Wolfgang Röhl 17.05.2009 14:51 +Feedback
Wallraff, die Minu Fischer und ich. Holen den Grimme-Preis!
Es gibt Nachrichten, die klingen so, als habe man versehentlich eine Website vom 1. April aufgerufen. Da ist man total baff, wie dieser Typ am Strand, als 007 in einem der frühen Bond-Filme mit dem Unterwasserauto auftaucht. So ging es mir gestern, als ich diese Meldung in der „Münsterländischen Volkszeitung“ las:
„Die Produzenten Minu Barati-Fischer und Dirk Eggers planen einen Kinofilm über Günter Wallraff. Schwerpunkt soll die risikoreichste Aktion des Enthüllungsjournalisten sein. 1974 nahm Wallraff als Grieche verkleidet in Athen an den Demonstrationen gegen die damals herrschende Militärdiktatur teil. Er wurde gefangen genommen und gefoltert. Regie führt Lars Montag, wie die Jooyaa Filmproduktion Berlin mitteilte.“
Minu Dingsbums-Fischer! Das ist doch…genau! Nämlich die fünfte Gattin (oder die neunte? Habe vor Jahren das „Bunte“-Lesen aufgegeben) von Joseph dem Bullenschubser, the man formerly known as our Außenminister…
Der kennt natürlich den Günter aus alten Tagen, als es in allen Putzgruppen des Schweinesystems hoch her ging. Sicher hat er seiner schönen Frau einen Draht zu dem Enthüllungs-Crack gemacht, der bisher – bescheiden wie er ist – sein heroisches Leben besser nicht verfilmt sehen wollte. Glückwunsch zu diesem tollen Fang, liebe Minu! Hier sind ein paar Tipps in Sachen Wallraff, damit Ihr Filmdebüt ein durchschlagender Erfolg wird:
Auch ein Dokumentarfilm sollte Humor enthalten! Zum Glück ist daran kein Mangel, wenn es um Wallraffs Vergangenheit geht – seine Recherchiermethoden waren nicht selten zum Totlachen. So enthüllte er mal Erschröckliches über einen Professor namens Horst Gärtner vom Kieler Hygiene-Institut, der angeblich an biologischen Waffen für die Bundeswehr arbeitete. Wallraff hatte ihn unter falschem Namen als „Ministerialrat Stratmann vom Verteidigungsministerium“ angerufen (eine Methode, die er häufig verwendete) und in ein Gespräch über einen „Forschungsauftrag zur Überwindung der Immunitätsbarriere für Pockenerreger“ verwickelt. Gärtner antwortete, er wisse von keinem Forschungsauftrag für die Bundeswehr, sagte aber im Laufe des Gesprächs mehrfach „ja“ oder „ja, ja“; zum Zeichen, dass er „Strathmann“ verstanden hatte. Wallraff reimte den gutgläubigen Lesern seines Stücks das Ganze dann so zusammen, dass “Giftmischer” Gärtner damit seine menschenverachtende Arbeit für die Bundeswehr zugegeben habe. Womit im Nachhinein klar wurde, wie er, Wallraff, Jahre später so nahtlos in die Rolle eines „Bild“-Reporters schlüpfen konnte. Täuschen, tricksen und desinformieren lag ihm schon immer im Blut.
Etwas Pech war, dass der Professor den Rufmord nicht auf sich sitzen ließ und heftig prozessierte. Am Ende gewann er – nicht gegen Wallraff, sondern gegen den presserechtlich Verantwortlichen, den Chefredakteur der Zeitschrift „konkret“ Klaus Rainer Röhl, der Wallraffs linke Nummer ausbaden musste. Die Geldstrafe von 4000 Mark sowie die happigen Kosten für einen Widerruf in regionalen und überregionalen Blättern musste auch nicht Wallraff zahlen, sondern Röhl. Der Enthüllerkönig selber hielt sich bedeckt und schien bei den Gerichtsverhandlungen gar nicht auf. Als er jedoch den gefakten Artikel mitsamt den untersagten Behauptungen später ungerührt in einem Sammelband seiner „Reportagen“ veröffentlichte, kriegte auch er was auf den Deckel. Das Landgericht Kiel verdonnerte ihn zu 6000 Mark. Doch die konnte er aus der Portokasse zahlen, da sich das Buch inzwischen glänzend verkauft hatte.
