexismus. Oder um noch einmal auf das Beispiel aus dem ‚Cicero’-Online-Text zurückzukommen: Wenn Frau Käßmann „kein Auto“ fährt, liegt es am Alkohol. Nicht an den Männern. Deshalb sind Einzelfälle so interessant. Da kann man der Sache auf den Grund gehen, man kann unberechtigte Vorwürfe ausschalten und möglicherweise Abhilfe schaffen.

Ganz anders sieht es beim Einzelfall der Affäre Himmelreich aus, mit dem eine Lawine losgetreten wurde, die ein grelles Schlaglicht auf unsere „Qualitätsmedien“ wirft und auf die Möglichkeiten – und vor allem die Grenzen! – der so genannten sozialen Medien. Wir haben es mit unberechtigten Vorwürfen zu tun. Es soll keine Abhilfe geschaffen werden. Und man kann der Sache nicht auf den Grund gehen, weil es keinen Grund gibt. Es gibt nur ein verjährtes, rein subjektives Gefühl. Erzählt wird lediglich von einem (nachträglich) gefühlten Versuch einer Grenzüberschreitung in einem Kontext, der gerade für solche Möglichkeiten vorgesehen ist. Das ist kein Sexismus. Wenn uns die Klägerin das als „Sexismus“ verkaufen will, dann „schuldet“ sie uns einen diskutierwürdigen Maßstab, dann „schuldet“ sie uns einen von allen geteilten Begriff von dem, was wir unter „Sexismus“ verstehen sollen, dann „schuldet“ sie uns zumindest den Versuch einer Objektivierung.

Der Artikel von Alexander Grau hatte gut angefangen und ging flott in die richtige Richtung. Bis zu der erwähnten Kreuzung, an der er meiner Meinung nach falsch abgebogen ist, bin ich ihm gerne gefolgt. Er hatte immerhin versucht, Klarheit darüber zu schaffen, worüber wir eigentlich reden, wenn wir „Sexismus“ sagen. Damit hatte er den ‚Stern’-Artikel und den darauf folgenden „#Aufschrei“ weit hinter sich gelassen. Die waren gar nicht bis zur Alexander-Grau-Kreuzung vorgedrungen. Doch erst an der Stelle könnte ein Gespräch beginnen. Aber will denn überhaupt jemand ein Gespräch?

Eben nicht. Es ist Heuchelei, wenn (wie in der Talkshow mit Anne Will), vollmundig verkündet wird, dass nun endlich eine „überfällige Diskussion“ anfangen kann – und sogar anfangen muss – und dass es doch gut ist, „dass wir darüber reden“. Nichts da. Man kann gar nicht darüber reden. Das wird schon im Ansatz unmöglich gemacht. Es ist ein „Aufschrei“. Da muss man sowieso erst mal warten, bis die aufgehört haben zu schreien. Und wenn Renate Künast von einer „Debatte“ spricht, meint sie einen Endlos-Monolog ihrerseits.

Wenn die Äußerungen nicht aus dem Mustopf des Gefühlten und Subjektiven herauskommen, sind sie sowieso wertlos. Eine Frau sagt so. Eine andere etwas anderes. Ein Mann sagt vielleicht auch was. Ein anderer nicht. Alle sagen „Ich, Ich, Ich“. Mehr nicht. Es sind 60.000 Puzzleteile aus 60.000 verschiedenen Puzzlen. Sie ergeben kein Gesamtbild. Gerade die große Masse, die Beliebigkeit und Alltäglichkeit erweisen sich als Schwächen. Man kann einen Mückenschwarm nicht in ein Stück Fleisch umwandeln, und man kann aus der Schwarm-Dummheit nichts herausfiltern, das einen Ansatzpunkt für ein Gespräch bietet. Es ist kein Gesprächsangebot, es ist Kommunikationsverweigerung.

Eine der Opfer-Frauen schreibt beispielsweise: „Oral- und Analsex sind frauenfeindlich“. So, so. Als persönlich gemeinte Bemerkung geht das niemanden etwas an, als allgemeines Urteil ist es eine schamlose Anmaßung, so über alle Frauen zu bestimmen. Na ja: Gut, dass mir mal drüber geredet haben. Soll ich die anderen 59.999 Tweeds auch noch lesen und besprechen?

