Gastautor 09.02.2012 09:42 +Feedback
Warum gibt es eigentlich Ärztemangel? (Teil 2)
Betrachtungen eines jungen Mediziners
Von Marcus Herud
Zurück zu unseren Personalverantwortlichen. Eine Kollegin erzählte mir kürzlich, eine Freundin von ihr habe sich auf eine gut klingende Stellenausschreibung beworben. Nach einem angenehmen Vorstellungsgespräch erhielt sie die Stelle. Dann kam der erste Arbeitstag. Nach der freundlichen Begrüßung durch die allesamt sehr netten, doch nicht gerade zahlreichen Kollegen werden die Details der neuen Tätigkeit erläutert: Zwei Stationen und die Ambulanz wären von der neuen Assistenzärztin pro Schicht allein zu betreuen („Ach ja, wir hätten da noch eine kleine Intensivstation...“). Zwei Tage später steht der erste Nachtdienst an. Der Oberarzt klopft der jungen Kollegin aufmunternd auf die Schulter („Intubieren können Sie ja.“ Woher er das weiß, bleibt sein Rätsel, vielleicht ist er ja Buddhist und glaubt, sie aus einem früheren Leben zu kennen.), und erklärt sich gern zum unterstützenden Hintergrunddienst bereit („Sie können mich jederzeit anrufen, aber ich habe eine Stunde Anfahrt.“). Als die Ärztin noch innerhalb der ersten Wochen kündigt, ist die allgemeine Verwunderung groß. Der Chef mutmaßt enttäuscht, die neuen Kollegen seien wohl nicht mehr belastbar.
Keine Statistik erfasst, wie viele überforderte Assistenzärzte jeden Abend irgendwo ihren Dienst antreten und wie oft es jede Nacht irgendwo zu einem ernsten Zwischenfall kommt. Der führt in den seltensten Fällen zu juristischen Konsequenzen, gut für den allein gelassenen jungen Kollegen, dem man auch eine eventuelle Fehlentscheidung aufgrund der Unerfahrenheit nicht vorwerfen darf, gut auch für die Klinik, denn Schadensersatzprozesse fördern selten das Renommee. Dass ein junger Mann oder eine junge Frau hier eine Verantwortung übertragen bekommen hat, die zu übernehmen er oder sie noch gar nicht fähig war, und für den Rest des Lebens damit klar kommen muss, sich u.U. den Tod eines Patienten vorzuwerfen, moralisch, nicht juristisch, ohne dass irgendjemand sie davon freisprechen kann, welcher der vorgesetzten Ärzte sieht das?
Vor knapp zwei Jahren sorgte der Suizid des damaligen Nationaltorhüters Robert Enke über die Grenzen Deutschlands hinaus für Bestürzung. Das Krankheitsbild „Depression“ rückte in den Mittelpunkt, auch in der harten Männerwelt des Fußballs. Viele Offizielle gaben sich geschockt, versprachen Läuterung. Wer beim Profifußball irgendeine Veränderung sehen will, bitte schön, wie aber sah und sieht es in der Ärzteschaft aus, dem Berufsstand mit einer der höchsten Selbstmordraten überhaupt? In diesem Zusammenhang hat auch der oben erwähnte Rat des Kollegen Montgomery an seine Tochter einen leichten Beigeschmack: Ist der Job zu hart, bist du zu schwach!
Doch manchmal ist es wirklich eher komisch als tragisch. Ich selbst habe folgende Situation erlebt. Ein Kollege, der schon vor Monaten gekündigt hat, erkundigt sich in der morgendlichen Ärztebesprechung zwei Wochen vor dem Austrittstermin neugierig, ob denn ein Nachfolger gefunden sei. Die Oberärzte schauen sich gegenseitig verständnislos an, blicken dann hinüber zum Chef. Allgemeine Ratlosigkeit. Da hat man doch tatsächlich vergessen, mit den Fingern zu schnippen! Nur so lässt sich erklären, dass sich noch keine lange Schlange vor dem Chefsekretariat gebildet hat. Schließlich schaltet man doch eine Stellenanzeige. Es meldet sich ein einziger junger Kollege und kommt für einen Tag zum Hospitieren. Dann wird er nicht mehr gesehen. Ein paar Wochen später fragt wieder in der Ärztebesprechung jemand, was denn aus dem Bewerber geworden sei. Niemand weiß etwas, auch nicht, ob der Kollege überhaupt eine Zusage für die Stelle erhalten hat. Schließlich beauftragt der Chef seine Sekretärin, den Mann anzurufen: Der arbeitet längst in einem anderen Krankenhaus.
