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  26.12.2009   12:15   +Feedback

Tyrannenmord, rumänisch

Der Sturz der beiden Ceausescus überraschte selbst die, die ihn angeblich seit Jahren geplant hatten. Zu groß war die Angst vor der Macht und vor der Willkür. Das Ceausescu-Regime stützte sich, weit mehr als auf die Repression, auf seinen Ruf, repressiv zu sein.

Indem es konsequent wirkte und gleichzeitig inkonsistent war, zog es alle Register einer Balkan-Autokratie, an die niemand glaubt, und der alle dienen, und sich damit lächerlich machen. Das Staatsdrama, zu dessen Akteuren man als Bürger automatisch gehörte, konnte auch als unfreiwillige Parodie wahrgenommen werden. Aber sobald man lachte, tat man dies auf eigene Kosten. Und das in jeder gesellschaftlichen Rolle, in der man sich befand.

Man lachte über die gefälschten Wirtschaftsdaten und über den unhaltbaren historischen Vergleich des Diktators mit den legendären Fürsten, und die Zahlen waren eigenhändig gefälscht, und der historische Vergleich führte nicht selten die Künstlerhand. Wer möchte schon daran erinnert werden?

Man zieht die Spekulation der Geschichtsschreibung vor, und setzt mehr auf die Verschwörung als auf die Handlung. Aber auch dahinter verbergen sich handfeste Interessen, die nach Legitimität suchen. Wo keine ausreichende institutionelle Ordnung herrscht, bedarf es der rüden Autorität. Sie ist, bedingt durch die porösen Verhältnisse, meistens selbsternannt und neigt zur Nötigung.

Im Ergebnis der Einrichtung der Ceausescu-Familiendiktatur wurde alles, alle Verlautbarungen der Machtinhaber, als eine kollektive Demütigung verstanden. Diese fortgesetzte Demütigung bestand darin, dass man nicht nur frieren und hungern musste, sondern öffentlich zu erklären hatte, dass es keinen Hunger und keine Kälte gab, und dass man diesen wundersamen Zustand dem Regime zu verdanken habe. So oder so.

Dieses kollektive Gefühl der Demütigung kostete das Diktatorenpaar das Leben. Nicolae und Elena Ceausescu wurden am ersten Weihnachtstag 1989 hingerichtet. Diese Hinrichtung gilt als peinliche Episode in der vom Pathos der Menschenrechte getragenen ostmitteleuropäischen Freiheitsjustierung des Jahres 1989. Ist Rumänien anders?

Die kulturellen Grundlagen des Balkan-Autoritarismus gehen auf die Obsession der Eigenständigkeit zurück. Man hat zwar zum Repertoire der Moderne nichts beigetragen, aber man hat eine starke Meinung über die Grenzen dieser Moderne. So nimmt der Nationalstolz die Form des Nationalfrusts an und der Nationalfrust die Form des Nationalstolzes. Gefahr und Bedrohung kommen von außen. Den Kern der Ceausescu-Ideologie, des Nationalkommunismus, bildete die Idee der Unabhängigkeit. Ihre Einmischung in den Verlauf des Temeswarer Aufstands vom 16. Dezember 1989 begründen noch heute diverse Geheimdienstler und Armeegeneräle mit dem Argument, es seien sowjetische und ungarische Manipulatoren am Schauplatz der Revolte um den Pfarrer Tökes aktiv geworden. Damit wären die Mörder der Temeswarer Demonstranten Nationalhelden.

Und heute? Man prangert im privaten Gespräch Korruption und Vetternwirtschaft an, und mitten drin klingelt das Telefon, und am Telefon ist, wie immer, ein guter Bekannter, einer aus der Seilschaft, der sein Anliegen jetzt wortreich vorträgt. Natürlich geht man darauf ein, wie sollte man ihm, dem Lieblingsneffen, einen Herzenswunsch verweigern? Rechnet man die Problematik gesamtgesellschaftlich hoch, so erscheint die Demokratie nicht mehr als das Gegenteil der Diktatur, sondern als ihre Kehrseite. Das ist die missliche Lage Rumäniens zwanzig Jahre danach. Es nimmt die Kehrseite ein.

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Kategorie(n): Ausland  Kultur 

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