13.10.2012   08:42   Leserkommentare (0)*

Verdünnte Kakerlaken im Pharmaziestudium

Wenn im nächsten Jahr in Traunstein die erste europäische Hochschule für Homöopathie eröffnet wird, ist das nur die Spitze des Eisbergs. Dank heftiger Lobbyarbeit der Deutschen Homöopathie Union DHU hat die Quacksalberei bereits Einzug in die regulären Studiengänge wie Medizin und Pharmazie gehalten, wie die Pharmaziestudentin Claudia dazu in ihrem Blog Now/Here schreibt:

“…Schon bald nach Studienbeginn wurde ich, im Chemie-Seminar, mit den drei in Deutschland gültigen Arzneibüchern vertraut gemacht und traute meinen Ohren kaum: das Europäische Arzneibuch, das Deutsche Arzneibuch und… das Homöopathische Arzneibuch, das, neben allgemeinen Herstellungs- und Prüfverfahren sowie Stoffbeschreibungen aus der Homöopathie, auch Anweisungen zur Anthroposophischen Medizin und der Spagyrik (ja, Alchemie) enthält.

Beispielsweise steht in einer solchen Monographie, daß man für ein bestimmtes „Arzneimittel“ auf keinen Fall die Deutsche Küchenschabe bis zur Unkenntlichkeit in Ethanol und Wasser verdünnen darf, sondern ausschließlich die Orientalische Küchenschabe. Des weiteren finden sich darin Potenzierungsvorschriften und mathematische Gleichungen um die Zusammensetzung von Urtinkturen zu berechnen.

Wer verbricht ein solches Buch? Wieso muss (!) jede Apotheke in Deutschland es in ihrem Schrank haben? Die Antwort ist traurig und erschreckend: unser eigenes Gesundheitsamt tut es. Im Übrigen ist Deutschland auch das einzige Land, welches ein solches Buch produziert. Wieder einmal stellt sich die Frage nach dem Warum, doch dazu werde ich gleich kommen.

Wenige Wochen später hielt ich ein Skript in den Händen, in welchem es darum ging, was Homöopathie, Anthroposophie und Spagyrik sind, welches ihre Prinzipien sind und wie man Verdünnungen berechnet – mit dem freundlichen Befehl, all das bis zur Klausur auswendig zu lernen. Diese Irrlehren seien ja schließlich Teil meines Lernzielkatalogs. Diesen wiederum bestimmt der Gegenstandskatalog der IMPP, der in der Approbationsordnung für Apotheker festgelegt ist. Und wer wiederum legt diese fest? Richtig. Das Gesundheitsministerium.

Meine schockierte Nachfrage, ob derlei Fragen auch Teil meines Staatsexamens sein würden, beantwortete der Dozent mit einem achselzuckenden Ja. Nachdem im Laufe des Semester in fast jedem meiner Fächer die Homöopathie (zum Teil völlig unkritisch) thematisiert wurde und es in einem Praktikum sogar eine freiwillige Übung zum Herstellen einer homöopathischen Verreibung gab, wandte ich mich schließlich an einen Dozenten, der offenbar ein großer Freund evidenzbasierter Medizin ist und auf die leider allgegenwärtige Esoterik nichts gibt. Dieser sagte mir, dass er die ganze Chose nach dem „Know your enemy“-Prinzip handhaben wollte – dass aber das ganze Übel (und somit auch die Arzneibuchangelegenheit) seine Wurzel in intensiver Lobbyarbeit habe. Es sei die DHU (Deutsche Homöopathie-Union), die „viel Manpower“ ihr eigen nennen könne und erfolgreich an den wichtigen Stellen interveniere. Doch dazu wird meine Recherche im zweiten Teil dieser Blogserie weiter in die Tiefe gehen.

Am Ende tauchten Fragen zur Homöopathie in zwei Prüfungen am Ende des Semesters auf, völlig unkritisch und auch von den Studenten, die mit der wissenschaftlichen Methode (noch?) nicht vertraut sind, völlig unhinterfragt…

All das: die Arzneibücher, der Gegenstandskatalog, die Prüfungsfragen und Vorlesungsinhalte sind ein Skandal, der sich, fast unbeachtet von der Öffentlichkeit, weiter ausbreitet. Daß in unserer aufgeklärten Zeit, in welcher klinische Studien das Bewerten von Behandlungsmethoden so einfach gemacht haben, eine „Arzneiform“, die ihren Wirksamkeitsnachweis seit 200 Jahren schuldig bleibt und reine Phantasie ist, solchen Raum bekommt, ist unfassbar und traurig…”

Das ganze Elend zum Nachlesen hier: http://now0here.blogspot.de/2012/09/homoopathie-in-der-pharmazie-eine.html
Ein Update der Augtorin über ihre Korrespondenz mit öffentlichen Instanzen wie dem Bundesgesundheitsministerium und über die Lobbytätigkeit diverser Esoterik-Verbände soll folgen.

Dieses “Fundstück” wurde von Dr. Ludger Weß entdeckt.

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Kategorie(n): Inland  Kultur  Wissen 

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