Es fehlt zwar ein verbindlicher Begriff von dem, was Sexismus sein soll, dafür haben sie etwas anderes gemeinsam, das sich da deutlich abzeichnet: Sie sind allesamt geil auf das Häppchen Aufmerksamkeit, das sie sich von einem Auftritt auf der zwielichtigen Bühne der Twitter-Welt erhoffen, und sie spielen gerne Femen-Gericht – eine Plage aus dem Mittelalter, bei der die anonyme Anklage zugleich ein Schuldspruch war. Ihre eigene Schuldunfähigkeit gibt ihnen die Lizenz zur pauschalen Schuldzuweisung an andere. Als Mann kann man sich da nur noch ein Abzeichen ans Revers heften mit der Aufschrift: SCHULD ABLADEN VERBOTEN.

Noch etwas. Alexander Grau hat uns mit dem Schlüsselwort von der mangelnden „Schuldbildung“ einen Kombi-Schlüssel an die Hand gegeben. Wir können damit zwei Räume aufschließen. Nicht nur dass es diesen Frauen an „Schuld“ fehlt, es fehlt ihnen auch an „Bildung“. Was ist Bildung? Es ist ...

„ ... die harte Arbeit gegen die bloße Subjektivität des Benehmens, gegen die Unmittelbarkeit der Begierde, sowie gegen die subjektive Eitelkeit der Empfindung und die Willkür des Beliebens.“ Diese Beschreibung stammt nicht aus einem Parteiprogramm oder aus dem ‚Stern’, so schreibt Hegel in seinen Betrachtungen zu ‚Bildung und Erziehung’. Da sagt er weiter: „Der gebildete Mensch kennt an den Gegenständen die verschiedenen Seiten“. So ein gebildeter Mensch hat seine „Partikularität“ aufgegeben und handelt nach „allgemeinen Grundsätzen“. Und weiter: „Je gebildeter ein Mensch ist, desto weniger tritt in seinem Betragen etwas nur ihm Eigentümliches, daher Zufälliges hervor.“

Da wir gerade von „Bildung“ reden, möchte ich noch ein Beispiel bringen, das nicht eigentümlich oder zufällig ist. Diesmal aus Österreich. Da wurde der Aufnahmetest im Fach Medizin „geschlechtersensibel“ angepasst. Bisher lag der Anteil der weiblichen Bewerber bei über fünfzig Prozent, der Anteil derer, die den Test bestanden, lag darunter. Also hat man eingegriffen, und nun werden Männer, die den Test eigentlich bestanden hatten, wieder rausgeschmissen zugunsten von Frauen mit weniger guten Noten. Ein klarer Fall von Sexismus. Darüber sollte man mal reden. Hier ist es auch gut möglich. Den Vorfall kann man belegen. Es handelt sich nicht um eine bloße Ansammlung von Einzelfällen, die keinen richtigen gemeinsamen Nenner haben: Alle betroffenen Studenten werden von derselben Art der Diskriminierung getroffen. Hier greift auch die Definition von der Alexander-Grau-Kreuzung: Es liegt eine Herabsetzung aufgrund des Geschlechtes vor. Man kann auch gut die „Strukturen“ aufzeichnen, und die Namen der Täter und der Opfer nennen. Wer von den „mutigen“ Frauen, die so gerne über Sexismus reden, möchte etwas dazu sagen?

Hegel hatte davon gesprochen, dass der gebildete Mensch die „verschiedenen Seiten“ kennt. Wie viele gibt es denn? Vier. Das klingt anspruchsvoll, aber so unübersichtlich ist es auch wieder nicht. Es stimmt ja: Im alltäglichen Macht- und Konkurrenzkampf erleben wir mehr oder weniger alle große und kleine Herabsetzungen und Demütigen mit allerlei Schlägen, die unter die Gürtellinie gehen, wir werden angemacht und abgelöscht und werden dabei oft genug auf unangenehme Art auf unsere Geschlechtszugehörigkeit hingewiesen. Es gibt vier solcher Kleinkriege:

