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  28.11.2011   11:53   +Feedback

Was macht Hanna so stark? Ein Erklärungsversuch

Über die sympathische Feld-, Wald- und Schienenblockiererin Hanna Poddig ist auch auf achgut.de schon berichtet worden. Die 26jährige hat keinen festen Wohnsitz, ernährt sich von entsorgten Lebensmitteln und besitzt nur einen Rucksack mit ein paar Klamotten. Dennoch ist die Hanna prima drauf. Wenn die „Vollzeitaktivistin“ nicht gerade Felder mit Genpflanzen zertrampelt, kettet sie sich irgendwo an oder steigt aufs Brandenburger Tor, um für „erneuerbare Energien“ zu werben. So viel zu tun! Und irgendein Bauwagen oder eine WG von Friedensfreunden findet sich immer, wo die rastlose Kämpferin zwischendurch eine Mütze Schlaf nehmen kann. Ein Buch über ihr Leben hat die Heilige Johanna der Genkartoffeln auch verfasst, Titel: „Radikal mutig“.

Inzwischen kommt sie noch mehr rum, denn die Medien - vom „Stader Tageblatt“ bis zur „Brigitte“ - sind heiß auf die Mutbürgerin geworden. Trotz ihres extravaganten Lebensstils sieht sie gar nicht mal so übel aus. Sie beherrscht außerdem die Kunst, wie Ina Müller ohne Punkt ohne Komma zu brabbeln und sich dabei von keinem Gedanken oder Sachargument stören zu lassen. Hyperaktive Menschen mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom sind wie geschaffen für Talkshows, welche Hanna deshalb gerne einladen. Das Vollzeitweib lässt sich vor solchen Auftritten sogar schweren Herzens schminken („man sieht ja im Fernsehen so schlimm aus ohne Farbe im Gesicht“), aber die Stylistinnen dürfen bei ihr nur „vegane Kosmetikprodukte“ auftragen. Kurz, Hanna ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Der Schnatterbackengesellschaft.

Dummerweise will nun die Bahn 14 000 Euro von Hanna haben. Das kam so, wenn man der „Deutschen Friedengesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen“ folgt:

„Die Antimilitaristin hatte im Februar 2008 mit weiteren AktivistInnen anlässlich eines Militärtransportes gegen die deutschen Militärs und ihre Auslandseinsätze demonstriert. Dabei hatte sie sich, um ihren Protest zu verdeutlichen, an die Gleise zwischen Schleswig und Husum gekettet. Der Militärzug mit Kriegsgerät des Flugabwehrraketengeschwaders 1 „Schleswig-Holstein“ war auf dem Weg zu einem Manöver der Nato-Response-Force und verzögerte sich um mehrere Stunden. Die Nato-Response-Force ist eine sogenannte Schnelle Eingreiftruppe der Nato, die innerhalb von einer Woche weltweit kriegsbereit sein soll, u.a. zur „Offenhaltung des Zuganges zu Märkten und Rohstoffen“ für die ausbeuterischen Ökonomien der Nato-Staaten.“

In zwei Instanzen ist die Hanna gegen den Nato-Komplizen Bahn, welcher die Kosten für eine Gleisreparatur von ihr erstattet haben will, bereits unterlegen. Es wird also ernst. Der Militärstaat schlägt zurück. „Die Geldstrafe ist mir egal, ich habe ja nichts“, sagt sie. Aber sie müsste womöglich ersatzweise 90 Tage in den Knast. Das würde bedeuten: drei Monate keine Genpflanzen zerrupfen, keine Ankettaktionen, keine Kameras, keine Interviews. Drei endlose Monate ohne Illner, Jauch, den schönen Giovanni und die anderen! Geht gar nicht. Bevor wir aber zum nächsten Bankterminal rennen, um Spenden für die Hanna abzudrücken, ein Moment der Besinnung.

An rechtlichem Beistand dürfte es Hanna nicht mangeln. Menschen wie sie, die sich entschlossen haben, schnöder Erwerbsarbeit zu entsagen und daher mittellos sind, bekommen in diesem Land - als Kläger oder Beklagte - Prozesskostenhilfe (PKH) vom Staat. Und Anwälte, die unsere Hanna pro bono gegen die Klassenjustiz verteidigen, stehen sicherlich bereits zur Genüge bereit. Außerdem, ist der gnadenlose Kampf der Bahn gegen die junge Idealistin nicht genau das, was Hanna menschlich reifen lässt?

Der „Brigitte“-Psychologe Oskar Holzberg hat analysiert, „was Hanna so stark macht“. Er kommt zum Ergebnis: „Konsequent und kompromisslos testet Hanna ihre persönlichen Grenzen. Sie begegnet ihren Ängsten, stellt sich Herausforderungen, geht ungewöhnliche Wege. Hanna ist radikal und geht weit. Aber das Gute: Sie reflektiert ihr Handeln und ihre Wirkung. So verliert sie sich selbst nicht, sondern findet im Gegenteil immer mehr zu sich.“

Das sind wundervolle Aussichten, die durch einen Knastaufenthalt nur noch besser werden können. Haben nicht viele große Menschen ein Unrechtssystem besiegt, indem sie für ihre Überzeugungen ins Gefängnis gingen (Mandela)? Und wenn die Hanna dann rauskommt, sicherlich schon freudig erwartet von Fernsehteams der ARD und des ZDF, dann hat sie endgültig zu ihrer Rolle als Verfolgte des Schweinesystems gefunden. Dann stehen ihr aber auch sämtliche Talkshows, Politmagazine und Kultursendungen zur Verfügung, um dem deutschen Militärstaat, den Gen-Gangstern und Atomverbrechern die Kante zu geben. An alle Schminkabteilungen im öffentlich-rechtlichen Anstaltsbereich: bitte schon mal mit veganischen Kosmetika eindecken!

Lachen mit Hanna und Giovanni: http://www.youtube.com/watch?v=AHxi1Y-VRPA

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Kategorie(n): Bunte Welt 

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