Richard Wagner 09.10.2008 07:56 +Feedback
Wer aber ist der Staat?
Die Finanzkrise macht es möglich, dass ein uraltes Zauberwort sein Comeback feiert, die Verstaatlichung. In der Krise wächst das Sicherheitsbedürfnis der Bürger, die gleichzeitig in ihrer Rolle als Anleger panisch handeln. Auf diesen Widerspruch hinzuweisen nützt bekanntlich wenig. Wer sucht schon den Grund für ein Debakel bei sich selbst?
Wer Geld an der Börse verliert, erklärt stets, er sei falsch beraten worden. Dass er sich damit nicht nur als schlechter Verlierer sondern auch als schlechter Spieler erweist, ist, merkwürdig genug, kein Thema. Ein schlechter Spieler aber gefährdet, außer den eigenen Ressourcen, auch das Spiel, da er es ohne Rücksicht auf die Spielregeln verlässt.
Der Börsenverlierer versteht sich als Opfer und erwartet Wiedergutmachung, und damit entsteht das eigentliche Dilemma. Wiedergutmachung, von wem? Von den restlichen Spielern? Von der Spielbank, die nicht haftet? Dem enttäuschten Börsenverlierer bleibt nichts als der Ruf nach einem dritten Faktor, dem Staat.
Dieser aber ist weder neutral, noch ist er der Dritte im Bunde, er kann es gar nicht sein. Wie heißt es doch an markanter Stelle? Der Staat sind wir. Und das trifft ausnahmsweise sogar zu. Denn sein Geld ist unser Geld. Unser Steuerbeitrag, wie der Stammtisch zurecht sagt. Auch das ist nicht unbekannt: In der Krise reicht der Stammtisch für die Analyse aus.
Bleiben wir also dabei: Wenn jetzt nach Verstaatlichung gerufen wird, geht es, laienhaft betrachtet, darum, dass der Schaden der Banken mit unserem Geld begrenzt werden soll. Das heißt aber auch, dass das Geld, das wir angelegt haben, uns in dem Maß erhalten bleibt, in dem es durch die Steuereinnahmen abgedeckt ist. Der Staat kreist in der gleichen Umlaufbahn wie wir. Wer hätte das gedacht!
Wir sind Bürger und Anleger, zahlen Steuern und erwarten Dividende. Beides sollte das Karussell in Gang halten, und es ließe sich gewiss auch bewerkstelligen, aber nur, wenn alle Beteiligten sich an die Spielregeln halten. Zu den Spielregeln gehören so banale Begriffe wie Steuermoral und Spekulationsrisiko. Gab es nicht eine Zeit, in der man sogar von der Risikogesellschaft sprach?
Plötzlich geht es nur noch um die Sicherheit. Sicherheit und Risiko sind aber nicht autonom zu setzende Begriffe. Sie ergänzen sich vielmehr. Mit gezogener Bremse fährt man schlecht, aber ganz sollte man trotzdem nicht auf sie verzichten.
Die Selbstregulierung der Wirtschaft hat Grenzen, wie es heißt, die staatliche Intervention aber auch. Zu denken sollte uns geben, dass sie an der gleichen Stelle scheitern. Und zwar dort, wo das Maß verloren ging.
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Kategorie(n): Inland Wirtschaft


