Dr. Alexander Gutzmer 30.11.2009 21:02 +Feedback
Weinerliche Autonome
Was sagt es über dieses Land aus, wenn ein Häufchen antisemitischer Punks eine Lanzmann-Filmvorführung stört? Nicht allzu viel, möchte man meinen, abgesehen von der Existenz dieses linken Antisemitismus. Die Hamburger Krawalltrottel repräsentieren sicher nicht die Mitte dieser Gesellschaft. Damit ist auch die Frage beantwortet, weshalb es keinen kollektiven Aufschrei gab. Es gab ihn nicht, weil die deutsche Mitte die Kinoblockierer für zu randständig hielt.
Trotzdem scheint mir die Aktion bemerkenswert. Sie sagt nämlich einiges über Identitätskonstitutionen vieler radikal Linker aus. Hierzu hat der (linke) Künstler Daniel Richter der Welt am Sonntag ein kluges Interview gegeben. Richter stellt einen Zusammenhang her zwischen der historischen Nazischuld und der panisch wirkenden Aktion vor dem Hamburger Kino „B-Movie“: „An Israel will man etwas beweisen“, so Richter. Die Kinder der Nazis wollten Israel zeigen, „dass man mindestens genauso gut ist wie der Gegenüber“.
Die Krawallos handeln damit in der Logik einer Selbsthilfegruppe; nennen wir sie also AA (Autonome Antisemiten). Um Israels Außen- oder Grenzpolitik geht es ihnen nicht. Sie arbeiten sich in weinerlicher Selbstbezogenheit zwanghaft an Israel ab.
Daniel Richter also hat Recht – auch wenn seine historische Kategorisierung ungenau ist. Es handelt sich bei den AA von heute nicht um die Kinder der Nazis, sondern deren Enkel oder Urenkel. Die Kinder waren in der (ebenfalls antisemitisch geprägten) RAF-Szene zu finden. Schon bei ihnen herrschten die Mechanismen der Selbsthilfegruppe. Bereits ihr Simultanhass auf Deutschland, Israel und die USA war eine psychotherapeutisch motivierte Ersatzhandlung. Die Baader-Generation litt unter dem Trauma, als Nachgeborene den Nationalsozialismus nicht verhindern gekonnt zu haben. Deshalb deutete sie die Bundesrepublik zum Ersatz-Naziregime um und Israel zum Hauptbösen der Nachkriegsgeschichte.
Dem Staat Israel lasteten die verwirrten Seelen damals nicht nur die eigene historische Schuld an, sondern auch das Gefühl der eigenen Irrelevanz. Dieses schreibt sich bei einigen Linken der Enkel- und Großenkelgeneration fort. Auch hier regiert das Gefühl einer großen Missachtung. Israel braucht die deutschen Linken nicht und interessiert sich auch nicht sonderlich für sie. Und die deutsche Gesellschaft ist von den Autonomen von heute nicht provoziert, sondern nur ein wenig genervt. Dafür wollen die Autonomen Israel und uns alle bestrafen.
Die desinteressierten Reaktionen auf die Kinokrawalle sind insofern vor allem für die AA selbst ein Problem. Man darf davon ausgehen, dass sich ihre Aktionen weiter vulgarisieren und inhaltlich wie rhetorisch noch hanebüchenere Züge annehmen. Wo diese Entwicklung endet, kann man am Berliner Bahnhof Friedrichstraße beobachten. Da sitzen regelmäßig ein paar Punks und pöbeln herum. Hauptadressat: ihre Hunde.
Permanenter Link | Druckversion
Kategorie(n): Kultur