Männer gegen Frauen
Frauen gegen Frauen
Frauen gegen Männer
Männer gegen Männer

Man müsste vier Fässer aufmachen. Es wird aber nur eins aufgemacht. Wo ist der Aufschrei gegen Zickenkrieg, gegen Intrige und Stutenbissigkeit? Gegen die tötenden Blicke von älteren Frauen, die sie jüngeren zuwerfen? Wo ist die Klagemauer, an der sich eine Frau ausweinen kann, weil die ehemals beste Freundin etwas Abfälliges über ihren Busen gesagt hat? Gerade unter lesbischen Paaren ist „häusliche Gewalt“ bemerkenswert weit verbreitet – was die Opferzahlen noch weiter in die Höhe treibt.

Das Zauberwort heißt „Tunnelblick“ oder etwas feiner ausgedrückt: „Definitionshoheit“. Das Strickmuster wird deutlich, wenn wir es auf den Rassismus anwenden. Denken wir uns eine Initiative „#Kreischen gegen Ausländer“, bei der sich jeder über alltägliche Herabsetzungen ausheulen kann, die ihm widerfahren sind: Wie er von Ausländern geduzt, angestarrt und angebettelt wurde, wie ihm Wechselgeld nicht richtig rausgegeben und ihm eine Parklücke oder eine Arbeitsstelle vor der Nase weggeschnappt wurde. Dass einem so etwas ebenso von „Bio-Deutschen“ angetan werden kann und dass die Ausländer (ich meine natürlich Mitbürger mit Migrationshintergrund) ihrerseits auch unzählige Kommentarspalten füllen könnten, wird dabei ausgeblendet.

Es gibt eine gute Nachricht. Wer sich hier und heute um einen möglichen Rassismus Sorgen macht, kann aufatmen: So einen Rassismus, wie ich mir hier vorgestellt habe, „hamwer“ nicht. Aber so einen Sexismus. Er wird uns von schuldunfähigen, bildungsfernen Schreienden aufgedrängt, die in ihrer aufgesetzten Halbblindheit nicht vom Einzelfall wegkommen.

Das müssten sie aber, wenn man mit ihnen reden soll. Sexismus gibt es im Plural. Nicht im Singular. Wenn sich zwei zusammentun und sich „vereinen“, ist es Sex, ohne Ismus. Das „Geschlecht“ kann etwas Intimes oder etwas Allgemeines sein. Es kommt auf die Menge der Personen an, die an der Sache beteiligt sind. Über ein Liebespaar sagt man: „Sie hatten Sex“ (das ist intim), nicht aber: „Sie hatten Sexismus“ (das ist allgemein). So etwas könnten höchstens die Teilnehmer an einer Massen-Orgie von sich sagen. Falls die überhaupt noch was sagen.

Sex findet (meistens) im Bett und im Dunklen statt, Sexismus dagegen im öffentlichen Raum bei guter Beleuchtung. Eine Nachtbar ist kein öffentlicher Raum, nur ein halböffentlicher. Da gelten eigene Gesetze. Gerade in einer Mondscheinkneipe, einem Speakeasy, herrscht Redefreiheit, da kann ich sagen, was ich will; da kann ich fluchen, schimpfen, säuseln und Witze erzählen, solange mir welche einfallen. Wer die nicht hören will, kann gehen, bevor die Pointe kommt. An solchen Orten gibt es keinen Sex und keinen Sexismus, es kommt schlimmstenfalls – aber eher selten – zu persönlichen Beleidigungen. Die klärt man dann vor Ort. Duelle sind allerdings seit der Einführung des bürgerlichen Rechts verboten. Wo ist das Problem?

