20.12.2012   15:10   Leserkommentare (0)*

Warum die Linkspresse eingeht. Ein Nachruf

Möglicherweise will Jakob Augstein doch nicht alles Geld, was ihm sein Nachnamensgeber vermacht hatte, in ein leckes Boot namens „Freitag“ versenken. Salonsozialisten müssen ja ein bisschen Kohle behalten, um den Salon zu wärmen. Jakob A. also wird, nach einem Bericht des Branchendienstes „Meedia“, neun von 40 Stellen in Verlag und Redaktion des Freitag streichen. Ziemlich brutal für ein Presswerk, das neoliberalen Kaputtsparern gern den Marsch bläst. Doch ginge es „jetzt ums Überleben“, soll der Freitag-Verleger verkündet haben.

Schade eigentlich. Mit seinem Freitag, der es im dritten Quartal dieses Jahres auf stolze 14000 verkaufte Exemplare brachte (schon eingerechnet rund 10000 Abos), hat der Mann in geneigten Kreisen des Staatsfernsehens heuer Einladungen generiert wie weiland Dieter Bohlen. Siebenmal schaffte er es in die üblichen Talkshows, war damit „meisteingeladener Nicht-Politiker“. Natürlich kommt man als arbeitsscheuer Pirat billiger zu TV-Präsenz. Aber ein Ponader ist der Jakob nicht. Eher ein Felix Krull.

Dass man ein sowieso dürftig bemanntes, heftig schlingerndes Boot auf Kurs bringen kann, indem man Matrosen über Bord schmeißt, erschließt sich freilich weder der Branche noch der überschaubaren Gruppe der Freitag-Fans. Höchstens ginge es andersrum: wenn ein Produkt vom Markt partout nicht angenommen wird, muss es verbessert werden. Das kostet. Dazu braucht es mehr Redakteure, nicht weniger, vielleicht gar ein neues Konzept.

Wie die Todesspirale funktioniert, hat der Fall der eingestellten „Financial Times Deutschland“ gezeigt. Sie kostete den Verlag Gruner+Jahr in zwölf Jahren eine Viertelmilliarde Euro. Ihr Papier war rosa, ihre Botschaft nicht selten rotgrün, ihre Zahlen immer dunkelrot. Als sich an den Letzteren auch nach etlichen Jahren nichts änderte, verordnete der Verlag dem siechen Organ Sparrunden. Dadurch wurde es für die Leser noch entbehrlicher. Bis am 7. Dezember das „Totenglöckchen“, welches Augstein – der Rudolf – einst vorschnell der FDP geläutet hatte, für die FTD tatsächlich schlug.

Sicher keine verwegene Wette, dem Freitag dasselbe Schicksal zu prophezeien. Augstein, der Jakob - mag er gewittert haben, dass es eine günstige Zeit ist, den defizitären Laden dicht zu machen? Eine Reihe von Printerzeugnissen kollabieren gerade oder stehen kurz vor dem Kollaps. Eine gute Gelegenheit, sich anzuschließen und das Debakel aufs böse Internet zu schieben. Am Kiosk unbesiegt. Der Dolchstoß kam durchs Netz!

Warum „gerade linke Zeitungen so große Probleme haben“, fragt sich erschüttert Wolfgang Michal auf carta.info. Ja, wie kann das denn angehen? „Weder die Turbulenzen der schwarz-gelben Regierung noch die Finanzkrise“ hätten den Linkspostillen neue Leser zugetrieben! Der Blogger nennt neben dem Freitag die insolvente „Frankfurter Rundschau“, die dahin dümpelnde „Berliner Zeitung“, die nur dank Bettelaktionen und Genossenzuschüssen überlebende „taz“ und das Kleinvieh aus dem ehemaligen SED-Stall, das auch keinen Mist macht, wie „Neues Deutschland“ und „Junge Welt“. Und er bemüht noch den historischen Flop von Manfred Bissingers 1993 gegründeter „Woche“. Sie kostete ihren eigentlich geizigen, aber auch anerkennungsbedürftigen Verleger Ganske ein Vermögen. Bis der nach neun Jahren endlich die Reißleine zog.

Was Fälle und Zahlen angeht, alles korrekt. Und die Gründe für das ganze Elend? Der carta-Blogger macht für das „Versagen der linksliberalen und linken Medien“ u.a. eine „Bekenntnisscheu der Aufsteigermilieus“ verantwortlich. Nach dem Zusammenklappen des Kommunismus 1989 ff. sei die „gesamte Linke – nicht nur die kommunistische – diskreditiert und in Mithaftung genommen worden“. Deshalb hätte sich das von den linken Medien umworbene „aufstiegsorientierte neue Bildungsbürgertum“ nicht mehr getraut, die Umwerber zu abonnieren. „Um nicht unangenehm aufzufallen und den eigenen Status zu riskieren.“

Auf Deutsch: gebildete Aufsteiger, tief in ihrem Herzen Kapitalismus und Marktwirtschaft verabscheuend und am liebsten linke Blätter verschlingend, (immer unterm Kopfkissen: „Das Kapital“), wagten nicht mehr, dieselben zu abonnieren, weil etwa der Chef davon Wind kriegen konnte. Daher vermochten linke Spitzenerzeugnisse des Qualitätsjournalismus nach 1989 nie mehr zu reüssieren.

