Dirk Maxeiner 29.11.2011 14:36 +Feedback
Weltverschwörung 2.1
Ehrlich gesagt, konnte mir bis heute niemand so richtig erklären, was ein Jude eigentlich ist. Hat das was mit der Religion zu tun? Der Herkunft? Der Nationalität? Den Genen? Den Vorfahren? Dem Äußeren? Dem Inneren? Oder von allem ein bisschen? Wird man als Jude geboren? Oder kann man es auch später werden? Umso mehr ich diese Frage wälze, um so ratloser werde ich. Manchmal denke ich: Gibt’s Juden überhaupt? Führt aber auch nicht weiter, es muss sie irgendwie geben, schließlich sind sie an allem schuld. Wenn es keine Juden gäbe, müsste man sie also erfinden. Das nächste Mal vielleicht als so eine Art von Außerirdischen. Die Menschen glauben gerne an kleine grüne Männchen. Überall fliegende Untertassen. Erich von Däniken wäre dafür ein begabter Drehbuchautor gewesen, er hat aber offenbar keine Lust gehabt. Die jüdische Weltverschwörung 2.1 bleibt deshalb ungeschrieben. Also muss es weiter die Version 1.9 tun: „Die Weisen von Zion“.
Das antisemitische Standard-Werk ist bei der Generation „Occupy Wallstreet“ wieder total hipp. Teile dieser Bewegung scheuen sich nicht zustimmend daraus zu zitieren. Für das finanzpolitische Elend dieser Welt tragen nicht etwa vollkommen überschuldete Staaten die Verantwortung, sondern - na raten wir mal: „Eine kleine mafiaartig organisierte Gruppe, deren Mitglieder sich wohl schon über Generationen hinaus gegenseitig die Posten zuschieben, missbrauchen die jüdische Glaubensgemeinschaft für ihre Ziele“, hieß es auf der offiziellen Website der Frankfurter Occupy-Besetzer. Gekonnter kann man eine Gruppe nicht scheinbar in Schutz nehmen und gleichzeitig stigmatisieren. Der Satz ist ein erstaunlicher Formelkompromiss aus ritualisierter deutscher Vergangenheits-Bewältigung und altem neuen Antisemitismus. Die Zeiten sind unübersichtlich geworden, wenn es möglich ist gleichzeitig „Nie wieder“ und „Juden raus“ zu rufen.
In dieser Kunst übt sich auch die Süddeutsche Zeitung. In großer Aufmachung veröffentlichte sie die Besprechung einer denunziatorisch raunenden Biografie des verstorbenen Kunstsammlers Heinz Berggruen. Er hatte seine wertvolle Kollektion im Jahr 2000 Stadt und Land Berlin für einen Bruchteil ihres Wertes für das „Museum Berggruen“ in Charlottenburg überlassen. Warum diese Biografie jetzt erscheint und warum die Süddeutsche sie sich zu eigen machte, lässt sich wohl am ehesten damit erklären, dass man sich am Puls des Zeitgeistes wähnt: „Der Kunstsammler und Weltbürger Heinz Berggruen wurde als Integrationsfigur der Berliner Republik verehrt. Aber er hat im Grunde immer seine eigenen Geschäfte verfolgt.“ Und wer das noch nicht verstanden hat: „Das Sittenstück Berggruen ist es wert, betrachtet zu werden. Merkwürdig, dass ein Jude, der sich in Amerika, Frankreich, England und der Schweiz nie als solcher verstanden hatte, mit einem mal zu einem Repräsentanten der historischen Opfer wurde“. So kann man gleichzeitig „Nie wieder“ und „Juden raus “ rufen (siehe oben)
