16.09.2012   13:34   +Feedback

Unterdrückung macht süchtig nach Unterdrückung

Eran Yardeni

Nur eine totale politische und moralische Orientierungslosigkeit kann vernünftige Leute zu dem Schluss verleiten, dass ein lächerlicher und vulgärer Film auf YouTube hemmungslose Ausschreitungen in der arabischen Welt auslösen konnte. Diese Behauptung eines kausalen Zusammenhangs ist ein Beruhigungsmittel für die rastlose Seele Europas. Denn wenn es stimmt, dass wir, oder dass einer von uns, dieses Chaos verursachte, bedeutet das auch, dass die brutale Zerstörung der westlichen Botschaften in den arabischen Ländern vermeidbar gewesen wäre. Mit anderen Worten: Hätten wir uns besser benommen, hätten wir die Hausaufgaben immer gemacht, wären wir zum Unterricht immer rechtzeitig gekommen und häten wir uns daran auch beteiligt, dann hätten wir anstatt einer Sechs eine Urkunde für außerordentliche schulische Leistungen bekommen. Was kann mehr Optimismus ausstrahlen als der Gedanke, dass wir Herren der Situation sind? Deshalb ist es auch kein Wunder, dass so viele Menschen in dem Film die Ursache für den Schwerttanz des Mobs vor den westlichen Botschaften sehen.

Die Wahrheit ist aber ein bisschen anders und zeigt ihr tragisches Gesicht vor allem da, wo vor kurzer Zeit der Frühling angeblich ausbrach. Sie erzählt uns, dass Unterdrückung und Diskriminierung, wie andere Rauschmittel, süchtig machen. Wer diese zu lange und zu oft konsumierte, kann die schlechte Angewohnheit nicht mehr loswerden. Man kann einen Diktator von heute auf morgen beseitigen, die mentale Struktur der Unterwerfung hingegen, die tief im kollektiven Bewusstsein der arabischen Welt verankert ist, kann man aber nicht so einfach entwurzeln.

Die undankbare Rolle, die USA, Israel und die westliche Welt in der historischen Entwicklung der arabischen Psyche während der letzten Jahrzenten spielen, ist von enormer Wichtigkeit zum Verständnis der heutigen Situation. Vor allem die USA stellen die kulturelle Schizophrenie der arabischen Völker bloß: Hass und Neid, Ablehnung und Anziehung. Auf der einen Seite greift man die amerikanische Botschaft an und tötet den Botschafter, auf der anderen Seite beantragt man Visum, um dort zu studieren. Man lehnt die Werte der westlichen Kultur ab, konsumiert aber die technologischen Produkte dieser Kultur, als könnten sie unabhängig von den westlichen Werten erfunden, entwickelt oder entdeckt worden sein.

Diesen verwirrenden Zustand der arabischen Psyche benutzt die radikale islamische Ideologie. Durch Hass versucht sie die gespaltene Seele ihrer Anhänger zu vereinen. Und weil sie mit der westlichen öffentlichen Wohlfahrt nicht konkurrieren kann, agiert sie gegen die Ideale des Fortschritts ein, als wären diese Ideale für die elende Situation in den arabischen Ländern zuständig.

Was wir in den letzten Tagen erleben, ist schlimmer als Fanatismus – das sind kulturelle Albernheit und kollektiver Infantilismus; Eine hartnäckige Verweigerung, die Verantwortung zu übernehmen, und eine verheerende Neigung, die Schuld immer bei Anderen zu suchen.

Mit den heutigen Ausschreitungen hat die billige und lächerliche Filmproduktion genauso viel zu tun, wie die Schuhgröße von Gunther Jauch mit der Entwicklung der mexikanischen Volksmusik in den 80er Jahren. Wenn man wollte, konnte man auch andere Auslöser finden oder erfinden, je nachdem, was die Selbstunterdrücker in der arabischen Welt erreichen wollen. 

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Kategorie(n): Kultur 

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