Hannes Stein 13.05.2009 15:10 +Feedback
Was heißt eigentlich konservativ?
Die folgenden Überlegungen sind karikaturhaft, verzerrt, schamlos übertrieben, aber es steckt doch mehr als ein Körnchen Wahrheit darin—vielleicht ein ganzes Maisfeld.
Also:
In Amerika ist ein Konservativer jemand, der am liebsten mit einem Messer zwischen den Zähnen im Wald herumkrauchen möchte. Unbehelligt vom Staat, den er verachtet, ganz auf sich gestellt, und selbstverständlich ohne Einkommenssteuer. Der amerikanische Konservative ist im Grunde seines Herzens Anarchist. Seine Religion (Katholizismus, radikalen Protestantismus, Mormonismus, manchmal auch orthodoxes Judentum) nimmt er ernst. Er hat kein funktionales Verhältnis zu ihr. Er ist z.B. ernsthaft überzeugt, dass ungeborene Kinder Kinder sind und dass die Tatsache, dass man ihnen heute das fundamentalste aller Menschenrechte—das Recht auf Leben—vorenthält, ebenso skandalös ist, wie es in ihrer Zeit die Sklaverei war.
In Europa ist ein Konservativer jemand, der Putin gut findet. Mir wurde das klar, als ich vor ein paar Jahren in Berlin zu einem Abendessen eingeladen war, an dem verschiedene bekennende Konservative (ich nenne natürlich keine Namen) teilnahmen. Die gepflegte Tischrunde war einhellig der Meinung: Putin ist prima. Der hält Russland zusammen. Der schafft Ordnung. Diese islamistischen Tschetschenen bekommen von der russischen Armee nur das, was sie verdient haben. Etc. Zur Religion (meistens einer abgespeckten Version des Protestantismus) unterhält der europäische Konservative ein rein funktionales Verhältnis: Glauben ist gut, weil er “Werte” schafft, und “Werte” stabilisieren die Gesellschaft.
Dass Linke, die ihre alleinseligmachende Utopie verloren haben, in Europa am liebsten zum Konservatismus konvertieren, wundert mich kein kleines bisschen. Am liebsten möchte ich ihnen von der anderen Seite des Atlantik her zurufen: Bleibt schön drüben!
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