26.02.2008   13:52   +Feedback

Trotzki was here oder Der lange Weg zum Revolutionär

Die ruhmreiche Arbeiterklasse weiß wieder einmal von nichts. Hamla Sokak, Hamla Sokak? Auf der ganzen Insel, die wie ein winziger grüner Tupfen im Marmara-Meer vor Istanbul liegt, scheint noch keiner etwas von einer Straße dieses Namens gehört zu haben. Weder Pferdekutscher noch Fischer können Auskunft geben, von den wenigen Passanten ganz zu schweigen, die auf dem schattigen Trottoir an Gärten vorbeilaufen, die tatsächlich „voll sind mit dicken, fast fettleibig wirkenden Rosen“. Ein Zeitungstext vom Juni 1933 - zuerst erschienen in Paris-Soir, irgendwann in einem Sammelband des Diogenes Verlages auch auf deutsch veröffentlicht – als bester Reiseführer. Verfasser: Georges Simenon. In jenem Sommer reiste der „Maigret“-Autor über Istanbul per Fährschiff auf die nahegelegenen „Prinzeninseln“, um auf dem letzten Eiland Büyük Ada (das er übrigens fälschlicherweise „Insel Prinkipo“ nannte) nach Leo Trotzki, dem damals weltberühmtesten Revolutionär zu suchen.

Die russischen Matronen, die siebzig Jahre später neben mir auf den sonnenbeschienenen Holzbänken der Fähre sitzen, sind dann aber wohl nur noch Randfiguren aus dem Schlusskapitel des realen Revolutionsromans – offensichtlich wohlhabende Gattinnen von Ex-Nomenklatura-Kadern, welche die kapitalistischen Lektionen schnell gelernt haben, auch wenn sie die türkischen Vokabeln auf ihren Handy-Schirmen nicht deuten können. Ein grimmig blickender Alter bietet Hilfe an, er versteht die Worte, doch spricht er allein türkisch – die technische Revolution überfordert ihre (Stief-)Kinder. Vielleicht sind derlei Geschehnisse und Betrachtungen ja die beste Einstimmung für die Suche nach jener Villa, die Leo Trotzki in seinen ersten Exiljahren von 1929 bis 1933 bewohnt hatte: Der Weg ist das Ziel. Und die Allee, die links vom Hafen oberhalb zahlreicher Villen entlang führt, dabei aber immer parallel zum Meer verläuft, genau diese Allee muss Simenon gemeint haben. „Der Wagen hält. Mein Kutscher zeigt mir mit ausgestrecktem Arm den Weg. Ich brauche nur noch ein Gäßchen zwischen zwei Mauern hinabzusteigen. Alles ist derart still und unbeweglich – die Luft, das Wasser, die Blätter, der Himmel -, dass man meint, die Sonnenstrahlen zu zerbrechen, wenn man sie durchschreitet.“

Schließlich ist die Hamla Sokak gefunden, Simenon hat bei der pittoresken Beschreibung nicht im mindesten geschummelt, wenn er auch das Imposante der mit schneeweißem Holz verkleideten Villen nicht erwähnte, ihre Einrahmung zwischen Palmen und Oleanderbüschen. Ein wenig Deep South, ein wenig Hitchcocks Psycho. Wie heiß und still es ist! Wie oben auf der Allee die Hufe der Droschkengäule (Autos sind auf Büyük Ada, seit alters her Rückzugsort der Istanbuler Reichen, nicht erlaubt) immer gedämpfter aufs Pflaster schlagen, wie allein der Wind in den Palmenwipfeln ein Wispern von sich gibt! Gleicht man Simenons Darstellung mit der Information des Zeitungsladeninhabers am Hafen ab ( „last villa at the right-hand side“), dann kann Trotzkis einstiges Domizil nur das verwaiste Haus mit den leeren Fensterhöhlen sein. Kaum bin ich ein paar Mal an der Gartenmauer entlang gelaufen, steigt schon vom Apfelbaum des gegenüberliegenden Grundstücks ein gedrungener Mann herab, überquert den schmalen Kiesweg und öffnet für mich wortlos die quietschende eiserne Eingangstür. Eine Falle? Ist der Mann vielleicht gar eine Art türkischer Wiedergänger jenes Ramón Mercader, der 1940 in México-City auf Stalins Geheiß Trotzki den berühmten Eispickel in den Schädel rammte? Aber nein, der Saisonarbeiter möchte sich nur ein wenig Trinkgeld verdienen und schaut vorsichtshalber in das kleine Pächterhaus rechts, damit ihn bei seiner non-verbalen Führung keiner störe. „Trotzki Evi, Trotzki Evi“ („Trotzki-Haus“) wiederholt er eins ums andere Mal und lässt mich auf überwachsenen Pfaden hinunter zu der malerischen, von permanenter Vegetation nur so umzingelten Ruine laufen, die aussieht als wär´s ein Gemälde von Böcklin. Die Steinfliesen auf der Terrasse, wo Trotzki damals Simenons Fragen nach der kurz bevorstehenden proletarischen Weltrevolution beantwortet hatte, sind aufgebrochen und zersplittert, die mit schadhaften Lattenrosten vernagelten Fenster lassen in schuttübersäte Innenräume blicken – keine Spur mehr von einer Bibliothek, in deren Regalen der verdutzte Franzose einst sogar Célines Reise ans Ende der Nacht entdeckt hatte. Nostalgie mag dennoch nicht aufkommen: Trotzki, der im Vergleich zu Stalin beträchtlich intellektuellere Menschenschinder, hatte 1929, als man ihn hierher in die sonnige Türkei vertrieb, einfach das Machtspiel verloren – was auch immer seine nachgeborenen Verteidiger an Idealisierungen noch vorbringen. Auf dem leicht ansteigenden Weg zurück zur Gartenpforte balgen sich zwei schwarze Katzen um einen Plastiksack und wälzen sich wütend in einem Bett aus trockenen Piniennadeln. „Unterhalb“, so 1933 Georges Simenons, der offensichtlich von der Gegend beeindruckter war als von Trotzkis ideologischen Antworten, „unterhalb sieht man das Meer glatt und blau heraufschimmern.“ Ein etwas abseitiger Gedächtnisort, zu dem man – so würde wohl unser gänzlich unbelasteter Ex-Kanzler formulieren – mal immer wieder gern hingeht.


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Kategorie(n): Ausland