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  02.02.2010   21:03   +Feedback

Vergessen wir die Reformen!

Hört man in Deutschland das Wort Reform, packt einen seit geraumer Zeit das Grauen. Man denke nur an so groteske Vorgänge wie Bildungs- oder Gesundheitsreform. Und nun sollen auch noch die Jobcenter reformiert werden. Deren Angestellte haben doch jetzt schon kaum Zeit für ihre Kunden, die Arbeitslosen.

Damit es klar ist: Es ist nicht die Angst vor Veränderungen, die einen bei solchen Reformankündigungen zusammenzucken lässt, es ist vielmehr das Wissen darum, dass alles nur noch viel verworrener in Erscheinung treten kann. Was sind eigentlich Module an den Universitäten? Wozu sie gut sind, wollen wir besser nicht fragen. Sonst fängt das Gezeter von vorne an, und das Schlagwortkarussell dreht sich weiter, von Orion nach Avatar, oder zumindest parallel dazu.

Eines ist auffallend: Reformen werden von Stichworten begleitet, von neugestalteten Begriffen, von Schlagworten. Hartz IV und Praxisgebühr. Riesterrente. Jede Reform schafft sich zunächst einmal ihre Sprache. Ganz wie die Utopie, aber nur für den Hausgebrauch.

Die Reformen unserer Gesellschaft werden mit dem Eifer der Bürokratie durchgeführt. Im Vorfeld sind zwar Experten und Politiker in der Öffentlichkeit einschlägig aktiv, aber die entscheidenden Schritte werden aus der Anonymität heraus beschlossen. An Schreibtischen, die wir nie zu Gesicht bekommen werden, und, unter uns gesagt, auch gar nicht in Augenschein nehmen wollen.

Jede Reform, die uns ins Haus steht, ist vor allem das Ergebnis einer Sprachregelung, auf die man sich in Gremien und Foren geeinigt hat, nach sich hinziehenden Vergleichen von Birnen und Äpfeln. Man erinnere sich bloß an die Rechtschreibreform und ihre Folgen in Form von Anekdoten für den Sprachwissenschaftlerstammtisch.

Muss man wirklich jede Buchstaben- und Paragraphenänderung gleich als Reform beginnen? Kann man nicht in aller Ruhe, stillschweigend die eine oder andere Vorschrift ändern, sobald sich herausstellt, wie wenig sie taugt, ohne gleich an ein Jahrhundertwerk zu denken?

Das auf diese Weise mögliche Ergebnis klingt zwar weniger spektakulär, hat aber den Vorteil, dass auch weniger Verwirrung gestiftet wird. Umtriebigkeit vorzutäuschen, ist letzten Endes wenig hilfreich. Auch wenn die Politik dazu neigt, wie nie zuvor. Die Politiker, die es nicht lassen können, sollten vielleicht nicht nur an ihre Termine denken, sondern auch an ihre eventuelle Hinterlassenschaft, und daran, dass diese nicht unbedingt eine Hypothek für die Gesellschaft sein muss.

Vergessen wir die Reformen! Ist es nicht erfreulich, wenn etwas so bleiben kann, wie es ist? Wenn sich in dieser schnellen Zeit, in der vor allem Spielzeug auf den Tisch kommt, Live 3D und Apple Tablet, etwas als haltbar erweist, als dauerhaft? Wenn auf etwas Verlass ist, und das mit gutem Grund. Warum genügt uns das nicht?

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Kategorie(n): Inland  Kultur 

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