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  31.12.2011   14:51   +Feedback

Weisheiten des Jahres

2011 ging im Feuerwerk des Weltgeschehens vieles unter. Zum Beispiel wurden manche Weisheiten unserer kulturellen und politischen Elite kaum bemerkt und einfach durchgewunken. In der Vergangenheit reichte ja oftmals ein einziger Satz, um die Öffentlichkeit wochenlang mit der Interpretation zu beschäftigen. Denken wir nur an 2010, als der Bundespräsidenten erklärte: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“.

Doch 2011 war zwischen Arabellion, Finanzkrise, Fukushima, tödlichen Biosprossen, dem Tod Bin Ladens und einem Dutzend weitere historischer Ereignisse kein Platz für solche Exegesen. Deshalb möchten wir dies zum Jahresende nachholen und präsentieren Ihnen Sätze, die uns 2011 besonders beeindruckten.

Höchst kommentarfreudig zeigten sich die Intellektuellen in Sachen Finanzkrise. Claus Peymann, der Klassenkampfbeauftragte des Deutschen Bühnenvereins, hatte bei diesem Thema natürlich ein Heimspiel. „Das heutige System ist bis ins Mark faul. Die Globalisierung ist die höchste Perfektion des Raubtierkapitalismus.“ Nicht schlecht, aber für einen glaubensfesten Altlinken doch irgendwie zu lasch, wenn schon Horst Seehofer meinte: „Markt pur ist Wirtschaft pervers. Markt pur ist der pure Wahnsinn.“ Warum wohl weder der rote noch der schwarze Antikapitalist erwähnten, dass die Krise irgendetwas staatlichem Schuldenmachen zu tun hat? Egal, Starökonom Heiner Geißler verkündete: „Es gibt auf der Welt Geld wie Dreck. Es haben nur die falschen Leute.“

Zur Weigerung der Bundesregierung, den Sturz Gaddafis militärisch zu unterstützen, steuerte Martin Walser den denkwürdigsten Kommentar bei. „Einfach toll, dass ein Krieg auch ohne uns stattfinden kann,“ meinte der Dichter, „Deutschland hat ein Recht, keinen Krieg mehr führen zu müssen.“ Gut, wenn andere die Drecksarbeit für uns erledigen. Aber sie sollten es so tun, wie wir es tun würden. „Die Tötung dieses Mannes auf dem Boden des souveränen Staates Pakistan ist eine zweischneidige Sache,“ kritisierte der gefühlte deutsche Kaiser Helmut Schmidt das Ende bin Ladens, „ganz eindeutig ein Verstoß gegen das geltende Völkerrecht.“ Unsere Beamten hätten den Job sicherlich einwandfrei erledigt, wie an der perfekten Aufklärung der Neonazi-Morde sieht.

Es ist schon bitter: Niemand hört auf unsere Dichter, Denker und Altkanzler. Aber immerhin haben wir hier ihre weisen Worte konserviert. 2012, da sind wir sicher, werden weitere hinzukommen.

Erschienen in DIE WELT am 30.12.2011

(Maxeiner und Miersch)


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Kategorie(n): Kultur  Bunte Welt 

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