David Harnasch 31.10.2011 00:06 +Feedback
„Traveln“ - der politisch korrekte Club Aldiana
Ich sitze grade auf der völlig zu recht ihrer Aussicht wegen exzellent reputierten Dachterrasse des „Old Jaffa Hostel“. Selbstverständlich habe ich ein eigenes Zimmer gebucht, Schlafsäle sind für Strafgefangene. In der Dritten Welt. Und für Traveller.
Mit dieser Spezies Weltenbummler hatte ich bisher noch keinen Feindkontakt im Feld, Freunde berichteten mir von ihren Rucksackreisen erst nach ihrer Rekonvaleszenz zum Einheimischen. Nun sitzen solche Leute um mich herum und reden übers kochen. Was einerseits insofern nahe liegt, als sie Spaghetti essen, die sie in der Hostelküche selbst zubereitet haben. Was andererseits aber ein Indiz massiver Ignoranz ist, denn keine 50 Meter von hier gibt es bei Abu Elafia die besten Burekas der Stadt, bei Dr. Shakshuka – Shakshuka natürlich, und keine 10 Minuten Fußweg entfernt bei Abu Hassan den besten Hummus der Welt.
Der Traveller an sich begründet seine kulinarische Borniertheit mit Geldmangel, was gelogen ist. Das Cordelia von Starkoch Nir Zook auf der anderen Seite der Yeffet zu meiden ist zwar aus meiner Sicht ein Fehler, aber durchaus vernünftig, wenn man keine 150 Euro für ein Abendessen ausgeben kann. Auf sensationelles typisch einheimisches Essen zu verzichten, weil man pro Mahlzeit drei Euro mehr investieren müsste als für Miracoli ist hingegen schlicht dämlich. Bzw, es wäre dämlich, wenn man einen Funken Interesse für das bereiste Land aufbrächte.
Vorgestern machte ich den Fehler, mich in eine Konversation einzuschalten. Dem allgemeinen Lamentieren darüber, dass man Samstags so rein gar nichts unternehmen könne hielt ich entgegen, dass im Rubinstein-Pavillion des Tel Aviv Museums eine Street Art-Ausstellung stattfindet die – Achtung Traveller – nicht mal Eintritt kostet. Dabei hätte ich es belassen sollen. Als ein Schweizer erklärte, das Nachtleben Tel Avivs sei im Vergleich zu dem Zürichs (!) enttäuschend, musste ich aber doch nachfragen, ob er das ernst meint. Meinte er. Später wurde mir klar, wieso. Doch zunächst ging das Gespräch zum anderen wichtigen Travellerthema: Werwarwo. Relativ leicht zu ignorieren, bis die Runde feststellte, dass noch niemand im Libanon war und das doch interessant sein müsse. Ist es, weiß ich, ich war mehrfach dort. Wie ich denn das mit dem israelischen Visum im Pass handhaben würde? „Ich habe zwei Pässe. Einen für die USA und Israel und einen für die Arschlochländer.“ Totenstille, bis ein Österreicher völlig entgeistert meinte: „Aber das SIND doch die Arschlochländer schlechthin.“ Derselbe Österreicher wollte mir dann erzählen, das säkulare Israelis im Schnitt nur ein Kind hätten, lediglich die Orthodoxen sich wie die Karnickel vermehrten (was Blödsinn ist) und dass religiöse Israelis keinerlei Austausch mit den weltzugewandteren hätten (was ebenso Blödsinn ist, man gucke einfach mal auf der Straße irgendeine beliebige Gruppe Soldaten an und zähle die Kippaträger – vorausgesetzt man schafft es, den Blick von den Soldatinnen abzuwenden). Zum Glück hatte ich eine gute Ausrede, das Gespräch hier zu beenden, denn ich musste aufbrechen ins angeblich grade Freitags nicht vorhandene Nachtleben. (Für Freunde elektronischer Musik: Efdemin legte im Block Club auf.)