Brüderles Ehefrau kann beruhigt sein: Ihr Mann hatte keinen „Sex“ mit Frau Himmelreich. Ich spreche ihn auch von dem Vorwurf, alltäglichen „Sexismus“ praktiziert zu haben, frei. Ich bin allerdings bereit, meinen Freispruch zu überdenken, stelle jedoch Mindestanforderungen an eine mögliche Anklage. Sie müsste sich auf eine Äußerung von Brüderle stützen, die er öffentlichen gemacht hat. Sie müsste beweisbar und nicht nur gegenüber einer einzelnen Person gemacht worden sein. Man könnte vielleicht im „Gesamtwerk“ seiner Reden und Erklärungen einen Satz finden in der Art wie „Frauen sollte der Zugang zur Bildung verweigert werden“. Das würde mich überzeugen. Ich bezweifele aber, dass sich etwas Belastbares findet, das einer keineswegs wohlwollenden Aufmerksamkeit von Journalisten bisher verborgen geblieben wäre.

Das soll aber nicht heißt, dass die FDP frei von Sexismus ist. Rainer Brüderle schon. Das behaupte ich jedenfalls – bis zum Beweis des Gegenteils. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand in so eine Position wie Brüderle kommt, wenn Frauenleichen seinen Weg pflastern und er bei Frauen nicht deutlich mehr Zuspruch als Ablehnung findet. Als Mann steht er rund um die Uhr unter missgünstiger Beobachtung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich im gegenwärtigen Meinungsklima irgendein Mann eine auch nur andeutungsweise sexistische Bemerkung leisten kann. Eine Frau kann das. Sexismus ist weiblich, wie gesagt. Rainer Brüderle könnte sich in der Frage von Cornelia Pieper, der ehemaligen stellvertretenden Bundesvorsitzenden seiner Partei, beraten lassen, die im Jahre 2007 gegenüber der ‚Bunten’ sagte:

„Während die Frau sich ständig weiterentwickelt, heute alle Wesenszüge und Rollen in sich vereint, männliche und weibliche, und sich in allen Bereichen selbst verwirklichen kann, blieb der Mann auf seiner Entwicklungsstufe stehen. Als halbes Wesen. (...) Er ist weiterhin nur männlich und verschließt sich den weiblichen Eigenschaften wie Toleranz, Sensibilität, Emotionalität. Das heißt, er ist – streng genommen – unfertig und wurde von der Evolution und dem weiblichen Geschlecht überholt.“

Frau Pieper hat sich, wie es heißt, „entschuldigt“, sie hat sich distanziert, sie hat ihre Äußerung relativiert. Ich weiß es nicht genau. Es ist auch egal. Wenn ein Mann eine sexistische Bemerkung macht und daraufhin seinen Job verliert, wird ihm die Möglichkeit einer Entschuldigung gar nicht erst eingeräumt. Das Urteil gegen den Mann ist zugleich eine Verdammnis. Bei einer Frau ist es folgenlos. Sie ist nicht schuldfähig. Cornelia Pieper muss nicht fürchten, dass man von ihr erwartet, dass sie nun einen Teil ihres Gehaltes in eine „Stiftung zur Förderung halber Wesen“ stecken muss.

Rainer Brüderle kann sich nicht entschuldigen. Er kann es schon deshalb nicht, weil es nichts zu entschuldigen gibt (was soll er denn sagen: „Entschuldigung, ich habe das Wort ‚Autobahn’ gesagt ... äh, ich meine‚Tanzkarte’?“. Es ist schon so: Ein Mann muss heute aufpassen und sich auf die Zunge beißen. Einen hat es just erwischt. Er wurde für den Gebrauch des Wortes „Muselmann“ mit der Zahlung von 1.200 Euro bestraft. Das Gemeine ist, dass man nicht vorher weiß, wie viel es kostet, man kennt auch die Laufzeiten nicht. Heinz Erhard durfte es noch sagen. Er ist tot. Sein Glück. Sonst könnte es ihm passieren, dass ein M***mann kommt und sagt: Es ist zwar schon ein paar Jahre her, aber ...).

Rainer Brüderle kann sich auch deshalb nicht entschuldigen, weil eine Entschuldigung keine Entschuldigung wäre, sondern ein Schuldeingeständnis. Es ist eine Falle. Dann hieße es nämlich: Aha, da war also doch etwas, das nach einer Entschuldigung verlangt hat. Damit hätte er selber bestätigt, dass eine Schuld tatsächlich vorliegt. Die wird er dann nie wieder los.

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Kategorie(n): Kultur  Wissen 

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