16.11.2009 08:07 +Feedback
Von Worten in Fesseln und dem pompösen Vergessen
1981, lange bevor die Inflation der Gedenk- und Würdigungstage überhand nahm, die Nationen, Städte und Kommunen, Verbände, Interessengruppen und Kaninchenzüchter – und nicht zuletzt die UNESCO – zum unentwegten Platzpatronenballern auf den Jahreskalender animierte, erklärte der Internationale PEN den 15. November zum „Tag des inhaftierten Schriftstellers“, um auf die bedrohliche Lage vieler Autoren und Journalisten in aller Welt aufmerksam zu machen. Und so kam es, daß das mehrmals totgewünschte und bereits einmal fälschlich totgesagte, aber inzwischen wieder quicklebendige PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland aus diesem Anlaß nun zum zweitenmal ins Literaturhaus Berlin geladen hatte.
Während im vergangenen Jahr am selben Ort die Situation in China zur Sprache kam, stand diemal die prekäre Lage im Lande Lenins im Mittelpunkt, insbesondere die dortigen Einschränkungen unabhängiger Journalisten, die nicht nur Repressionen ausgesetzt sind, sondern Mordanschlägen, deren Aufklärung zudem amtlicherseits verschleppt oder behindert wird. Neben der diesjährigen Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, die mehr als ein Lied von staatlicher Unterdrückung und institutionellen Drohgebärden singen kann (zuerst in ihrem rumänischen Geburtsland, dann auch in ihrer Flucht-, Wahl- und Sprachheimat Deutschland), sprachen u.a. die 1977 mit der „staatsfeindlichen Jenaer Gruppe“ um Jürgen Fuchs aus der DDR ausgebürgerte Doris Liebermann, der Dichter und Physiker Boris Schapiro, der in Moskau aufwuchs und dort als Dissident die sowjetischen Methoden, Freiheit mit Füßen zu treten, am eigenen Leib erfahren hatte, der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung Günter Nooke und der einstige KGB-Häftling Konstantin Asadowski, heutzutage Präsident des PEN St. Petersburg und als solcher nur zu vertraut mit den Zurück-marsch-marsch-Tendenzen im potemkinschen Dorf der russischen „Demokratie“.
Freya Klier, Vorstandsmitglied des PEN-Zentrums und Initiatorin der 15. November-Events im Literaturhaus, leitete die Veranstaltung zum Thema „Rußland und das freie Wort“ mit den folgenden passenden Worten ein:
>>Vor einigen Wochen veranstaltete die Russische Botschaft in ihrer Residenz unweit des Brandenburger Tors ein rauschendes Fest. „Klotzen statt Kleckern“ hieß die Devise – Großmacht wurde demonstriert bis zum Gipfel der Hummer- und Kaviar-Pyramide. Neben dem bei derartigen Anlässen unvermeidlichen Gerhard Schröder und einer Reihe Geschäftsleute stiegen diesmal auch Prominente des Show-Business die zarenbreiten Stufen hinauf, bei denen man eigentlich mehr Schamgefühl vermutet hatte…
Auf der dem Botschaftsgelände gegenüber liegenden Straßenseite trotzten drei Handvoll Menschenrechtler dem pompösen Vergessen - neben Mitstreitern von „Memorial“ und „Amnesty International“ auch der Europa-Abgeordnete der GRÜNEN, Werner Schulz. So wenig Mahner da standen - den Russen waren sie schon zu viele, und so schob man kurzerhand Busse vor das Häuflein um Werner Schulz…
Ein uns bekanntes Procedere. Immerhin, die Menschenrechtler hatten das Glück, Bürger einer mitteleuropäischen Demokratie zu sein, von den Herrschern des Kreml heftig umgarnt: So blieben ihnen verdrehte Arme und Strafanzeigen erspart…
Mit Menschenrechtlern im russischen Reich wird derart zimperlich nicht verfahren; das weiß jeder in Deutschland ... und war doch den Herren Jauch, Platzeck oder Gottschalk bei der großen Sause in der russischen Botschaft kein kritisches Wort wert.<<
Jenen Lesern, die’s noch nicht wissen, sei’s hier – full disclosure—ins Ohr gewispert: Ich sitze mit Freya Klier im Vorstand dieses direkten Erbfolgers des 1934 gegründeten deutschen Exil-PEN. Da ich gestern selber nicht in Berlin anwesend war, beruht dieser Artikel auf Augenzeugenberichten und einer Kopie von Frau Kliers Begrüßungsworten, die sie mir dankenswerterweise zur Verfügung stellte.)
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Kategorie(n): Kultur


