23.09.2012   09:36   +Feedback

Wer Russland revolutioniert

Den letzten Artikel schrieb ich mit gefühlt letzter Tinte und zitterte zeitweise vor Kühnheit. Ich vergaß jedoch, darauf hinzuweisen und so schlugen mir Spott und Verachtung entgegen. Ich sei doch ein furchtbarer Mensch (wenn überhaupt), so wie ich mit der russischen Opposition umspringe, wie ich ihre Bemühungen verachte und den Präsidenten vor ihnen verteidige. Wie könne ich nur Menschen, die in einer Diktatur auf die Straße gehen, nicht würdigen? Zum Teufel damit, dass sie Selbstdarsteller sind, weniger Programm haben als die Piratenpartei und sich schon durch den Namen ihrer schlecht besuchten Veranstaltung („Marsch der Millionen“) der Lächerlichkeit preisgeben. Immerhin tun sie etwas!

Ausgewiesene, langjährige Russlandexperten (ohne Russischkenntnisse) bezeugten ihre andauernde Bewunderung für die oppositionellen Aktivitäten und behaupteten, sich ebenso lange und intensiv mit den Systemgegnern zu beschäftigen. Es fehlte nur noch, dass Herr Scholl-Latour sich bei mir beschwerte.

Wer sich jedoch Experte schimpft und dem Gegenüber sofort die niedrigsten Beweggründe unterstellt, weil er zu dämlich ist, meine anderen Artikel zum Thema zu lesen, handelt instinktiv und damit hoch interessant.

Schon das Wort „Opposition“ scheint dermaßen erregend zu wirken und so viele jugendliche Revolutionsträume wiederzuerwecken, dass jeglicher intellektuelle Widerstand zwecklos wird. Mir,  der nie eine linke, sozialistische Phase hatte, ist es wenig verständlich, dass so Viele derart wild darauf sind, sich mit dem David zu solidarisieren, nur weil Goliath ein Arschloch ist. In letzter Zeit sah man das während des arabischen Frühlings, jetzt in Syrien. Gibt es etwa ein Naturprinzip, das dem Kleineren einen absoluten Anspruch auf Wahrheit gewährleistet oder zumindest ein Anrecht auf moralische Privilegien?

Nun, über Syrien kann ich Ihnen nichts erzählen. In Fachmagazinen liest man zwar viel Anderes, Interessantes und Aufklärendes. Aber im Gegensatz zu ausgewiesenen Experten für oppositionelle Aktivitäten aller Art erlaube ich mir weder Analyse noch Urteil über den syrischen Bürgerkrieg. Umso besser bin ich jedoch in der Lage, den hiesigen Russlandkennern ohne Russischkenntnisse einen Blick hinter die Kulissen der westlichen Berichterstattung zu ermöglichen.

Hier präsentiere ich Ihnen einen Anführer der Russischen Opposition und den Anführer der Linken Front Russlands, Sergei Udaltsov. Ich habe ihn bereits im vierten Teil meiner Putin-Serie vorgestellt, was ausreichen sollte, um sich ein Bild von ihm zu machen. Nach dem ich Ihnen in den folgenden Absätzen seine Meinung zur russischen Oppositionsbewegung vorgestellt habe, dürfen Sie selbst urteilen. Anhand konkreter Aussagen und in dem Wissen, dem SPON-Leser etwas voraus zu haben. Stellen Sie sich die Frage, inwiefern eine Revolution möglich ist, ob genug Wille und Opfer- sowie Arbeitsbereitschaft besteht. Ob Revolution der richtige Begriff ist und was es zu einer Revolution benötigt.

Nach dem letzten Marsch der Millionen, dessen Teilnehmerzahl auf unter 50.000 beziffert wird (Udaltsov spricht aus unerfindlichen Gründen von bis zu 200.000), kam in oppositionellen und freiheitlichen Medien die Frage auf, woran das liegen könnte. Udaltsov, Sozialist und damit bekennender Anhänger und Verteidiger der Massen, erklärt es sehr banal. In den letzten Wochen und Monaten verhielt sich das Regime vorsichtiger, in dem Bewusstsein, die Massen nicht zu reizen. Der durchschnittliche, zuvor empörte und gereizte Bürger sah also keinen allzu großen Grund mehr, sich auf die Straße zu mühen, wo doch plötzlich alles ruhiger und damit hinnehmbarer war. Wenn Udaltsov die Massen also als dermaßen reaktionär und oberflächlich sieht, als so genügsam und uninformiert; wie will er sie zu einer Revolution animieren und wie meint er, eine direkte Demokratie für sie aufbauen zu wollen? Denn falls Putin nicht anfängt, öffentlich kleine Kinder zu verspeisen, wird die Oppositionsbewegung nach Udaltsovs Theorie nur noch weiter schrumpfen.

