Maxeiner und Miersch 18.06.2010 11:36 +Feedback
Unter großen Geistern
Kürzlich durften wir dabei sein, als sich die geistige Elite traf. Bei einer berühmten Schriftstellerin zu Hause umringte man ein multikulturelles Büfett, trank Wein und analysierte die Weltlage. Bekannte Literaten waren anwesend, prominente Journalisten, Intellektuelle, die Posten in höchsten staatlichen Institutionen hinter sich hatten. Das Durchschnittsalter entsprach ungefähr dem von ZDF-Zuschauern.
Wir lauschten den Ausführungen einer Hauptstadtjournalistin zur Lage der Nation. Kurz gefasst ging ihre Analyse so: Die weltweite Krise hat sich dramatisch verschärft. Das Klima und der Kapitalismus sind am Ende. Schuld haben die Gier und die Spekulanten. Die Kultur wird immer seichter und die Menschen immer egoistischer. Deutschland und der Planet müssen gerettet werden. Gerade die Intellektuellen werden dabei dringend gebraucht. Sie endete mit dem Aufruf: “Ärmel aufkrempeln!” Vorträge dieser Art kennen wir seit den 70gern und können sie im Schlaf mitsprechen. Seither - und wie wir aus Geschichtsbüchern wissen auch davor schon - verschärft sich die Krise unentwegt. Einen Moment lang fragten wir uns, ob die Vortragende versehentlich ein altes Manuskript erwischt hatte, aus der Zeit, als sie die Rettung noch vom Politbüro der KPdSU erhoffte.
Dass sie die Rolle der Intellektuellen hervorhob, kam jedenfalls gut an, und auch der Wein tat seine Wirkung. Nun begann die Diskussion. Zunächst hielt der Chefredakteur eines Magazins für politische Kultur ein Koreferat. Er stimmte der Diagnose zu, aber mit klügeren Worten. Dabei warnte er die Versammlung eindringlich vor dem Internet. Es mache die Menschen verrückt. Ein Schriftsteller, der einst schon mit Rudi Dutschke den Ku’damm befreit hatte, sagte das Ganze nochmals, mit noch klügeren Worten. Ein Herr vom Fernsehen prophezeite, es werde in Deutschland zu Hungeraufständen kommen und der künftige Präsident Wulff werde sie mit Maschinengewehren niedermähen lassen. Allgemeines Stirnrunzeln. Der Ku’damm-Befreier schlug vor, alle sollten Artikel schreiben, um die Erkenntnisse dieses Abends zu verbreiten. Allgemeines Nicken. Uns verblüffte, was die Meisterdenker alles nicht zur Kenntnis nehmen. Etwa, dass die momentane Krise etwas mit staatlichem Schuldenmachen zu tun hat. Oder dass die apokalyptischen Klimaprognosen unter Naturwissenschaftlern umstritten sind.
Gegen Ende meldeten sich noch ein paar Gäste ausländischer Herkunft und eine Richterin aus Neukölln zu Wort. Da sie offenbar Kontakt zur Realität besaßen, hatten sie Schwierigkeiten, der Gesellschaftsanalyse zu folgen. Dafür erzählten sie ein bisschen, wie die Welt außerhalb von Schöneberger Stuckdeckensalons so aussieht. Es wurde dann doch noch ein netter Abend. Über Deutschland machen wir uns seither keine Sorgen mehr. Ein Land, das sich solche Intellektuelle leisten kann, ist robust.
Erschienen in DIE WELT am 18.06.2010
Permanenter Link | Druckversion
Kategorie(n): Inland Kultur Bunte Welt


