Gastautor 27.05.2012 13:25 +Feedback
Was gekauft werden muss (noch’n Gedicht)
Christoph Spielberger
Erneut meldet sich Günter Grass mit einem Gedicht zu Wort. Die Süddeutsche Zeitung nennt es zu Recht „zornig“. Nach dem letzten Gedicht, das er „mit letzter Tinte“ schrieb, folgt nun die allerletzte. Es ist nicht auszuschließen, dass Grass irgendwo noch ein Fässchen (Tinte) finden wird. Auch in seinem neuen Gedicht benutzt er wieder ein Stück aktuelle Weltpolitik, um seine sehr persönliche Lage zu paraphrasieren. Es scheint, dass er reinen Tisch machen möchte. Kriegsschuld, Verdrängung und jahrzehntelange Kompensation als Gewissen der Nation lasten schwer auf seiner Seele. Zum besseren Vergleich zunächst wieder die in der SZ publizierte Zweitfassung:
Europas Schande
Ein Gedicht von Günter Grass
Dem Chaos nah, weil dem Markt nicht gerecht,
bist fern Du dem Land, das die Wiege Dir lieh.
Was mit der Seele gesucht, gefunden Dir galt,
wird abgetan nun, unter Schrottwert taxiert.
Als Schuldner nackt an den Pranger gestellt, leidet ein Land,
dem Dank zu schulden Dir Redensart war.
Zur Armut verurteiltes Land, dessen Reichtum
gepflegt Museen schmückt: von Dir gehütete Beute.
Die mit der Waffen Gewalt das inselgesegnete Land
heimgesucht, trugen zur Uniform Hölderlin im Tornister.
Kaum noch geduldetes Land, dessen Obristen von Dir
einst als Bündnispartner geduldet wurden.
Rechtloses Land, dem der Rechthaber Macht
den Gürtel enger und enger schnallt.
Dir trotzend trägt Antigone Schwarz und landesweit
kleidet Trauer das Volk, dessen Gast Du gewesen.
Außer Landes jedoch hat dem Krösus verwandtes Gefolge
alles, was gülden glänzt gehortet in Deinen Tresoren.
Sauf endlich, sauf! schreien der Kommissare Claqueure,
doch zornig gibt Sokrates Dir den Becher randvoll zurück.
Verfluchen im Chor, was eigen Dir ist, werden die Götter,
deren Olymp zu enteignen Dein Wille verlangt.
Geistlos verkümmern wirst Du ohne das Land,
dessen Geist Dich, Europa, erdachte.
Nun die Erstfassung, das Original:
Meine Nemesis
Dem Chaos nah, weil der Supermarkt schon zu,
bin fern ich dem Brand, der mich abends ins Bett bringt.
Was für die Kehle gesucht, schon gefunden mir galt,
doch: zu spät, so’n Schrott! Taxi!!
Als Trinker halbnackt an die Hauswand gelehnt, leidet mein Geist,
dem Dank des Trinkens die Redekunst stirbt.
Zur Armut verurteilter Geist, dessen Reichtum
gepflegte Bibliotheken schmückt: von mir gehütete Beute.
Wie ich mit Waffengewalt manch’ unseliges Ostland
heimsuchte, trug ich zur Uniform Schnaps im Tornister.
Und jetzt? Kaum noch geduldeter Geist, dessen Lobredner von mir
einst als Bündnispartner geduldet wurden.
Haltloser Geist, dem der Haltgeber Leber
den Gürtel enger und enger schnallt.
Ihr trotzend trägt Johnny Walker das black label und in ganz Lübeck
kleidet Trauer alle Kneipen, deren Gast ich einst gewesen.
Im Spätkauf jedoch steh’n des Kornbrands verwandte Getränke.
Alles, was gülden glänzt gehortet in mächtigen Tresen.
Sauf nicht so viel! Flüstern alle, die es gut mit mir meinen
doch zornig fülle ich erneut meinen Becher randvoll.
Und verfluche alle. Denn was mir gehört, ihr Götter in weiß,
Das soll mir auch keiner enteignen. Mein Wille verlangt es.
Geistlos verkümmern würd’ ich ohne Weinbrand,
in dessen Geist mir die Welt ich erdachte.
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Kategorie(n): Satire

