03.10.2012   08:36   Leserkommentare (0)*

Was kann Ikea für Saudi-Arabiens Gesetze?

Thomas Baader

In der für Saudi-Arabien bestimmten Ausgabe des Ikea-Katalogs wurden auf allen Bildern die Frauen wegretuschiert. Es ist offensichtlich, dass sie den weiblichen Bekleidungsvorschriften des Königreichs nicht entsprochen hätten. Ikea ist für diese Art des vorauseilenden Gehorsams scharf kritisiert worden, aber in so manchem Kommentarbereich fragt auch der eine oder andere Leser: Was kann denn Ikea für die Gesetze der Saudis?

Und auch in der Los Angeles Times kann die Journalistin Karin Klein die Aufregung nicht verstehen und verteidigt Ikeas kulturelle Sensibilität: “And though people have every right to disagree with such Saudi values, it seems odd and unfair to ding a company for making sure that its advertising was culturally sensitive to the nation where it is hoping to sell its goods and in keeping with that society’s values. Is cultural sensitivity something to applaud only when it is in keeping with our notions of how a society should be?”

Die deutschsprachigen “Excite-News” stellen hierzu nüchtern fest: “Das Franchise-Unternehmen wird wohl kaum aus eigener Willkür die ‘zu wenig bekleideten’ Frauen entfernt haben, sondern richtet sich dabei nach den Vorschriften des Landes. Auch wenn IKEA selbst auf die Werte verweist, die es vertritt, ist es doch fraglich, inwiefern ein schwedischer Möbelkonzern dafür verantwortlich ist, die Regelungen in Saudi-Arabien zu ändern.”

Stimmt. Ikea ist in der Tat nicht verantwortlich für die Gesetze in Saudi-Arabien. Da kann man also wohl gar nichts machen.

Kann man nicht? Werfen wir mal einen Blick ins Jahr 1938. Der deutsche Verlag Rütten & Loening zeigte Interesse, das Buch “The Hobbit” des englischen Autors J. R. R. Tolkien in Deutschland zu veröffentlichen. Der Verlag handelte dabei ganz im Einklang mit den damaligen deutschen Gesetzen, wenn er von Tolkien einen Ariernachweis verlangte. Tolkien fomulierte daraufhin:

“Ich bedaure, dass mir nicht ganz klar ist, was Sie mit dem Wort ‘arisch’ beabsichtigen. Ich bin nicht ‘arischer’, also indo-iranischer Abstammung; soweit mir bekannt ist, beherrschte keiner meiner Vorfahren Hindustani, Persisch, Zigeunersprache oder verwandte Dialekte. Aber wenn ich einmal annehmen darf, dass Sie sich danach erkundigen, ob ich jüdischer Abstammung sei, kann ich nur antworten, dass ich bedaure, offenbar keine Vorfahren aus diesem begabten Volk zu haben. Mein Ur-Urgroßvater kam im 18. Jahrhundert aus Deutschland nach England. Der Hauptteil meiner Abstammung ist daher rein Englisch, und ich bin ein englischer Staatsbürger - was Ihnen genügen sollte. Nichtsdestoweniger war ich gewohnt, meinen deutschen Namen mit Stolz zu betrachten, und tat das auch weiterhin während der Zeit des letzten, bedauerlichen Krieges, in dem ich in der englischen Armee diente. Dennoch kann ich es leider nicht vermeiden anzumerken, dass, wenn impertinente und irrelevante Fragen dieser Art in literarischen Angelegenheiten die Regel werden sollten, die Zeit nicht mehr fern ist, da ein deutscher Name nicht mehr länger ein Grund für Stolz sein wird.”

An seinen eigenen Verleger schrieb Tolkien zudem, dass er das “(mögliche) Fehlen jüdischen Blutes” nicht für ehrenwert halte und auch nicht eine “vollkommen verderbliche und unwissenschaftliche Rassendoktrin” zu unterstützen gedenke.

Es wäre auch denkbar gewesen, die Sache anders anzugehen. Natürlich hätte Tolkien sich auch auf den Standpunkt stellen können, dass man ihn nicht für die Gesetze in Deutschland verantwortlich machen dürfe. Er hätte den Ariernachweis, um den man ihn gebeten hatte, einfach erbringen können.

Bloß: Damals gab es aber noch keine Kultursensibilität. “The Hobbit” erschien in Deutschland erst im Jahre 1957.

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Kategorie(n): Ausland  Kultur  Wirtschaft 

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