Claudio Casula 08.12.2010 12:15 +Feedback
Weit vom Schuss
Die Ankündigung Brasiliens und Argentiniens, „Palästina als freien und unabhängigen Staat in den Grenzen von 1967“ anerkennen zu wollen, lässt den unbändigen Wunsch aufkeimen, diese gewiss großen Länder mögen sich wieder auf ihre Kernkompetenz besinnen – die Fußballkunst.
Mit dem endgültigen Pfeifen auf die Vereinbarungen von Oslo durch das Vorhaben, im Sommer 2011 einseitig einen Staat auszurufen, halten sich die Palästinenser die Option offen, auch danach Gebietsansprüche aufrechtzuerhalten und damit den nächsten Waffengang vorzubereiten. Hat man je von einem Staat gehört, der a posteriori seine vermeintlich ursprünglichen Grenzen festlegt, innerhalb derer er nie Souveränität besaß?
Die Wahrheit ist: Orientierte man sich an den „Grenzen“ von 1967 (de facto nicht mehr als Waffenstillstandslinien nach den von den arabischen Staaten vom Zaun gebrochenen ersten Nahostkrieg 1948), müsste Jordanien wieder in die Westbank einrücken, die das Haschemitische Königreich bis zum Sechstagekrieg völkerrechtswidrig annektiert hatte, Ägypten müsste den Gazastreifen zurücknehmen – für Palästina wäre da kein Platz. Null, nada.
Nun ist es so, dass König Hussein 1988 offiziell auf das Westjordanland verzichtete, und Kairo nähme den Gazastreifen nicht mal zurück, wenn Israel noch 10 Milliarden Dollar drauflegen würde. Eine Rückkehr zum Status quo ante ist also genau so wenig möglich wie die groteske Proklamation eines Staates in seinen Wunschgrenzen. (Zwischenzeitlich fiel dem arabischen Lager ja sogar der UN-Teilungsplan wieder ein, den man seinerzeit selbst in die Tonne getreten hatte.) Und weil niemand auf die Idee käme, die Westverschiebung Polens rückgängig zu machen oder Italien zur Aufgabe Südtirols aufzufordern, werden auch im Fall der umstrittenen Gebiete diesseits des Jordans gewisse historische Realitäten anerkannt werden müssen. Sichere und verteidigungsfähige Grenzen für Israel schließen einen kompletten Rückzug auf die ehemaligen Waffenstillstandslinien aus, zumal wenn man es mit einem Nachbarn zu tun hat, der einem noch immer das Existenzrecht abspricht und weiterhin auf Haifa und Yafo schielt.
Frieden wird so jedenfalls nicht geschaffen, im Gegenteil: Indem man die Palästinenserführung darin bestärkt, jetzt auch offiziell vom Prinzip „Land für Frieden“ abzurücken und die Staatsgründung nicht mit, sondern gegen Israel durchzusetzen, erhöht man die Chancen für das nächste Blutvergießen. Das ist so sicher wie das Allahu akbar in der Moschee, auch wenn es sich offensichtlich noch nicht bis ins 12.000 Kilometer entfernte Buenos Aires herumgesprochen hat. Das ist eben buchstäblich weit vom Schuss.
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Kategorie(n): Ausland


