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  12.05.2009   16:57   +Feedback

Ulrich Sahm: Deutsche Ohren hören anders

Wer die Rede des Papstes am Montag in der Holocaustgedenkstätte Jad Vaschem
mit deutschen Ohren gehört hat, mag sie für angemessen gehalten haben. Doch
die Leitung von Jad Vaschem reagierte „empört und erschüttert“.

In ersten deutschsprachigen Berichten war die Rede von
„Menschheitsverbrechen“ an den Juden. Der Papst habe „der von den
Nationalsozialisten ermordeten Juden gedacht“. Gleichwohl kommen in seiner
Rede weder „Verbrechen“, noch die Nationalsozialisten, nicht einmal das
Wort „Mord“ vor.

Eine genaue Lektüre seiner Rede macht schnell verständlich, weshalb die Rede
in jüdischen Ohren empörend klang.

«Ich bin gekommen, um in Stille vor diesem Denkmal zu stehen, das zur
ehrenvollen Erinnerung an die Millionen in der schrecklichen Tragödie der
Schoah getöteten Juden errichtet wurde.» Israelis monierten, dass der Papst
die symbolische Zahl „sechs Millionen“ nicht über seine Lippen brachte.

„Tragödie“ klingt wie Erdbeben, Tsunami oder Autounfall, nicht aber wie ein
industrieller Massenmord von Menschenhand. 

Laut Papst wurden die „Millionen“, es könnten zwei, drei, oder vier
Millionen gewesen sein, bei dieser „Tragödie“ lediglich „getötet“ und nicht
ermordet. Selbst deutsche Juristen unterscheiden zwischen „Totschlag“ und
„Mord“. Freilich hat schon Luther die zehn Gebote der hebräischen Bibel
falsch übersetzt. Statt: „Du sollst nicht töten“ hätte es heißen müssen: „Du
darfst nicht morden“ (Al Tirzach).

Der Papst weiter: „Sie verloren ihr Leben...“ Das Leben verliert man bei
Autounfällen, Katastrophen oder durch Krebs. Doch die Juden in Auschwitz
„verloren“ nicht das Leben. Sie wurden zum Sterben in die Gaskammern gejagt.

„Sie haben ihr Leben verloren, doch niemals werden sie ihre Namen
verlieren,“ sagt der Heilige Vater. Er spielt auf das Bemühen von Jad
Vaschem an, die Namen der Opfer zu verewigen. Nur etwa die Hälfte der rund
sechs Millionen jüdischen Opfer der Schoah sind namentlich bekannt. Fast ein
Viertel des Volkes hat nicht nur den Namen verloren. Die Toten wurden
verbrannt. Das ist ein extremer Frevel bei Juden, die an ein Begräbnis
glauben, damit ihre Knochen am Ende der Tage wieder auferstehen können. So
haben die Nazis den ermordeten Juden nicht nur ihre Identität und den Namen
geraubt, sondern sogar die Chance, am Ende der Tage an der
Wiederauferstehung teilzunehmen.

Der Papst redet weiter von „überlebenden Mitgefangenen“. Das klingt, als
seien jene Juden, die „ihr Leben verloren“ rechtmäßige Gefangene gewesen.
Entsprechend hält er die Überlebenden für „Mitgefangene“. Die meisten Juden
waren nicht einmal zeitweilig „Gefangene“, sondern wurden gleich nach der
Selektion an den Rampen der Vernichtungslager direkt in die Gaskammern
geschickt.

„Man kann einen Mitmenschen seines Besitzes, seiner Chancen oder seiner
Freiheit berauben. Man kann ein heimtückisches Netz von Lügen spinnen, um
andere zu überzeugen, daß gewisse Gruppen keine Achtung verdienen. Doch
sosehr sich einer auch bemüht, man kann niemals den Namen eines Mitmenschen
wegnehmen.“

So vergleicht der Papst den Holocaust, die systematische Entrechtung der
Juden, ihre Erniedrigung zum Ungeziefer und schließlich ihre Ausrottung mit
Kleinkriminalität unter Nachbarn im bayrischen Hintertupfingen. Erneut
verkennt er, dass es das Ziel der von ihm nicht erwähnten Nazis war, die
Juden ihres Besitzes zu berauben, ihnen jenseits von „Chancen“ ihr Leben und
das Leben ihre Angehörigen auszulöschen. Und Gaskammern sind wohl etwas
anderes als Freiheitsberaubung.

Nach Zitaten aus dem Alten Testament, das der christliche Papst für sich in
Beschlag nimmt, behauptet Ratzinger, dass die Juden im Holocaust ähnlich wie
Abraham von Gott geprüft wurden. „Wie bei ihm wurde ihr Glaube geprüft.“ Im
schlechten Englisch des Benedikt XVI hieß es „getestet“ statt „geprüft“.

