03.05.2008   22:20   +Feedback

Warum mein Buch großer Mist und unverzichtbar ist

Offenbar hat tout le monde schon ein Exemplar von meinem Buch—nur ich halte noch keins in den Händen. Tja, was bin ich auch nach Amerika ausgewandert! Selber schuld.

Weil es außer mir aber vielleicht doch noch ein paar andere Leute gibt, die meinen “endgültigen Ratgeber” noch nicht haben—und weil der offizielle Erstverkaufstag wirklich erst am Montag sein wird—veröffentliche ich an dieser Stelle doch noch eine zweite Kostprobe.

“Immer Recht haben!” heißt das Buch, und ich vertrete dort zu jedem Thema unter der Sonne zwei diametral entgegengesetzte Meinungen (nach dem Motto: “Atomkraft? Nein danke” bzw. “Atomkraft? Ja bitte"). Die Krönung des dialektischen Unterfangens sind—wie sich beinahe von selbst versteht—zwei Rezensionen des eigenen Werrks: eine zustimmend, eine ablehnend.

Bitte, hier sind sie:

DAS VORLIEGENDE BUCH IST GROSSER MIST

Hannes Stein ist ohne Zweifel ein gewitzter Schreiberling. Das hat er schon in seiner Ratgebersatire „Endlich Nichtdenker!“ und in seiner „Enzyklopädie der Alltagsqualen“ bewiesen, wenngleich angemerkt werden muss, dass diese beiden Bücher von der Kritik sehr zwiespältig aufgenommen wurden – manche Rezensenten gingen so weit, Stein einen Reaktionär zu nennen. Das scheint er sich zu Herzen genommen zu haben, denn in seiner jüngsten Publikation, einem Büchlein, das er (ironisch?) „Immer Recht haben!“ nennt und als „Konversationsführer“ (was immer das sein mag) bezeichnet, ist eine eindeutige weltanschauliche Orientierung überhaupt nicht mehr zu erkennen. Stein mach sich hier einen Spaß daraus, zu jedem erdenklichen Thema unter der Sonne gleich zwei Meinungen zu vertreten, eine pro und eine kontra – so argumentiert er mit derselben Verve für und wider die Atomkraft, für und wider das Recht der Frauen auf Abtreibung, sogar eine kommunistische Predigt findet man auf diesen Seiten – nebst einer ausführlichen Begründung, warum der Kommunismus nicht funktionieren kann. Et cetera ad nauseam. Nein, einen Reaktionär wird man Stein nach dem vorliegenden Buch nicht mehr nennen können. Auch keinen progressiven Geist. Wohl aber einen Feigling.

„Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.“ Dieses Wort wird Luther zugeschrieben; er soll es gesagt haben, als man ihn zwang, sich öffentlich zu seinen antipapistischen Thesen zu bekennen. Nichts könnte weiter vom Wankelmut des Herrn Stein entfernt sein als diese tapfere Haltung. Stein windet sich mit dialektischen Tricks heraus: Wer ihn auf einen festen Standpunkt festnageln will, hört nur das Echo eines Kicherns. Dieser Autor macht es sich leicht. Man ahnt als Leser dunkel, welcher Meinung Steins Herz eher zuneigt (jedenfalls steht zu hoffen, dass er nicht im Ernst für die Todesstrafe oder die Polygamie eintritt), aber statt mit offenem Visier eine Lanze für seine Überzeugungen zu brechen, zieht er es vor, auf beiden Seiten des Turniers gleichzeitig zu kämpfen. „Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere“, soll Groucho Marx gesagt haben. Stein besitzt die Frechheit, diesen Satz als Motto seinem Buch voranzustellen. Man schuldet ihm also nicht einmal den Respekt, den man einem weltanschaulichen Gegner entgegenbringt.

