06.09.2012   11:06   +Feedback

Unsichtbar ist sicher

Letzte Woche kam es in Berlin zu einem viel beachteten Vorfall,  Ein Mann, der gerade mit seiner kleinen Tochter spazieren ging, wurde zusammengeschlagen. Die Tat geschah am hellen Tag in Friedenau, einem gutbürgerlichen Berliner Stadtteil. Das Opfer war ein Jude, die Täter vier Jugendliche mit Migrationshintergrund. Während der Mann das Kranken-haus nach vier Tagen verlassen konnte, konnten die Schläger auch eine Woche nach der Tat nicht gefasst werden, obwohl die Berliner Polizei eine Kommission gebildet hat, die fieberhaft nach allen Seiten ermittelt.

So etwas kommt in Berlin öfter vor. Meistens handelt es sich um Obdachlose, Behinderte oder Menschen dunkler Haut-farbe, die „Opfer sinnloser Gewalt“ werden, wie die Zeitungen hinterher bemerken. Diesmal war das Opfer aber ein Rabbiner, an seiner Kopfbedeckung, einer Kippa, als Jude erkennbar. Weswegen die Tat zu einem „feigen Überfall“ upgegradet wurde, einer „Attacke auf das friedliche Zusammenleben aller Menschen“ (Klaus Wowereit).  Denn wenn ein Jude heute in Berliner auf offener Straße zusammengeschlagen wird, spricht sich das auch im Ausland schnell herum. Und das ist schlecht für das Image der Stadt und den Tourismus, von dem die Metropole mangels anderer Industrien lebt.

Noch bemerkenswerter waren andere Reaktionen. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Gideon Joffe, sagte: „Ich kann niemandem guten Gewissens empfehlen, eine Kippa durch die ganze Stadt zu tragen. In bestimmten Gegenden Berlins würde ich sogar davon abraten.“ Der Leiter des Rabbiner-Seminars in Potsdam, Walter Homolka, äußerte sich noch klarer. Er gab seinen Studenten den Rat, auf das Tragen einer Kippa auf der Straße zu verzichten. „Stattdessen sollten sie eine unauffällige Kopfbedeckung wählen. Offenbar ist man nur sicher, wenn man als Jude nicht mehr sichtbar ist.“

Das also ist der aktuelle Zustand der viel gerühmten „Zivil-gesellschaft“ mit multikulturellem Hintergrund. Als Jude ist man nur sicher, wenn man unsichtbar ist, als Frau tut „man“ gut daran, sich zu verhüllen, als Homosexueller sollte man keine Regenbogenfahne aus dem Fenster hängen und als Behinderter oder Afrikaner am besten daheim bleiben. Damit niemand, der eine schwere Kindheit hatte und deswegen zu aggressivem Verhalten neigt, sich provoziert fühlt und zuschlägt.

Erschienen in der Weltwoche am 6.9.12

(Henryk M. Broder)


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Kategorie(n): Inland 

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