Sehr komisch war auch immer der Günni als Privatmensch. Wie er mit seinem Kumpel Bernd Michels, einem später als Stasi-Spion verurteilten Adabei der linken Sozenszene auf St. Pauli und anderswo zockend um die Häuser zog – eine Zockernatur ist Wallraff ja durch und durch -, und was dabei so alles passierte, das müssen Sie, liebe dokumentarfilmende Minu, sich unbedingt im O-Ton von Bernd Michels erzählen lassen. Da liegen die Zuschauer unter dem Tisch vor Lachen!
Eine tolle Komödie war auch Wallraffs Abenteuer in Athen. Ich erinnere mich gut daran, denn zu Beginn war ich dabei. Es verhielt sich so: Wallraff, einige seiner politischen Freunde sowie in Deutschland lebende Mitglieder der Opposition gegen die Militärdiktatur in Griechenland (1967 – 1974) hatten verabredet, dass Wallraff mit einer spektakulären Aktion in Athen auf die Lage in dem Nato-Land aufmerksam machen würde. Dass geschah zwar etwas spät – die Diktatur war schon in ihrem siebten Jahr –, aber Wallraff war Feuer und Flamme.
Dass er in Athen verhaftet werden würde, war klar und intendiert. Sofort nach seiner Festnahme würden seine Freunde das Auswärtige Amt einschalten und so das Obristenregime darüber informieren, dass sie einen „berühmten deutschen Schriftsteller“ eingesammelt hatten. Wallraff würde auf diese Weise wahrscheinlich bald frei kommen. Einige Leiden waren auch einkalkuliert, denn ein Bruce Willis der Gutmenschen war Wallraff ja immer. Er fuhr auch gern in der Knallhitze von Lanzarote Rennrad, bis ihm fast die Birne platzte.
Weshalb er, der mit Griechenland nie viel am Hut gehabt hatte, sich plötzlich für die Aktion gegen das Obristenregime erwärmte, habe ich nie herausgekriegt. Es wurde später spekuliert, er habe damals befürchtet, dass eine fabrizierte Reportage von ihm aufzufliegen drohte und habe sich auf diese Weise als Märtyrer unangreifbar machen wollen. Aber das ist nie bewiesen worden. Jedenfalls wurde ich bestimmt, seine Aktion teilnehmend-beobachtend für das linke Magazin „dasda“ zu covern.
Die gesamte Aktion war unglaublich dilettantisch eingefädelt. Statt als Einzelkämpfer nach Athen zu fliegen und dort sofort in Aktion zu treten – Wallraff wollte sich auf dem Syntagma-Platz anketten und Flugblätter verteilen -, traf er sich in Griechenland zunächst mit mehreren Personen aus Deutschland, die mit einem DKP-unterwanderten „Ausschuss Griechenland-Soridarität“ zu tun hatten. Wären die Behörden im Griechenland auch nur ein bisschen clever gewesen, hätten sie die ganze Party schnell ausspioniert und hopp genommen, und mit dem beabsichtigten Fanal wäre es Essig gewesen.
Wallraff wohnte in einem Hotel, das praktischerweise in der Nähe des Hauptquartiers der Athener Geheimpolizei lag. Auch das so ein Klopfer, zu dem mir nichts mehr einfiel. Als wir aus Piräus zurückkamen, wo wir am Hafen gut gelaunt Steaks gegessen und eine solide Kette mit Panzerschloss gekauft hatten, ging Wallraff denn doch etwas die Muffe. Die schwere Kette, die er in einer Basttasche trug, klickerte vernehmlich. Ich übernahm sie schließlich und war darauf vorbereitet, ihre Existenz einem sich uns möglicherweise in den Weg stellenden Regimeschergen irgendwie zu erklären. Passierte aber nichts.
Den Rest des Tages raste ich mit dem Taxi durch Athen und versuchte, Korrespondenten ausländischer Blätter zum Syntagma-Platz zu locken. Die Öffentlichkeitsarbeit, das Wichtigste bei solch einer Aktion, war überhaupt nicht vorbereitet worden. Ich wusste nur, dass auf keinen Fall der dpa-Korrespondent eingeweiht werden durfte. Dessen griechischer Ehepartner galt als obristentreu.
Ein paar Journalisten, zum Beispiel von Oslos „Aftenposten“, versprachen mir, am übernächsten Vormittag die Anketterei zu beobachten und darüber zu berichten. In Skandinavien genoss Wallraff einen Ruf als Heiliger unter lauter deutschen Faschos. Ich rief auch die Redaktion des Politmagazins „Panorama“ an. Sie sagte zu, ein Team zu schicken.
