Dr. Alexander Gutzmer 15.05.2010 09:32 +Feedback
Traumland? Albtraumland?
Wie viele Eiffeltürme gibt es? Jedenfalls eine ganze Menge. Wenige Bauwerke ziehen die Nachmacher unter den Architekten und Spielzeugproduzenten in ihren Bann wie das 1888 zur Weltausstellung fertig gestellte Monument. Paris hat einen, Las Vegas auch, China hat gleich zwei – in Themenparks, die beide „Window of the World“ heißen. Der Eiffelturm ist eher globale Phantasmagorie als reales Stück Architektur.
Mit solchen Phantasmagorien befasst sich die Ausstellung „Dreamlands“ im Pariser Centre Pompidou. Sie zeigt, wie die Welt im 20. Jahrhundert begonnen hat, sich selbst architektonisch zu imitieren und Städtebau als kollektive Traumrealisierung zu verstehen. Von den Ursprüngen der Traumlandschaften im New Yorker Coney Island über das modernistische Manhattan und zeitgenössische Megaprojekte in Shanghai oder Dubai zeigt „Dreamlands“, wie „Stadt“ immer wieder zur Realisation menschlicher Phantasmagorien herhalten musste oder durfte.
Stadtplanung wurde so zu etwas Frivolem. Und das ist sie bis heute, nicht nur, wenn Berlin mal wieder baulich mit seiner eigenen Preußen-Vergangenheit flirtet. Ob Shanghai oder Dubai: Immer geht es um ein Stück gesellschaftliche Triebbefriedigung, wenn gigantisch gebaut wird.
Das heißt umgekehrt auch: Nicht gigantisch zu bauen löst die bestehenden Triebe nicht auf. Deshalb verurteilt „Dreamlands“ baulichen Gigantismus auch nicht in Bausch und Bogen. Natürlich gibt sich die Ausstellung kritisch, ebenso wie Rem Koolhaas, dessen New York-Visionen sie einen ganzen Raum widmet. Am Ende aber ist „Dreamlands“ ambivalent, abgestoßen, aber auch fasziniert von den wilden Stadtkopien, die in Las Vegas stehen und in Dubai entstehen.
Diese Ambivalenz gilt für uns alle. Unbewusst will etwas in uns mehr als städtebaulichen Harmonismus. Wir sind angezogen von Stadträumen, an denen wir uns reiben können, die auch ein wenig bedrohlich oder verstörend wirken. Das gilt nicht zuletzt für die Nachkriegsdeutschen. Im eigenen Land betreiben wir, auch nach der Erfahrung des nationalsozialistischen Bau-Wahnwitzes, mit Traufhöhen und Fassadenrestriktionen heute bauliches Maßhalten. Umso mehr werden wir verführt vom urbanen Wildwuchs in Asien oder Nord- und Lateinamerika – und reisen folglich ständig dort hin.
Übrigens: Traditionelles deutsches Bauen hat durchaus Phantasmagoriepotenzial. Eine der Hauptattraktionen im originalen „Dreamland“, einem frühen Themenpark in Coney Island, war nichts anderes als eine Miniaturausgabe des mittelalterlichen Nürnbergs.
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Kategorie(n): Kultur