Auf diese Dolchstoßnummer man erst mal kommen.

Ich komme auf was anderes. Warum linke Gazetten floppen, die Amerika und Israel für die ärgsten Feinde des Weltfriedens halten, Islamisten aber für verhandlungsfähig, warum Blätter, die eine Wirtschaftsordnung à la DDR light herbei sehnen und sämtliche Industrien außer die Sozialindustrie und den ökologisch-industriellen Komplex zum Teufel wünschen, warum Publikationen, welche die Schlagbäume für alle wirklich und vorgeblich Beladenen der Welt hochziehen möchten – das hat für mein Verständnis einen ganz simplen Grund. Er besteht in der überreichlichen Grundversorgung mit den oben genannten Einstellungen. Die nämlich werden von ARD und ZDF und von so genannten Leitmedien wie „Süddeutsche Zeitung“, „Zeit“ und „Spiegel“ frei Haus geliefert.

Auch von den diversen Regionalblättern, wie jeder weiß, der gelegentlich die Presseschau vom Deutschlandfunkt hört. Worüber „Donaukurier“ oder „Neue Osnabrücker Zeitung“ da leitartikeln, war früher hauptsächlich der Turf der FR und einiger DKP-Blättchen. Schere zwischen Arm und Reich immer größer, überall Bankster-Banden, die Staat und Volk ausplündern, Chancengleichheit in weiter Ferne, bedingungsloses Grundeinkommen, eine pfiffige Idee. Unablässig phantasiert der oberste Sozialindustrielle Ulrich Schneider („Der Paritätische“) abenteuerliche Zahlen über Massenarmut in Deutschland, weithin verschont von kritischen Journalistenfragen.

Wer braucht da noch Freitag-Schreiber?

Warum für gruftig gemachte Blätter wie die taz löhnen, wenn deren ideologischer Kontent von den Kollegen der „Tagesschau“, dem „Heute-Journal“, „Frontal 21“, „Kulturzeit“ usw., usf. kommod ins Haus gebeamt wird? Das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist mittlerweile bis tief in seine Krimiprodukte hinein linksdrehend. Es hält sich nicht mal mehr eine rechte Alibisendung, wie früher Löwenthals „ZDF-Magazin“.

Dass CO2 ein Teufelsgas ist, dass die Temperaturen quasi stündlich steigen, dass die „Energiewende“ der alternativlos richtige Weg zur Weltrettung ist und dass an den hohen Strompreisen nimmersatte Energiekonzerne die Alleinschuld tragen - muss ich das im Freitag nachlesen? Gute - das heißt in der Kulturszene: linke - Feuilletonstücke liefert mir die FAS. Die hält sich einen eloquenten Steinzeitkommunisten, den das Neue Deutschland gerne hätte.

Ach, bitter für die Macher: linke Blätter sind in Deutschland total überflüssig. Jedes Blatt der Republik, manchmal bis runter auf die Kinderseiten der Lokalzeitungen, verbreitet tendenziell linke, systemkritische Botschaften, berichtet zeilenverschwenderisch über Kinderarmut, Altersarmut, Alleinerziehendenarmut, Zuwandererarmut. All diese Blätter sind voll tolerant und multikultimäßig aufgestellt. Dass etwa der unschöne Tod des Linienrichters Richard Nieuwenhuizen nichts, aber auch gar nichts damit zu tun hat, dass Holland ein klitzekleines Problem mit gewissen Migrantengruppen hat, dass da nur eines mit „aggressiven Fans“ vorliegt (in ein- beziehungsweise zuschlägigen Zusammenhängen auch gern als Begriff genommen: „Jugendliche“), für diese pflichtschuldige Meinung brauche ich keine taz. Die bestätigt mir gern der „Stern“. Der hat sowieso die besseren Fotos.

Kurz, was sich heute als Linkspresse versteht, hat in Deutschland deshalb keine Funktion mehr, weil es – von Ausnahmen abgesehen – keine relevante rechte Presse mehr gibt, die ein Korrektiv bräuchte. Wie in den 1950ern, 1960ern und 1970ern. Auch keine rechten Politiker, von ein paar versprengten, einflusslosen Oldtimern abgesehen. Linke, grüne, teils totalitäre Bevormundungskonzepte sind im Medien-Mainstream angekommen. Neues Deutschland, überall.

Augstein, der Jakob, kann sein Lädchen getrost zusperren. Er ist ja noch relativ jung. Seine Kolumne in Spiegel wird ihn nicht standesgemäß alimentieren. Und die SZ hat haufenweise Leute wie ihn. Er wird das ihm verbliebene Geld des Namensgebers noch brauchen.

http://carta.info/51124/arm-und-nicht-mal-sexy-warum-gerade-linke-zeitungen-so-grose-probleme-haben/

http://meedia.de/print/der-freitag-augstein-will-stellen-streichen/2012/12/12.html?utm_campaign=NEWSLETTER_ABEND&utm_source=newsletter&utm_medium=email

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Kategorie(n): Kultur 

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