Auf die Frage nach den Zielen der Opposition und ihrer Unzugänglichkeit fürs Volk antwortet Udaltsov, dass diese Ziele eigentlich ganz simpel und auch nicht allzu zahlreich wären. Er hat leider Recht, sein Manifest mit den Reformplänen passt auf zwei Seiten.  Andererseits begründet er seinen Optimismus für das erfolgreiche Bestehen einer russischen Demokratie damit, dass das Volk gelernt hat und nicht mehr auf Populisten und Radikale hereinfallen, sondern nach dem sorgfältigen Durcharbeiten der Parteiprogramme den geeigneten Kandidaten auswählen wird. Nun, nach seiner eigenen Theorie dürfte Udaltsov, der vorgezogene Wahlen fordert, also auf keinen Fall wiedergewählt werden.

Ab und an fällt jedoch auch beim ihm der ideologische Schleier und er antwortet vernünftig und rational. Die Frage nach der Unzufriedenheit mit den Anführern der Opposition kontert Udaltsov mit einer intelligenten Gegenfrage: Was macht jeder Einzelne täglich für die Opposition, für den Widerstand? Auf die Anführer zu schimpfen sei sicherlich ganz nett, aber doch wenig hilfreich, wenn man sich selbst nicht jeden Tag bereitwillig für die Bewegung engagiere. Frei nach dem Motto, wer nichts tut, macht auch keine Fehler. Aber welche Lehren zieht Udaltsov aus diesen richtigen Gedanken? Anstatt die Bürger selbst zu aktivieren, schiebt er die Schuld an der Erfolglosigkeit der letzten Proteste auf die vorsichtige Politik des Präsidenten.

Wie stellt er sich die Zukunft der Proteste vor, fragt man. Diese Märsche der Millionen hätten ja keinen allzu großen Erfolg. Nun, Udaltsov ist Romantiker, Sozialist, Idealist. Er träumt von einer Revolution im ukrainischen Stil, meint er. Wochenlang die Stadt besetzen, die Regierung aus dem Amt demonstrieren. Dann überlegt er kurz und fügt hinzu: Natürlich nicht mit demselben Resultat. Blöd, dass die ukrainische Revolution gescheitert ist. Dabei hatte das lange Campen in Kiev doch so viel Spaß gemacht, mit viel Musik und heißem Tee. Udaltsov findet den revolutionären Prozess an sich also lohnenswert; das Ergebnis ist zweitrangig.

Bei all diesen Aussetzern muss man vor allem eine Frage stellen. Die Frage nach dem Wesen und der Tragweite einer Revolution. Hier zwei Prämissen. 1.) Eine Revolution beinhaltet ein Ziel. 2.) Das Ziel erreicht man durch die Beseitigung gegenwärtiger Hindernisse. In Russland sind die wesentlichen Hindernisse zwar vielfältig, aber doch ganz gut zu benennen. Alles zusammenfassend ist es vor allem ein Problem, aus welchem Vieles erwächst und umgekehrt. Die grenzenlose, unüberschaubare, akzeptierte und tief verankerte Korruption. Die Korruption ersetzt Bürokratie und zerstört sie gleichzeitig, vernichtet die Rechtsstaatlichkeit und verhindert Chancengleichkeit.

Der Weg zu einer stabilen Demokratie führt nur über die Überwindung dieser Korruption. Das ist nicht zu relativieren und nicht zu verhandeln. Und Sergei Udaltsov hat nicht die Spur einer Idee, wie das anzustellen ist. Er schimpft auf Putin, als wäre er ein unbekanntes Wesen aus der Hölle. Aber was war es, das Putin an die Macht gebracht hat, an der Macht gehalten hat, an der Macht hält und an der Macht halten wird? Es ist die Korruption.

Willkommen in der russischen Opposition.

Zuerst erschienen auf Filipp Piatovs Blog.

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Kategorie(n): Ausland 

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