Ganz hervorragend in dieser Disziplin ist auch Ken Jebsen. Der - inzwischen gefeuerte - Moderator einer beliebten Jugendsendung beim Radio Berlin Brandenburg (RBB), sieht häufig grüne Männchen und berichtete seinen jungen Zuhöhrern in den Pausen zwischen der Musik von allerlei Weltverschwörungen. Er setzt sich laut eigenem Bekunden „für Menschlichkeit und Gleichberechtigung ein“ und weiß genau, dass von über 1000 freigelassenen palästinensischen Terroristen „höchstens ein bis zwei Mörder waren.“ In einer Mail an einen verwunderten Hörer wusste er sogar noch mehr: „Ich weiß wer den Holocaust als PR erfunden hat“. Der Publizist Henryk M. Broder, der diese Art der Jugendfortbildung eines gebührenfinanzierten, staatlichen Rundfunk-Senders publik machte, wusste danach auch mehr. Beispielsweise, dass die Zuhörer den guten Ken nicht unbedingt wegen seiner Musikauswahl verehren. Gegen den Geruch, der aus der Kanalisation des RBB heraufzog, ist eine Latrine geradezu ein Luftkurort. Um nur eine Mail an Broder herauszugreifen: „Dem Juden wurde seit hunderten von Jahren nachgesagt, dass er einen hinterlistigen, nur zu seinem Vorteil bedachten Charakter hat, und wenn man nicht aufpasst sticht er einem von hinten das Messer in den Rücken - bravo, Sie tun den netten und ehrlichen Juden damit sicherlich keinen Gefallen.“ Der junge Hörer hat seine Lektion bereits instinktiv verinnerlicht: Die Juden sind auch schuld am Antisemitismus.
Aber es geht noch einen Zacken schärfer. Auch davon kann Broder ein Lied singen. Gerne wird er als „jüdischer Publizist“ oder auch als „Kind von Holocaust Überlebenden“ bezeichnet. Das tut zwar nichts zur Sache, aber man muss ja wissen, mit wem man es da zu tun hat. Beispielsweise als sein Bestseller „Hurra, wir kapitulieren!“ Aufmerksamkeit erregte, in dem er das vorauseilende Zurückweichen unserer aufgeklärten Gesellschaft gegenüber einem militanten Islam kritisierte. Nach Bekanntwerden der Neonazi-Mordserie an Migranten dauerte es noch nicht einmal eine Schrecksekunde, bis Broder auch für diese Taten in Haftung genommen wurde (wie zuvor auch schon für die norwegischen Massenmorde des Anders Breivik). Die Berliner Zeitung, einst dem ZK der SED unterstellt, lief zu alter denunziatorischer Form auf: Schuld an der Misere sei unter anderem der „Henryk-M.-Broder-Ansatz“, hieß es in einem Kommentar. Die thüringische Nazi-Mörderbande begann ihre Verbrechensserie zwar viele Jahre bevor Broder sein Buch überhaupt geschrieben hat, aber solche kleinen logischen Lücken muss man in Kauf nehmen.
Davon ist offensichtlich auch die Frankfurter-Rundschau überzeugt, die ihre Seiten dem gleichen Schreiber zur Verfügung stellte, um seinen Kommentar in der Berliner-Zeitung noch ein bisschen zu verklaren. Diesmal zog er eine direkte Linie zwischen den Nazimorden und einem Broder unterstellten „monomanischen Hass auf den Islam“ der ein „zivilisatorisches Minimum“ unterschreite. Und wer das tut, der gehört nun mal nicht hierher. Der Dienst „Heise Online“ lieferte dazu prompt die passende Leser-Umfrage. „Wie auf das mörderische Rechte Trio reagieren?“ wurde gefragt und als Antworten zum Ankreuzen unter anderem angeboten: „Verbot der NPD“ und „Ächtung jener, die der Ausländerfeindlichkeit Vorschub leisten“. Als Beispiel namentlich genannt: Henryk M. Broder. „Nie wieder“ und „Juden raus“ jetzt auch als Multiple-Choice-Option. Wir lernen: Endlich kann man den Kampf gegen rechts mit solidem Antisemitismus unterfüttern. Für die ganz Dummen könnte man es auch so formulieren: Die Juden sind die Nazis von heute. Welch perfekte Kartharsis. Die deutsche Vergangenheitsbewältigung darf damit als abgeschlossen betrachtet werden.
Eine Kurzfassung dieses Beitrags erschien in der Basler Zeitung vom 25.11.2011