Am 10. Mai – es war, glaube ich, um die Mittagszeit – schloss sich Wallraff an einer Straßenlaterne auf dem belebtesten Platz der Hauptstadt an und versuchte, mitgebrachte Flugblätter mit einem Aufruf gegen die Politik der Generäle zu verteilen. Die meisten Touristen ignorierten ihn, und nur wenige Griechen trauten sich, die Handzettel zu nehmen. Die
Korrespondenten beobachteten das dürre Spektakel; die Panorama-Leute filmten es durch eine konspirativ durchlöcherte Aktentasche. Hektik kam erst nach ein paar Minuten auf, als sich die ersten Spitzel und Agenten des Regimes – auf dem populären Platz im Herzen Athens waren immer genug von ihnen verteilt – um Wallraff scharten, ihm die Flugblätter entrissen und ihn zu Boden warfen.
Er bekam Schläge ins Gesicht ab, es floss Blut. Problem war, dass die Fernsehleute das nicht filmen konnten, weil sich inzwischen eine Traube von Menschen – die meisten wohl Spitzel – gebildet hatte. Das TV-Team ging nicht ins Getümmel, es fürchtete zu Recht, mit seiner großen Kamera (die Geräte waren damals noch voluminös) sofort aufzufliegen. Ich schlenderte zu dem Platz, wo Wallraff umringt am Boden lag, hob meine Pentax mit dem 28er Weitwinkelobjektiv über die Köpfe und hielt ein paar Mal drauf. Es sind die einzigen Aufnahmen vom verprügelten Wallraff. Sie gingen um die Welt. Na, sagen wir, durch Europa.
Als mir daraufhin ein paar Typen mit Riesenschnauzern, die ich aus dem Film „Z“ zu kennen glaubte, irgendwas Unschönes ins Gesicht versprachen und mich vor die Brust stießen, machte ich mich „I`m only a tourist“ murmelnd mit meiner Kamera aus dem Staub, verbuddelte den Film in einem Blumenbeet, checkte im Hotel aus, klaubte auf der Taxifahrt zum Flughafen den Film aus dem Beet und bestieg die nächste Lufthansa-Maschine nach Frankfurt. Die Bilder gab ich sofort zur dpa. Sie nahmen zwei davon, die schön authentisch-verwackelt aussahen. Später bekam ich dafür als einmalige Abgeltung 80 Deutsche Mark.
Ich bequasselte einen dpa-Redakteur, die Agentur müsse die Fotos unbedingt sofort senden und zwar im Eil-Eil-Status. Er hatte zunächst lange Zähne. Wallraff war 1974 gar nicht mehr angesagt - möglicherweise auch ein Motiv für seine Athen-Aktion. Immerhin, am nächsten Tag waren die Bilder in vielen Blättern. Auch Egon Bahr schaltete sich ein. Das Regime wusste bald, wen es sich eingefangen hatte.
Wallraff wurde einem, wie er es selber nannte, Folterverhör unterzogen, bis er sich als Deutscher outete. Ein Militärgericht verurteilte ihn zu 14 Monaten Knast, von denen er 77 Tage absaß. Dann brach das Militärregime, das schon lange unter dem Druck der Europäer und Amerikaner gestanden hatte, zusammen und die politischen Gefangenen wurden befreit. Ich hatte unterdessen bei Panorama – Redakteur des Beitrags war Stefan Aust - das geschildert, was die Kameraleute nicht hatten filmen können, nämlich Wallraffs Behandlung auf dem Syntagma-Platz. Natürlich honorarfrei. Später hat Wallraff meinem Blatt vorgeworfen, es habe ihn und seine Athen-Aktion „vermarktet“.
Damals war mir das leider nicht recht möglich. Aber vielleicht heute? Liebe Minu: wenn die todesmutige Athen-Chose im Mittelpunkt Ihres Wallraff-Biopics stehen wird, so wäre ich gegen ein angemessenes Honorar bereit, die skrupellose Schurnalistensau zu spielen, die den Günni damals schamlos ausgenutzt hat. Wir könnten eine Szene drehen, wo ich mit gierigem Grinsen die ganzen 80 Mark von der dpa in kleinen Scheinen in einen Koffer stopfe. Bin filmerfahren! Mache alles mit! Gemeinsam holen wir den Grimme-Preis!
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Kategorie(n): Inland

