Fundstück 09.08.2012 19:08 +Feedback
Wege zum Glück
Aufklärung sollte in dieser Debatte möglichst konkret werden, bis hin zum sozusagen Pornografischen. Es ist natürlich richtig, dass die meisten jüdischen und muslimischen Männer nicht dauerhaft von der Beschneidung traumatisiert sind. Es gibt Schlimmeres, Gott sei Dank! Dass Beschneidung dennoch keine Banalität ist, zeigen Erzählungen wie die von Najem Wali, der in grässlichen Szenen ausmalt, wie schmerzhaft und verletzend das Ritual für ihn war. Ähnliches berichtet Ali Utlu, ein Schwulenaktivist der Piratenpartei, im Interview mit der Siegessäule, der zugleich auch erklärt, dass er die Beschneidung als eine Reduktion seiner sexuellen Möglichkeiten erlebt. “Ich hatte Probleme, einen Orgasmus zu bekommen, wenn mir einer einen geblasen hat. Und wenn das dann immer ewig dauert, dann nervt einen das und das ist auch peinlich. Der Akt ist damit eigentlich kaputt.” Auch Masturbation wird durch Beschneidung erschwert, erklärt ein Artikel in der Wikipedia: Nicht dass es nicht Wege gäbe, dennoch zum Glück zu finden, Gleitmittel oder schlicht Spucke oder Gegenstände, an denen man sich reibt, wie die berühmte Leber in “Portnoys Beschwerden”. http://www.perlentaucher.de/blog/276_die_dialektik_der_gegenaufklaerung
Den richtungsweisenden Hinweis liefert eine Karikatur, die der Berlin-Kurier am 17. Juli 2012 veröffentlichte und die einen mit einer langen Kutte bekleideten “judennasigen” Geistlichen zeigt. In der einen Hand hält er einen noch blutigen Dolch, in der anderen den Penis und Hodensack seines Gegenüber - eines mit der jüdischen Kippa bekleideten Jungen. “Oh - oh, heute ist nicht mein Tag” ruft der blutbefleckte Beschneider, während der Judenjunge ihn tröstet: “Kopf hoch, es wird bald nicht mehr strafbar!”.
Dieses Bild sagt wenig über das zu Betrachtende, viel aber über den Betrachter aus. Es belegt, dass sich die Beschneidungsdebatte auf einem Terrain entfaltet, auf dem jede Menge Uralt-Ängste, Ressentiments und Projektionen hausen. Es zeigt, wie das Urteil des Kölner Landgerichts über die Beschneidung eines Muslims gleichwohl Fantasien des Antisemitismus mobilisiert. Es steht in der Tradition antisemitischer Beschneidungskarikaturen, in denen eine riesengroße Schere das Bild dominiert - als angsteinflößendes Symbol der Kastration. http://www.perlentaucher.de/essay/kontaminiertes-terrain.html
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Kategorie(n): Kultur

