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  24.12.2011   10:35   +Feedback

Weihnachts-Amnestie

Am Tag vor Heilig Abend wollen wir mal nicht wie üblich rumnörgeln, sondern die Verfehlungen unsere Nächsten und Fernsten bis zum neuen Jahr von Strafverfolgung ausnehmen. Da wäre zunächst Mierschs Hündin Hummel. Auf die Frage, ob Sie ein Stück Fleisch aus der Einkaufstüte entwendet habe, reagierte sie mit einer bühnenreifen Unschuldsmine. Sie hat dabei eigentlich auch nicht gelogen, schließlich handelte es sich nicht einfach um Fleisch, sondern um ein exquisites Filetstück. Wir verzeihen Hummel hiermit ausdrücklich - wie überhaupt allen Nicht-Vegetariern - den Bundespräsidenten eingeschlossen.

Den Geist des Verzeihens wollen wir auch all jenen Nervensägen entgegenbringen, die uns mit salbungsvollen Worten darüber aufklären, wie entfremdet und sinnentleert die Weihnacht geworden sei. Kapitalismus- und Konsumkritik gehören mittlerweile zum Fest wie das Lametta zum Baum und der Glühwein zum Weihnachtsmarkt. Gäbe es diese rituellen Geißelungen nicht, wir würden sie glatt vermissen. Also wollen wir mal nicht pingelig sein und uns das alles unwidersprochen anhören. Ganz falsch ist es ja auch nicht, zumindest für die nächsten acht Tage.

Mit Nachsicht wollen wir auch jenen begegnen, die uns mit weihnachtlichen Ökoempfehlungen auf den Pfad der Tugend führen wollen. Das reicht vom vegetarischen Drei-Gänge-Menü über die ökologisch korrekte Weihnachtsbaum-Dekoration bis hin zur klimaneutralen Anfahrt zum Familientreff. Schaden kann das ja wirklich nichts und Sinn stiftet es auch. Im Kerzenschein werden wir ganz milde und sind bereit zuzugeben: Jesus wäre sicher auch Klimaschützer gewesen und hätte einen Toyota Prius gefahren.

Auf „Zeit-Online“ werden statt schnöden Geschenken unter anderem Mikrokredite für die Menschen in armen Ländern empfohlen, was wir für gar keine schlechte Idee halten. Vor allem ist sie ausbaufähig. Der Bundesbank möchten wir empfehlen etwaige Billionen zur Eurorettung über Weihnachten zu verschicken, dann fällt das nämlich auch unter unsere weihnachtliche Amnestie. Es wäre überhaupt viel schöner gewesen, die Euro-Rettung nicht als drögen Gipfel in Brüssel sondern als Spendengala mit Thomas Gottschalk zu organisieren. Dann könnten wir uns wenigstens großzügig fühlen anstatt wie die Euro-Knauser vom Dienst dazustehen. Und Angela Merkel hätte sogar noch ein paar selbstgebackene Plätzchen drauflegen können. Aber Schwamm drüber. Wir wünschen Ihnen, liebe Leser ein frohes Weihnachtsfest.

Erschienen in DIE WELT vom 23.12.2011

(Maxeiner und Miersch)


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Kategorie(n): Inland  Kultur  Bunte Welt 

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