„Wie Jakob wurden sie in das mühevolle Ringen, die Pläne des Allmächtigen zu
erkennen, hineingestellt.“ Ins Hochdeutsche übersetzt war also der weltliche
Rassenwahn der Nazis, und der nachfolgende industrielle Massenmord
in Wannsee geplant und von Juristen
abgesegnet, kein modernes Verbrechen an der Menschlichkeit, sondern eine
religiöse Glaubensprüfung. Als hätten damals Jene, die vermeintlich dennoch
auf den „Wegen des Allmächtigen“ wandelten, auch nur die geringste Chance
gehabt, ihrem Tod zu entrinnen.

Die sechs Millionen jüdischen Sünder waren also selber schuld, wenn sie bei
der Gottesprüfung scheiterten. Deshalb mussten sie halt sterben. Wie gut,
dass Gott willige Helfer hatte, zum Beispiel die Deutschen, die Nazis, und
deren Helfershelfer, von denen der ehemalige
Wehrmachtssoldat Ratzinger freilich nichts gehört hat und deshalb wohl nicht
erwähnt.  In der logischen Folge vermied deshalb der deutsche Professor auch
Worte wie „Mord“ oder „Verbrechen“.

Auch im weiteren Verlauf seiner Rede wiederholt er dieses Motiv. Gott lebe,
aber seine Wege seien manchmal „geheimnisvoll und unergründlich“. Nicht
Deutsche oder Nazis haben den Holocaust verbrochen, sondern der Gott der
Juden selber, wie Ratzinger das anhand der Verse um Abraham und Jakob
hervorhebt.

Der Papst erzählt den Juden in Jad Vaschem weiter, dass die katholische
Kirche der Lehre Jesu „und seiner Liebe für alle Menschen“ verpflichtet sei.
Mancher Jude mit historischem Gedächtnis mag sich da gefragt haben, wieso
Millionen Juden während der Kreuzzüge in Deutschland, während der
Inquisition in Spanien 1492 und während der Pogrome in Osteuropa immer
wieder wegen dieser „Lehre Jesu“ ermordet, auf dem Scheiterhaufen verbrannt
oder vertrieben wurden. Wo und wann gab es je das vom Papst verkündete
„Mitgefühl der Kirche“ ? Oder meinte er vielleicht die Zwangstaufen und die
Rettung jüdischer Kinder im Holocaust, die durch Taufe ihren Namen, ihre
Identität und ihre Zugehörigkeit zum Judentum verloren haben?

Im nächsten Satz wird der Papst ganz aktuell. „Die Kirche ist all denen
nahe, die heute aufgrund von Volkszugehörigkeit, Hautfarbe,
Lebensbedingungen oder Religion verfolgt werden – sie teilt ihre Leiden und
macht sich ihre Hoffnung auf Gerechtigkeit zu eigen.“ Diese Auflistung
könnte Pamphleten von Menschenrechtsorganisationen oder der UNO entnommen
sein, die das Schicksal der unterdrückten Palästinenser beklagen. Die vom
Papst erwähnte „Hoffnung auf Gerechtigkeit“ ist im Nahen Osten eine Formel,
um die Legitimität der Existenz Israels in Frage zu stellen und die
„gerechten“ Forderungen der Palästinenser zu stärken, darunter das
vermeintliche „Recht auf Rückkehr“. 

Peinlich ist Ratzingers Erwähnung eines Wasserbeckens, in dem sich die
Gesichter jener spiegeln, die einen Namen haben. Seine Berater, falls er die
überhaupt bemüht hat, verwechselten die „Halle der Namen“ im Museum von Jad
Vaschem mit dem „Zelt des Gedenkens“, wo der Papst seine Rede hielt. Dort
gibt es kein Wasserbecken, sondern in den Boden eingelassene Ortsnamen:
Mauthausen, Dachau, Auschwitz usw.

Ausführlich erzählt der Papst, wie Eltern fröhlich Namen für ihre Kinder
ausgesucht hätten. Damit verließ der Theologieprofessor aus dem
Elfenbeinturm deutscher Universitäten völlig den Boden der Wirklichkeit in
Ghettos und Konzentrationslagern.

Subtil politisch wird der Papst wieder im vorletzten Abschnitt seiner Rede.
„Es ist ein Schrei gegen jeden Akt von Ungerechtigkeit und Gewalt.“ Das
Vokabular könnte von Amnesty International oder Human Rights Watch stammen.
Die beschweren sich allein über israelische „Akte der Ungerechtigkeit und
Gewalt“, und nur selten über den „legitimen Widerstand“ palästinensischer
Selbstmordattentate oder dem Raketenbeschuss der Hamas auf Israel. Seine
Worte werden zwangsweise von Israelis falsch verstanden, auch wenn es der
Papst anders meinte.

Ausgerechnet in Jad Vaschem verpasste Papst Benedikt XVI die Chance, durch
ein klein wenig persönliche Betroffenheit oder eine Bitte um Vergebung
seiner Kirche die Herzen der Juden zu erobern.

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Kategorie(n): Wissen 

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