Dr. Alexander Gutzmer 02.06.2010 19:30 +Feedback
Wehrpflicht, eine deutsche Kauzigkeit
Er muss das wahrscheinlich sagen. Die Verkürzung der Wehrpflicht auf sechs Monate sei „kein Einstieg in den Ausstieg“, versicherte kürzlich der Verteidigungsminister. Offiziell wird das natürlich auch für die aktuell kursierende Idee gelten, die Wehrpflicht zeitweise auszusetzen. Bald dürfte also wieder mit viel Pathos die Wehrpflicht zum Bollwerk gegen sämtliche Übel der Welt hochgejubelt werden.
Wenn es aber konkreter wird, ist von einem echten Nutzen Wehrpflichtiger für eine Armee im 21. Jahrhundert nicht mehr die Rede. Wie auch. Selbstredend haben die sechsmonatigen Teilzeitfighter keinen Schimmer davon, wie moderne Kriegführung gehen könnte. Das erwartet auch ernsthaft niemand. Die Wehrpflicht ist ein Überbleibsel der Nachkriegswelt, in der die Funktion der Bundeswehr eine rein innerdeutsche, gewissermaßen sozialpsychologische war. Wirklich zu tun hatte sie nichts, und das war auch gut so. Vor allem nämlich sollte sie durch ihre Existenz die Deutschen lehren, auch mit Armee zur Abwechslung mal friedlich zu bleiben. Und das hat ja geklappt.
Die Bundeswehr war damals vor allem ein Institut zur Charakterbildung. Als solches wird sie auch heute noch gerne betrachtet. Junge Menschen sollen in ihr lernen, “gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen”, wie es dann schnell heißt. Hier aber wird die Argumentation schwierig. Denn natürlich macht kollektives Langweilbechern in Kasernen keineswegs verantwortungsvoller. Und auch der qua Image soziale Zivildienst erzeugt keine Samariter, zumindest nicht, wenn ich an den klassischen Essen-auf-Rädern-Schmalspur-Zivi denke.
Wenn sich also der Staat unbedingt an der Charakterbildung junger Menschen versuchen muss, tut er dies mit Wehr- und Zivildienst ausgesprochen erfolglos. Was auch nicht weiter überrascht. Bis zu 13 Jahre hatte er dazu dazu – und mit der Schule auch ein geeignetes Institut an der Hand. Wie sollen Sozialstationschefs schaffen, woran ausgebildete Lehrer scheitern? Und über welche pädagogischen Spezialtalente verfügt der gemeine Feldwebel?
Und noch zu einer letzten Illusion – jener nämlich, „das Ausland“ beneide Deutschland um das “Modell Wehrdienst”. Das ist natürlich Unsinn. Um unsere Wehrpflichtarmee beneidet uns nicht einmal Andorra. Der Wehrdienst wird vielmehr für einen kauzigen deutschen Sonderweg gehalten. Von diesem sollten wir uns schleunigst verabschieden.
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