Wer sich ab und zu den Spaß macht (und das kann es wirklich sein!), die Stellenanzeigen im „Deutschen Ärzteblatt“ durchzulesen, obwohl er gar keine Stelle sucht, der wird sehen, man findet sie immer noch. „Wir suchen einen engagierten, flexiblen und belastungsfähigen Assistenzarzt in fortgeschrittener Weiterbildung mit abgeschlossener Promotion und Erfahrung in...“ Hier folgt dann eine Aufzählung aller denkbaren internistischen Qualifikationen, am besten in mehrjähriger Erfahrung, und jeder weiß, gesucht wird ein Facharzt zum Gehalt eines Assistenzarztes. Da kann man nur sagen: Viel Glück bei der Suche!
Ein Kollege traf vor kurzem auf einem Kongress einen älteren Chefarzt. Dieser beklagte, den jungen Assistenzärzten von heute müsse man alles nachtragen. Der Kollege stritt das ab und entgegnete, man müsse den jungen Assistenzärzten nur eine gute Weiterbildung bieten. Der ältere Chefarzt ist geschockt: Wie, Weiterbildung? Das gab es bei ihm doch auch nicht! Er habe sich doch auch alles selbst erarbeiten müssen! Mag durchaus sein. Nur, noch ein paar Generationen weiter zurück musste man sich seinen Lebensunterhalt verdienen, indem man im Wald wilde Beeren sammelte und mit Speeren hinter Mammuts herlief. Was ist die Relevanz für den Assistenzarzt im Jahr 2012?
Welcher Mediziner kann sich nicht an die ersten Erlebnisse mit der sogenannten medizinischen Aus- und Weiterbildung erinnern? Die erste praktische Erfahrung mit der Klinik hat bei mir, wie wohl bei den meisten Ärzten, in Gestalt des Krankenpflegepraktikums stattgefunden. Einer der ersten Aufträge lautete: „Auf Zimmer 0815 liegt die Frau Müller, die kannst du schon mal waschen!“ Nun hatte ich damals zwar bereits die weibliche Anatomie außerhalb der ärztlichen Tätigkeit ausgiebig kennengelernt. Aber egal, auf was für spannende Ideen meine Freundin und ich auch gekommen waren, Waschen hatte nicht dazu gehört. Das lag vielleicht daran, dass wir beide Rollenspielen mit einem aktiven und einem passiven Teilnehmer nicht so viel abgewinnen konnten.
Ich hatte also noch nie eine Frau gewaschen, und ich war der Meinung, dass es die Würde der 90jährigen Patientin verlange, dass man es mir einmal richtig zeigt. Doch die Schwester meinte nur „Keine Zeit“ und verschwand mit ihrem Latte macchiato im Stationszimmer. Dass das Funktionsprinzip der Medizin „See one, do one, teach one“ sei, davon hatte ich schon gehört. Hier war man aber offenbar der Meinung, es ginge auch ohne „See one“. Nachdem ich mich noch ein paar weitere Male geweigert hatte, dieselbe Tätigkeit durchzuführen, und das Pflegepersonal jeweils verhindert war, weil das Heißgetränk nicht kalt werden durfte, dem Partner per Handy die Einkäufe diktiert oder die Tücken der Ovulationshemmung diskutiert werden mussten, hatte endlich ein Pflegeschüler, der offensichtlich schon bei „Teach one“ angelangt war, Erbarmen mit mir.
