21.07.2008 07:33 +Feedback
Wer hat Angst vor der Bundeswehr?
Das Verhältnis einer Gesellschaft zu ihrer Armee ist nicht zuletzt ein Indiz für den Zustand dieser Gesellschaft. Es sagt etwas über die Wehrhaftigkeit aus, über die Bereitschaft, sich und die eigenen Werte zu verteidigen.
Dass es in Deutschland damit nicht gut steht, ist nicht neu. Und es ist auch nicht neu, womit das ewig gestörte Verhältnis zwischen Bundeswehr und Öffentlichkeit begründet wird, nämlich mit dem Dritten Reich, das uns gelegentlich schon beim Frühstücken assistiert.
Nun ist die Bundeswehr nicht die Waffen-SS, und sie ist auch nicht die Wehrmacht. Sie ist vielmehr die verfassungsmäßige und parlamentarisch kontrollierte Verteidigungsarmee der Bundesrepublik Deutschland. Dass man das im Jahr 2008 immer noch erklären muss, sagt en passant etwas über den mentalen Zustand so mancher Leute in unserem Land aus. Da es sich ideologisch vom Nachlass des Dritten Reiches ganz gut leben lässt, möchte diese Art Gegner offenbar die Tausendjährigkeit des Monsters zumindest postum verankert sehen. Geschichte Gewordenes lässt sich bequem bekämpfen, es erfordert schließlich keine große Denkübung.
Wer diese Armee ablehnt, lehnt gewissermaßen auch unseren Staat ab. Das wiederum gilt seit Jahrzehnten als Sport. Was für einen Staat aber wollen die stimmungsmachenden außerparlamentarischen Opponenten? Im Ernst: Wo wäre denn die beklagte „Militarisierung“ der deutschen Gesellschaft zu beobachten?
Eine deutsche Besonderheit ist der ewige Streit um das öffentliche Gelöbnis, und nicht zuletzt um den Gelöbnis-Ort. Als sollte man unsere Armee, wenn man sie schon nicht auflösen kann, wenigstens verstecken. Der Reichstag, vor dem das Gelöbnis am Sonntag zum ersten Mal stattfand, ist im übrigen der Tagungsort des Parlaments der Weimarer Republik und der Bundesrepublik. Die Nazis tagten in der Kroll-Oper.
Die Dauer-Debatte hat im Lauf der Jahrzehnte zu einer Defensivhaltung des Staates geführt, die kaum mehr nachzuvollziehen ist. Kleinstgruppen sogenannter Gelöbnisgegner setzen mit Erfolg die Regierung unter Druck, indem sie sich antifaschistisch und pazifistisch, vor allem aber lautstark manifestieren, die ignorante politische Prominenz aber muss von der Boulevardpresse aus dem Urlaub geholt werden, um am Gelöbnistag in Erscheinung zu treten. Es ist ein Skandal.
Man kann die Gegnerschaft zwar, wie immer schon, an den Fingern einer Hand abzählen, aber sie hat eine gefühlte Anhängerschaft in allen möglichen Institutionen und Gremien. Man schaltet sich gerne verwaltungsrechtlich in den Boykott ein. So genehmigt das Bezirksamt Mitte, das wohl seine eigenen Vorstellungen von unserem Staatswesen als Fanmeilenjux hat, die Absperrungen nicht, bis der Regierende Bürgermeister ein Machtwort spricht.
Ein weiteres regelmäßig aufkommendes Thema ist das Datum des Gelöbnisses, dass symbolisch den 20. Juli, den Tag des gescheiterten Putsches gegen Hitler zum Anlass für das Bekenntnis der Rekruten zur Demokratie nimmt.
Mit dem 20. Juli aber verbindet sich eine ominöse Tradition der Verunglimpfung der Männer und Frauen, die damals in einem letzten Verzweiflungsakt etwas für Deutschland tun wollten. Seit Jahrzehnten werden diese Menschen systematisch verleumdet, so dass man sich irgend wann doch mal fragen sollte, woher das Ausmaß des Hasses auf Stauffenberg und seine Mitstreiter kommt und was das alles zu bedeuten hat?
Ist die Angelegenheit nicht ein Beispiel dafür, das man etwas hätte tun können? Wo die großen Antifaschisten der Nachkriegszeit, von Grass bis Jens und Carola Stern, an jenem Datum waren, weiß man ja mittlerweile.
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Kategorie(n): Inland

