Richard Wagner 13.10.2009 03:23 +Feedback
Warum Warschau Angst vor Herta Müller hat
Die Kaczynski-Brüder, Präsident und Premier, hegten in ihrer botschaftslastigen Tandemzeit ein Weltbild, das mit der Realität nur bedingt etwas zu tun hatte. Das imaginierte Polen spielte allerdings immer schon eine vieles, allzu vieles entscheidende Rolle. Der Staat Polen verdankt in der Tat so manches von seiner Existenz im letzten Jahrhundert der trotzigen Imagination. Der polnische Staat war die meiste Zeit nur ein Gedanke. Genau genommen kam in der gesamten modernen europäischen Geschichte die Staatsrealität, und mit ihr die Staatsräson, erst im Gefolge des Ersten Weltkriegs, mit der Niederlage des Deutschen Reiches, der Bolschewisierung Russlands und dem Zerfall der Donaumonarchie. Und kaum war dieser Staatstraum einigermaßen umgesetzt, und zwar mehr schlecht als recht, wenn man die Lebensverhältnisse im Polen der dreißiger Jahre betrachtet, da erscheinen am sich verdüsternden Horizont die alten Großmächte in neuer Rüstung. Das Dritte Reich und die Sowjetunion teilten sich im Einvernehmen im September 1939 den polnischen Staat. Löschten ihn aus. Das, und das, was danach kam, ist bekannt. Und es ist auch der Grund für das Verständnis, das in der deutschen Öffentlichkeit für polnische Belange und auch für polnische Exzesse gelegentlich aufkommt.
Nun aber sind, nach dem Ende des Kommunismus, und mit der Osterweiterung der EU, nebst der endgültigen völkerrechtlichen Festschreibung der deutschen Ostgrenzen, die polnischen Staatsbelange geregelt. Damit aber ist auch die polnische Imagination brotlos geworden. Sie lebt in einer Art Hartz IV der Träume fort. In ihnen hat sich die große Angst abgelagert, seitdem sie keinen Grund mehr findet. So wurde in den Kaczynski-Zeiten eine Erika Steinbach, clevere Modernisiererin der vertriebenen Trachtenvereine, zur Hauptgefahr für den polnischen Traum erklärt. Sie ist seither für alles, was in Polen, und um Polen herum, schief geht, verantwortlich. Der Anschaulichkeit halber wird sie gelegentlich sogar in eine SS-Uniform gesteckt. Für die polnische Öffentlichkeit ist sie damit der Honorarkonsul des Bösen. Bisweilen konkurriert noch Russland um den Titel, manchmal auch die EU.
Verfolgt man die Meinungsbildung in der polnischen Öffentlichkeit, kann man durchaus den Eindruck haben, was in der Welt auch geschieht, es wird zunächst einmal auf sein Bedrohungspotential für den Staat Polen untersucht. Das bezieht sich längst nicht nur auf Frau Steinbach, es betrifft in diesen Tagen sogar Herta Müller, die diesjährige deutsche Literatur-Nobelpreisträgerin. Eine der großen Zeitungen Polens, Rzeczpospolita, die sich als konservativ versteht, hat die Entdeckung gemacht, dass der Nobel-Preis für Herta Müller ein weiterer Schritt zur Zeichnung eines neuen Geschichtsbildes ist, das die Deutschen zu Opfern des Zweiten Weltkriegs stilisieren solle. Bravo, auf den Punkt gebracht. Auf den Punkt der Imagination, deren Niveau seit Mickiewicz offenbar kontinuierlich gesunken ist.
http://www.rp.pl/artykul/61991,375485_Hitler__Walkiria_i_Nobel_.html
Wer meint, Erika Steinbach beherrsche den politischen Raum in Deutschland, der weiß herzlich wenig über sein Nachbarland. Geradezu zynisch ist es aber in einer Herta Müller eine Revanchistin zu vermuten. Sie hat sich wie kaum eine andere deutsche Autorin ihrer Generation an der Nazivergangenheit, an der der Banater Schwaben, und an der des eigenen Vaters, abgearbeitet. Und zwar so unerbittlich, dass etliche ihrer Landsleute sie deshalb als „Nestbeschmutzerin“ und „kommunistische Agentin“ titulieren. Das alles kann man im Übrigen aus ihren Büchern erfahren. Sieben Buchtitel von Herta Müller wurden bisher ins Polnische übersetzt. Der Kommentator der Rzeczspospolita hat offenbar kein einziges gelesen.
An dem Beispiel wird deutlich, was Teile der polnischen Öffentlichkeit immer noch umtreibt. Es geht um das Feindbild, um dessen Pflege, und um nichts anderes. Man kann als Deutscher tun und lassen was man will, an zwei Orten dieser Welt bleibt man der Nazi: in Hollywood und in Warschau. In Hollywood macht man damit Kasse, in Warschau verschafft man sich Ablenkung von den eigentlichen Problemen, den polnischen, den hausgemachten. Verantwortlich für Polens Zustand ist weder Erika Steinbach noch Herta Müller. Warum sollte man nicht von der Deportation der Deutschen aus Rumänien zur Zwangsarbeit in das stalinistische Russland schreiben dürfen? Warum sollte es etwas geben, über das man nicht schreiben darf? Und wer bitte entscheidet, was man darf, und was nicht?
Der polnische Träumer hat sich aus seiner Opferrolle heraus zum Richter erklärt. Er urteilt über den Rest der Welt, und der Rest der Welt besteht, in seiner Imagination, aus Deutschen und Russen. Diese seine Annahme scheint mir nicht ganz zuzutreffen. Schade ich nun mit dieser Anmerkung dem polnischen Staat?