Im ersten klinischen Semester dann, als ich mich zum ersten Mal auf einer Station vorstellte, wurde ich von der ärztlichen Kollegin mit einem fröhlichen „Blut abnehmen kannst du ja!“, begrüßt. Sie war wohl auch Buddhistin, vielleicht die Reinkarnation des Oberarztes? Wie auch immer, die Enttäuschung über meine Verneinung verarbeitete sie sehr rasch, dann durfte ich an ihr üben. Nachdem ich also an den nicht zu verfehlenden bleistiftdicken Blutleitern einer jungen Frau meine erste Blutabnahme durchgeführt hatte, besaß ich den offiziellen Befähigungsnachweis, diese Tätigkeit auch an den thrombosierten Venen ihrer onkologischen, dreimal so alten, nicht selten multipel chemotherapierten Patienten auszuüben. Spätestens da dämmerte mir, dass die Mediziner ein seltsames Völkchen sind.
Etwas länger benötigte ich, um zu begreifen, dass die Mediziner überhaupt ein eigenes Völkchen sind. Ärzte gibt es allein in Deutschland mehr als zehnmal so viele wie Monegassen (in Monaco natürlich), und sie werden vom Laienvolk umgeben, wie das kleine Fürstentum vom großen Frankreich. Solche Inseln neigen dazu, skurrile Rituale zu entwickeln. Über den Kalauer vom auswendig zu lernenden Telefonbuch hat wohl jeder Medizinstudent und Arzt schon einmal gegähnt. Wie viele Witze hat aber auch dieser, abseits von seinem Mangel an Originalität, einen realen Kern: Situationen, die rund achtzig Millionen Deutschen nur grotesk vorkommen, nimmt jeder Mediziner als das Normalste der Welt hin. Die würdevolle Prozession einer Chefarztvisite wird allenfalls noch zu Fronleichnam in Altötting in den Schatten gestellt, und so manch alt gedientem Oberarzt stockt schon vor Schrecken der Atem, wenn ein Patient es wagt, den Herrn Professor direkt anzusprechen, so als wenn ein kecker Sechsjähriger versucht, die Monstranz zu begrapschen.
Aber diese Zeiten sind genauso unwiderruflich vorbei, wie die der Mammutjagd. Wir Assistenzärzte wollen eine adäquat bezahlte Arbeitsstelle mit realistischen Arbeitszeiten. Wir wollen irgendwann nach Hause gehen können zu einer Partnerin, die noch nicht das Weite gesucht hat, weil sie keine Medizinerin und der Meinung ist, die wirklich Kranken seien eigentlich die im Kittel. Wollte ich zölibatär leben, hätte ich eine Alternative ohne Nachtdienste gehabt. Und letztlich wollen wir eine gute Aus- und Weiterbildung durch Vorgesetzte, die dabei die Motivation an den Tag legen, die sie auch von uns verlangen. Der Chef- oder Oberarzt, der jetzt meint, er hätte dazu keine Zeit, wird vielleicht bald sehr viel Zeit haben, denn ohne Assistenzärzte wird seine Klinik nicht sehr lange überleben und er bekommt ausgiebig Muße, sein Handicap zu verbessern.
Bliebe nur noch eine Frage zu beantworten: Ein Jahr hat 60 x 60 x 24 x 365,25 (+ 0,25 wegen der Schaltjahre) = 31557600 Sekunden. 2 x 1017 Sekunden entsprechen also rund 6,3 Milliarden Jahren. Mit anderen Worten, Sie hätten mit dem Zählen irgendwo in der Dunkelheit der unendlichen Weiten anfangen müssen, denn der Urknall war da zwar schon ein paar Milliarden Jahre vorbei, aber Sonne und Erde gab es noch nicht.
Es bleibt zu hoffen, dass das Problem “Ärztemangel” in einer etwas kürzeren Zeitspanne gelöst wird.
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Kategorie(n): Inland Wissen Wirtschaft