Das könnte man alles wissen, wenn man es denn wollte, man muss nicht mal Hebräisch können. Seit drei Tagen höre ich aber immerimmerimmer, wenn ich in meinem Zimmer vorbeigucke von der Dachterrasse die bekannten Stimmen in den zugehörigen Mundarten. Diese Leute verlassen das Hostel offenbar ausschließlich, um zum Supermarkt zu gehen und Spaghetti zu kaufen. Und wenn sie zurück sind, sprechen sie über Spaghetti oder bestätigen einander, was eine Begegnung mit Einheimischen sofort widerlegen würde.
Touristische Borniertheit stört mich an sich überhaupt nicht. Bevor ich mir Istanbul ansah, war ich ein halbes Dutzend Mal „in der Türkei“. Ich reiste jeweils im selben Flieger mit der Megglebutter, die ich anschließend im hermetisch gegen alles Türkische abgeriegelten Robinsonclub auf dem Buffet fand. Dabei plagt mich kein schlechtes Gewissen – Antalya interessierte mich einen feuchten Dreck, ich wollte lediglich die Garantie, auch im Oktober noch Sonne und Wärme genießen zu können. Die verlogenen, vom Club organisierten „Land und Leute“-Touren zu irgenwelchen Teppich- Goldschmuck- und Jeanswucherern habe ich mir gleich geschenkt.
Was mir an meinen Dachterrassennachbarn kolossal auf den Zeiger geht, ist, dass sie bei all ihrer evidenten Ignoranz offensiv behaupten, „authentischere“ Erfahrungen zu sammeln als Otto Pauschalurlauber. A propos Authentizität: Ich wurde grade Zeuge einer Unterhaltung darüber, ob man die Wäsche über Nacht hängen lassen könnte. Nachdem alle ihre iPhones konsultieren, einigten sie sich, dass es sternenklar sei. Ein Blick in den Himmel hingegen zeigte mir: Dichte Wolken, überm Mittelmeer gelegentliche Blitze. Klingt erfunden, fand eben exakt so statt.
Lauscht man ihren sonstigen Gesprächen stellt man fest, dass sie stets von Landschaften schwärmen, Einheimische aller Art sie aber stets übervorteilen, unfreundlich sind oder sie sonst wie mies behandeln. Das nun wundert mich nicht, grade weil meine Erfahrung gegenteilig ist: Zu mir waren auf Reisen eigentlich alle Leute immer ausgesprochen nett. Was erstens daran liegt, dass ich selbst stets guter Stimmung bin, und zweitens hinreichend Geld mitnehme. (Und drittens daran, dass ich mal in Berlin gewohnt habe. Im Vergleich dazu sind die meisten Urwaldkannibalen geborene Gastgeber.) Dass dank der Billigflieger wirklich jeder die Möglichkeit hat, die Welt zu sehen, ist super. Aber: Wer sich kein Schawarma auf die Hand leisten kann, der möge bitte lieber zwei Tage kürzer, dafür auf menschenwürdigem Niveau verreisen.
Bisher dachte ich, reisen bildet: Man muss schon unter einer massiven antisozialen Persönlichkeitsstörung leiden, um in Tel Aviv nicht innerhalb weniger Stunden einheimische Freunde zu finden und sein Klischeebild vom Nahen Osten zu relativieren. Vielleicht trifft die Diagnose auf meine Zimmernachbarn zu. Die werden nach ihrer Rückkehr ihre durch keine Realität geschliffenen Vorurteile als vor Ort verifiziert verkaufen. Das ist zwar ärgerlich, aber das kleinere Übel: Richtig schlimm wäre, wenn die Tel Avivis glauben müssten, alle Europäer wären so drauf. Und da sind zum Glück einerseits die “spießigen” aber real interessierten Gäste des Hilton, King David und Sheraton vor – und andererseits die deutschen Djs, und Musiker die hier jedes Wochenende eingeflogen werden!
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Kategorie(n): Kultur Bunte Welt