Indessen ist Hannes Steins Buch „Immer Recht haben!“ auch aus einem philosophischen Grund von Übel. Stein behandelt alle Meinungen so, als besäßen sie die gleiche Gültigkeit; er tut so, als seien sämtliche Standpunkte – im buchstäblichen Sinn dieses Ausdrucks – gleichgültig. Das heißt, er leistet dem Relativismus auf fahrlässige Weise Vorschub. Wer dieses Werk zuklappt, behält den Eindruck zurück, dass es so etwas wie eine objektiv feststellbare Wahrheit gar nicht gibt. Das aber würde bedeuten, dass auch keine universalen Werte existieren und das einigende Band zerschnitten wird, das alle Menschen dieses Planeten miteinander verbindet. Kann Stein das wirklich wollen?

DAS VORLIEGENDE WERK IST UNVERZICHTBAR

Hannes Stein ist ein essayistischer Schriftsteller mit Witz in der ursprünglichen Bedeutung dieses Wortes: Er hat Geist und Faible für Ironie. Dies hat er schon mit „Endlich Nichtdenker!“ bewiesen, einer hinreißenden Satire auf das Genre des Ratgebers, aber auch mit seiner lebensklugen „Enzyklopädie der Alltagsqualen“. Beide Bücher wurden von den deutschen Feuilletons kaum eines Blickes gewürdigt – wahrscheinlich aus Neid, weil sie beim Leserpublikum enormen Anklang fanden. Jetzt hat Stein diesen zwei Kleinodien einen dritten Brillanten hinzugefügt, der von Geistesblitzen funkelt – „Immer Recht haben!“, den ersten Konversationsführer Deutschlands. Das Prinzip des neuen Buchs ist so einfach wie genial: Stein nimmt zu allen Themen, die man sich nur denken kann, jeweils zwei diametral entgegengesetzte Standpunkte ein. Es geht dabei um so unwesentliche Fragen wie die, ob Amerika oder China besser zur Supermacht taugt, aber auch wirklich wichtige Entscheidungen werden verhandelt: Soll man Tee oder Kaffee trinken, sind schöne oder hässliche Menschen besser im Bett?

In der Summe ist Steins Buch ein fröhliches Plädoyer gegen die protestantische Verbissenheit, wie sie in Luthers berühmtem Ausspruch „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ zum Ausdruck kommt. Stein macht deutlich, dass in Wahrheit jeder Mensch auch anders könnte, weil keiner von uns ein totalitärer Monolith ist. „Widerspreche ich mir selbst? Na gut, dann widerspreche ich mir selbst“, schrieb einst der amerikanische Poet Walt Whitman: „Ich bin groß, ich enthalte Widersprüche.“ Diese Verse prangen unsichtbar als Motto über Hannes Steins jüngstem Geniestreich. Nebenbei beweist Stein intellektuellen Mut. Er dreht dem linksliberalen Common Sense eine Nase, tritt gleichzeitig die Rechten vors Schienbein – und findet sogar Argumente gegen die Polygamie! Schockierend.

Aber dieser Konversationsführer verdient auch noch aus einem tieferen, einem philosophischen Grund Beachtung. Die Debattenkultur ist in Deutschland, wie man bei jeder neuen Kontroverse beobachten kann, nicht besonders hoch entwickelt. Auseinandersetzungen degenerieren schnell zu polemischen Gefechten, bei denen die Kontrahenten auch vor persönlichen Beleidigungen nicht zurückschrecken, Andersdenkende werden häufig verleumdet und verteufelt. Das mag daran liegen, dass man das Diskutieren hierzulande – anders als in der angelsächsischen Welt – nicht schon in der Schule übt. Hannes Steins Buch, in dem spielerisch vorgeführt wird, welche Haltungen zu verschiedenen Themen möglich sind, könnte hier wie eine Entgiftungskur wirken. Wer „Immer Recht haben!“ zuklappt, der wird den Eindruck zurückbehalten, dass man über jede Sache auch ganz anders urteilen könnte, so dass der jeweilige Gegner vielleicht gar kein böser Mensch ist, sondern jemand, mit dessen Argumenten man sich beschäftigen sollte. So leistet Hannes Stein einen Beitrag zur Festigung der Demokratie, denn sein Buch lehrt uns unaufdringlich die wichtigste aller liberalen Tugenden: Toleranz.


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