Wolfgang Röhl 17.12.2009 16:17 +Feedback
Wahre Lügen. Die ARD, die Schwulen und die Gewalt
Die ARD-Sendung „Titel, Thesen, Temperamente“ war es mal wert, bis in die Puppen aufzubleiben. Das Spätmagazin überraschte immer wieder mit Querschlägern, die im ansonsten hoch konformen Kulturfunk Seltenheitswert besaßen. Auch der Fernsehmoderator, Schauspieler, Reporter, Produzent, Sänger und wer-weiß-was-noch-alles Dieter Moor war mal eine interessante, weil frische, unabgenutzte Erscheinung. Etwa als Moderator der Mediensendung „Canale Grande“ bei Vox, als Präsentierer der SWR-Sendung „Ex – was die Nation erregte“ oder als markanter Nebendarsteller in TV-Filmen wie „Opernball“ oder „Bloch“.
Seit 2007 moderiert Moor die Kultursendung. Seither ist es mit dem Charme seines Nussknackergesichts und mit der Einzigartigkeit der Sendung gleichermaßen vorbei. Unter dem Schweizer, der mittlerweile zum Biolandbau konvertiert ist, liefern die “ttt"-Redakteure nur mehr die übliche linksliberale Fließbandware ab, wie sie die Feuilletons von „SZ“, „Zeit“ oder „Tagesspiegel“ stapelweise im Regal haben…
Im ttt-Kasperletheater kriegen die herrschenden Reaktionäre, allen voran die Amis, permanent was mit der Latte auf die Platte, als sei der Kalender bei 1973 stehen geblieben und Willy noch Kanzler. Die ganze Veranstaltung ist zum Gähnen vorhersagbar geworden, wie eine Regietheater-Inszenierung aus dem Hause Claus Peymann, bei der man die Uhr danach stellen kann, wann kopuliert und in die Ecke gekotzt wird.
Ein Beitrag in der jüngsten ttt-Sendung war dazu noch ein Exempel für die Verdruckstheit und den Selbstbetrug, die einem bestimmten Teil der Schwulenszene eigen sind und die als Marke das Gesicht des Grünen-Politikers Volker Beck tragen. ttt wollte die „Neue Homophobie“ anprangern, die angeblich in Deutschland machtvoll auf dem Vormarsch ist, ungeachtet der Akzeptanz schwuler Ministerdarsteller, Party-Bürgermeister und Mediennasen. Einvernommen wurden dazu Volker Beck sowie, natürlich, Rosa von Praunheim, dessen von 1971 datierender Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ als Gründungs-Manifest der deutschen Schwulenbewegung gilt.
Beide beklagten wortreich, dass trotz heutzutage größerer Liberalität Schwule von breiten Teilen der Bevölkerung noch immer schief angesehen würden. Dass Umfragen ergäben hätten, dass die Hälfte aller Jugendlichen gleichgeschlechtliche Liebe nicht versteht, ein Drittel sie sogar ablehnt. Ja, dass auch die Zahl militanter Schwulenhasser immer stärker steige, wie die zunehmende Gewalt gegen Schwule zeige. Dazu wurden Fotos eines übel zugerichteten Schwulen eingespielt.
Das waren gleich drei Komplexe. Erstens, eine größere Zahl auch jüngerer Menschen „versteht“ Schwule nicht. Besteht eine Verpflichtung zum Schwulenverstehen, die irgendwo im Grundgesetz versteckt ist? Muss man vielleicht auch Zeugen Jehovas, Veganer, allein erziehende Mütter, Mitglieder von Vertriebenenverbänden, Volksmusikfans oder die letzten Träger von Arschgeweihen „verstehen“, im Sinne von mögen? Zweitens, selbst wenn Leute Homosexualität „ablehnen“ - ist das strafbar? Verwerflich? Homosexualität ablehnen, was heißt das konkret? Für sich selbst ablehnen? Wonach und wie wurde bei den so genannten Studien gefragt?
Probieren wir es mal mit dem common sense approach? Also, Homosexuelle sollten sich möglicherweise mit dem Gedanken vertraut machen, dass ihr Lebens- und Liebesstil den meisten Heteros ähnlich erstrebenswert vorkommt wie das umgekehrt der Fall ist. Kein Problem, oder?
Drittens, mit der steigenden Gewalt gegen Schwule, die gelegentlich den Charakter von Mordversuchen annimmt, hat das Vorherige nichts oder nahezu nichts zu tun. Schwulenwitze, Tuscheln am Arbeitsplatz, Stammtischgeblöke hin oder her, am Ende liegt doch niemand mit eingeschlagenem Schädel auf der Straße. Jagdszenen aus Niederbayern? Das war mal, in den Fünfzigern und Sechzigern. Was heute in schwulen Netzen - aber auch nur dort -heftig diskutiert wird, sind ganz andere Bedrohungen. In Groß- und Mittelstädten, wo schicke, schwule Viertel oft an die Kieze von Migranten grenzen (gemeint mit Migranten sind hier Türken und Araber, nicht Portugiesen oder Vietnamesen), müssen offen Schwule – manchmal auch nur Männer, die einen schwulen Eindruck machen - nach Einbruch der Dunkelheit mit Prügel und Schlimmerem rechnen.
Ein dafür typisches Revier ist die ungemein hip gewordene Lange Reihe in Hamburg, unweit des traditionell linken Schauspielhauses, ein paar Häuserblocks entfernt von der Multikultiwelt hinter dem Hauptbahnhof. Typisch ist die Lange Reihe auch für die Schizophrenie dort lebender Schwuler, die genau wissen, wer ihre Feinde sind, diese aber partout nicht öffentlich benennen mögen. Ausländerfeindlich? Wir doch nicht! In diesem von Medienleuten, Künstlern, TV-Größen und politisierenden Theaterschauspielern geprägten Juste Milieu wählt man selbstverständlich die Grünen, welche in Hamburg mitregieren. Grüne aber würden sich für einen Intensivtäter mit Migrationshintergrund, der nach dem dreißigsten Überfall in seine Heimat abgeschoben werden soll, freudig vor dem Rathaus anketten. Also, selbst wenn die schwule Szene ihre Peiniger öffentlich kenntlich machen würde, es nützte rein gar nichts.
Von diesem, dem eigentlichen, Konfliktherd war bei ttt so gut wie nichts zu sehen. Wie auf einem anderen, weit abseits liegenden Gleis spulte der Beitrag ab, vollkommen losgelöst von der Realität. Schwule, die ihn gesehen haben, mussten sich nachgerade vergackeiert fühlen. Ob sie die ttt-Redaktion mit Protestmails überzogen haben?
Ich wette: eher nicht. Ach, manchmal könnte man glatt homophob werden!
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Kategorie(n): Kultur


